Das Ohr isst mit

Hombis Salon ist ein guter Grund, um nach Zürich-Oerlikon zu fahren. Klassiker, Jazzer, Singer-Songwriter und Köche präsentieren sich hier; nun ist eine Chopin-Reihe gestartet.

Der Traum ging in Erfüllung: Christoph Homberger in seinem Salon in Oerlikon.

Der Traum ging in Erfüllung: Christoph Homberger in seinem Salon in Oerlikon. Bild: Sabina Bobst

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Zürich sei ja nur der Vorort von Oerlikon, singt Christoph Homberger, den alle Hombi nennen; und ein Chörli aus jenen, die nachher das Essen servieren werden, echot: «Oerlikooon!» Am Klavier sitzt eine Pianistin, die kurzfristig eingesprungen ist, weil die Hauptpianistin des Abends erst später kommen kann. Peter Brunner, der einst in Kaiser's Reblaube gekocht hat, ist dagegen schon lange da, nach dem letzten Ton kommt die Vorspeise auf den Tisch: Ein Stücklein Focaccia, marinierter Fenchel, Paté, Trockenfleisch.

Wir sind in Hombis Salon, am Dialogweg 11 beim Leutschenbach; dort also, wo sich der Tenor Christoph Homberger vor gut drei Jahren seinen Traum erfüllt hat. Davor hat der 1962 geborene Zürcher eine international erfolgreiche, ziemlich eigenwillige Karriere gemacht. In den Basler Inszenierungen von Herbert Wernicke hat er die Opernhits schon früh von einer anderen Seite her kennen gelernt. Später ist er Teil von Christoph Marthalers «Familie» geworden (man erinnert sich an die «Schöne Müllerin» im Schiffbau und an das akrobatische Gewusel in einem Riesenbett, in dem er Schubert sang). Zusammen mit dem Pianisten Christoph Keller hat er 2008 dann die «Spontankonzerte» gegründet, die mal in einer Schlosserei, dann wieder im Brockenhaus stattfanden – Hauptsache, weit weg von der Förmlichkeit der Konzertsäle.

Erst reden, dann spielen

Daneben hat Homberger gezielt darauf hingearbeitet, dass sein Traum von einem musikalischen Salon Realität werden könnte. Er hat Tische und Stühle gekauft und eingelagert, seine Frau hat Flohmärkte nach Silberbesteck abgeklappert.

Dann kam der 9. September 2014, die letzte Vorstellung: «Hoffmanns Erzählungen» in Madrid, in einer Marthaler-Inszenierung. Und es kam der 10. September 2014 mit einem Anruf von Andreas Hofer, dem Projektleiter der Siedlung «Mehr als Wohnen» auf dem Hunziker-Areal, der ihm einen Raum anbot. «Schicksal», sagt Homberger, bevor er wieder aufspringt, weil er irgendwo ein leeres Glas entdeckt hat, das es zu füllen gilt.

Mittlerweile hat man die Suppe genossen (Gerste, Mandeln, Crevetten), auch das Rindsfilet mit Spätzli ist verschwunden: Zeit für die 34-jährige russische Pianistin Tatiana Sidorova-Bau­mann, die einst als mehrfach preisgekrönte Studentin von Konstantin Scherbakov nach Zürich kam und in Hombis Salon «Carte blanche» hat. Grossartig sei sie, sagt Homberger, «und sie hat das Prinzip Salon verstanden: setzt sich zu den Leuten, redet mit allen und wechselt dann an den Flügel, total fokussiert». Letztes Jahr hat sie alle Beet­hoven-Sonaten gespielt, dieses Jahr gibts nun 14 Chopin-Abende: Weil das ihr Lieblingskomponist sei, wie sie dem Publikum erzählt. Und weil Chopin selbst gern in Salons aufgetreten ist.

Christoph Homberger ist für Überraschungen zu haben. Hier ein Spontankonzert mit Christoph Keller. Quelle: Youtube

Nun ist die Salonkultur des 19. Jahrhunderts längst Geschichte, Zürich-Oerlikon ist nicht Paris, und wenn Christoph Homberger von seinem Salon-Alltag erzählt, klingt es nicht nur enthusiastisch, sondern auch ein bisschen verzweifelt. «12 Minuten», sagt er immer wieder, «in nur 12 Minuten fährt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Hauptbahnhof hierher!» Aber Oerlikon ist für das Zürcher Klassikpublikum kaum näher als der Mars, und Laufkundschaft gibts hier keine. Manchmal kommen Leute, manchmal nicht. Der Chopin-Abend ist ausgebucht, am Tag davor gab es kurzfristige Absagen – ein Debakel. Homberger hat dann seine Freunde eingeladen, auch ein paar von jenen, die er in seinem Flüchtlingschor kennen gelernt hat; eingekauft und vorgekocht hatte er ja schon.

Denn meist kocht er selber, von Donnerstag bis Samstag, oft auch am Sonntag. Peter Brunner ist nur für die Chopin-Reihe hier, als Stargast, der sich keineswegs als Stargast gebärdet. Bei ihm wie bei Hombi kostet ein Abend mit Viergangmenü 100 Franken, Getränke inklusive; für die Musiker gibts eine Kollekte. Über 500 Konzerte haben so schon stattgefunden, und es hätten auch mehr sein können. Viele wollen hier auftreten, längst nicht alle dürfen. Homberger ist streng mit der Auswahl, «das Niveau muss stimmen».

Bei Tatiana Sidorova stimmt es. Kraftvoll und frei spielt sie, auf schnörkellose Weise virtuos. Ins Programm, das hier höchstens 45 Minuten dauern darf, packt sie Chopins berühmte Mazurken op. 6, aber auch seine kuriosen Variationen über das Lied «Schweizer Bub». Der Steinway klingt gut in diesem Raum; die Decke ist hoch, der Klang hat Kontur. Das muss so sein, Chopin soll nicht zum Accessoire reduziert werden, oder, wie Homberger es formuliert: «Es geht um Musik, nicht einfach um den Kultur-Blow-Job nach dem Menü.» Darum sind die Konzerte öffentlich, es kann auch kommen, wer davor nicht essen will.

Der Sänger als Blattwender

Man hört dann durchaus nicht immer Klassik; es gibt auch Jazzabende und solche mit Singer-Songwritern. Auch einen Kinderchor hat Homberger gegründet hier, «einen richtigen Anarchiechor, wir dichten und komponieren alles während der Proben». Er erhält viel positives Echo für all das, auch Unterstützung von der Stadt und dem Kanton. Aber eben, die Stabilität fehlt, «und wenn wir die nicht bald hinbekommen, muss ich aufgeben».

Höchste Zeit also, den Leuten aus der Umgebung von Oerlikon mitzuteilen, dass sich der Weg hierher lohnt. Der Ort ist gut, das Konzept auch. Während man anderswo heftig darüber nachdenkt, wie die Schwellen zwischen Musikern und Publikum abgebaut werden können, gibt es hier gar keine. Und wie es sich für einen Salon gehört, hat in einem Klavierprogramm auch Kammermusik Platz. So tauchen für Chopins Trio op. 8 auch noch die Geigerin Ekaterina Kanareva und der Cellist Valery Verstiuc auf, und Homberger setzt sich als Blattwender neben die Pianistin. Er hasse das ja, hatte er zum Vergnügen des Publikums gesagt. Aber er geniesst es auch, das Ermöglichen, das Herumwirbeln, die Musik, die Gesellschaft; den Applaus, der den Musikern gilt, aber natürlich auch ihm.

Und danach gibts Dessert.

Chopin-Reihe in Hombis Salon: Jeden Freitag, 19 Uhr Essen, 21 Uhr Konzert. Informationen zu diesen und weiteren Veranstaltungen: www.hombissalon.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2018, 17:16 Uhr

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