Das Richtige zu tun, kann gefährlich sein

Krimi der Woche: Der Titelheld von Peter Spiegelmans Roman «Dr. Knox» will eigentlich nur das Richtige tun, gerät damit aber ganz bös in die Bredouille.

Bevor sich Peter Spiegelman als Schriftsteller selbstständig machte, war er Vizepräsident der Investmentbank J.P. Morgan. Bild: Adam Spiegelman

Bevor sich Peter Spiegelman als Schriftsteller selbstständig machte, war er Vizepräsident der Investmentbank J.P. Morgan. Bild: Adam Spiegelman

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Der erste Satz
Mia hätte die Letzte für den Tag sein sollen.

Das Buch
Ärzte sind eher selten Hauptfiguren von Krimis. Und wenn, sind sie selten so wie die Ärzte, die wir kennen. Vor ein paar Jahren etwa gab es in «Schneller als der Tod» von Josh Bazell den Assistenzarzt Dr. Peter Brown, der zuvor Mafiakiller war und jetzt im Zeugenschutzprogramm steckt. Nun bringt der amerikanische Autor Peter Spiegelman, dessen frühere Privatdetektivkrimis auf Deutsch nicht erschienen sind, Dr. Adam Knox.

Die Titelfigur von «Dr. Knox» will einfach nur das Richtige tun. Nach Einsätzen in einigen «Dreckslöchern» dieser Welt betreibt er in einem heruntergekommenen Viertel in Los Angeles eine kleine Klinik für die Leute aus der Nachbarschaft, die nicht genug einbringt, um Miete und Löhne zu bezahlen. Deshalb ist er in den Nächten mit seinem Söldnerfreund Sutter unterwegs: «Das Arrangement war simpel: Hausbesuche nur gegen Bares, nur gegen Vorauszahlung, keine Fragen ausser den medizinischen. Nichts wurde aktenkundig – weder bei der Polizei noch sonst wo – über Schusswunden oder eine Überdosis, über Geschlechtskrankheiten oder über Patienten von besonderem polizeilichem Interesse, die in Verbindung standen mit … was auch immer. Und Namen wurden auch keine genannt – nicht ihre, nicht unsere, niemals.»

Diese Nebentätigkeit hat zwar allerlei kriminelle Aspekte, doch die Hauptgeschichte des Romans ergibt sich nicht aus den nächtlichen Ausflügen in Unterwelt und High Society, sondern aus dem Klinikalltag. Nachdem der Doc den Jungen, der nach einem allergischen Schock schon blau angelaufen zu ihm gebracht wurde, gerettet hat, ist die Mutter verschwunden. Und lässt sich nicht mehr auftreiben. Die leitende Nurse der Klinik will das Jugendamt verständigen, Knox findet jedoch, das würde dem Jungen nicht gut bekommen. Er bringt das Kind vorerst bei einer Bekannten unter und macht sich selber auf, die vermisste Mutter zu suchen. Schon bald wird er gleich von verschiedenen Seiten brutal bedroht. Die einen sind auf der Suche nach der Mutter, die anderen wollen das Kind. Als auch seine Mitarbeiter bedroht werden, fragt sich Knox schon mal, ob er wirklich das Richtige tut, aber er gibt nicht nach.

Es ist spannend und faszinierend, wie Spiegelman den Klinikbetrieb und die nächtlichen Exkursionen schildert – und das Dilemma, in dem Knox steckt: auf der einen Seite die Sorge um das Kind und den Verbleib der Mutter, auf der anderen das Wohl seiner Angestellten und die Existenz seiner Klinik. Über ein paar hundert Seiten ist das ein gekonnter, harter Noir-Roman mit reichlich Action und schwarzem Humor. Das Ende fällt dann allerdings etwas gar rosa aus.

Die Wertung

Der Autor
Peter Spiegelman, geboren 1958, ist in Forest Hills im New Yorker Stadtbezirk Queens aufgewachsen. Das Schreiben faszinierte ihn schon ihn seiner Jugend, und er studierte Englisch am Vassar College in New York. Als er «merkte, dass ich die Miete bezahlen muss», begann er als Programmierer in der Finanzbranche zu arbeiten. An der Wall Street war er Vizepräsident bei der Investmentbank J.P. Morgan, danach wurde er Partner eines Software-Unternehmens. Als dieses 2001 verkauft wurde, machte er sich mit seinem Anteil als Schriftsteller selbstständig. Von 2003 bis 2007 veröffentlichte er eine Serie von drei Romanen um Privatdetektiv John March, die mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. «Dr. Knox» ist das erste Buch von Spiegelman, das auf Deutsch erscheint. Er lebt mit seiner Frau Alice Wang in Ridgefield, Connecticut.

Peter Spiegelman: «Dr. Knox» (Original: «Dr. Knox», Alfred A. Knopf, New York 2016). Aus dem Englischen von Joannis Stefanidis. Harper Collins, Hamburg 2018. 494 S., ca. 17 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2018, 12:06 Uhr

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