«Das wäre in der Tat unmenschlich»

Nach den Anschlägen in Paris sagt Bedrohungsexperte Jens Hoffmann, ob Terrorangst gerechtfertigt ist – und wie man mit ihr umgehen sollte.

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Sind Ängste vor weiteren Anschlägen in Europa realistisch?
Wenn man alle Anschläge in den letzten zehn Jahren berücksichtigt, muss man von realistischen Ängsten sprechen.

Dass der Einzelne bei einem Terroranschlag ums Leben kommt, ist allerdings ein viel kleineres Risiko, als bei einem Verkehrsunfall zu sterben?
Ja, der Mensch kann schlecht in statistischen Zahlen denken und fühlen. Uns prägt häufig mehr das exemplarische Einzelereignis. Terroranschläge werden als unkontrollierbar erlebt, beim Autofahren denkt man, dass man den Wagen im Notfall doch noch irgendwie steuern kann. Zudem wissen wir, dass von Menschen gezielt verursachte Gewalttaten viel verstörender wirken als etwa Naturkatastrophen. Letztere lassen sich besser in unser Weltbild integrieren. Dass ein Mensch andere bewusst tötet, ist viel belastender.

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Empfinden deshalb viele Menschen derzeit eine diffuse Verunsicherung?
Nach einem solchen Anschlag ist Angst eine normale Reaktion, weil wir in unseren Städten bislang ein hohes Sicherheitsgefühl haben. Jetzt erleben wir eine fundamentale Verunsicherung: Wenn es in Paris passiert, kann es auch in Berlin oder Zürich passieren. Die räumliche Nähe spielt bei Terrorangst eine wichtige Rolle. Wenn in Frankreich 130 Menschen sterben, belastet uns das ungleich mehr, als wenn ein Attentat im Nahen Osten Hunderte Menschenleben fordert.

Wird sich dieses Gefühl der Verunsicherung festsetzen?
Das wird davon abhängen, ob noch weitere Anschläge geschehen, womit man leider rechnen muss. Das hat ja auch Präsident Hollande mit seinem Kriegsvergleich deutlich gemacht – eine Metapher, die etwas unglücklich ist, weil sie in den Köpfen der Menschen eine dauerhafte Bedrohung mitschwingen lässt.

Wie sollten Politiker denn kommunizieren?
Sie sollten eine realistische Einschätzung liefern, die zu einem Sicherheitsgefühl beiträgt. Dabei darf man nichts beschönigen, weil das auch zu Angst führen kann. Sondern feststellen, dass es schlimme Ereignisse sind, aber letztlich Einzelereignisse. Dass man was dagegen tut und auch die meisten Anschläge verhindert. Dass Terroristen historisch gesehen meist immer früher oder später die Puste ausgegangen ist.

Die jüngsten Anschläge waren gegen den westlichen Lebensstil gerichtet: Musik, Sport, Ausgang. Inwiefern beeinflusst dies das Angstgefühl der Menschen?
Das zeigt die ungeheure düstere Propaganda-Fähigkeit des IS, die Menschen gezielt in Angst und Schrecken zu versetzen. Nach den Touristen in Ägypten oder Tunesien sind wir alle im Visier. Wenn man diese Strategie versteht, löst sich hoffentlich die Angst und weicht im Idealfall einem freiheitlichen Patriotismus unserer demokratischen Gesellschaften: Wir stehen zusammen und lassen uns unsere Werte und Lebensfreude nicht nehmen, sondern verteidigen sie.

Dass der nächste Anschlag kommt, ist so gut wie sicher, wenn auch kaum in der Schweiz. Wie sollte man als Einzelner mit dieser Aussicht umgehen?
Ich würde die Schweiz nicht ausklammern. Organisierte Terroristen haben zwar eher symbolische Ziele in europäischen Grossstädten im Visier. Von einzelnen Leuten, die sich radikalisieren, geht aber auch hier eine Gefahr aus. Das ist allerdings nichts Neues, solche Bedrohungen gehören zu offenen Gesellschaften. Es gilt deshalb auch für den Einzelnen: Man sollte diese Gefahren nicht schönreden, sie aber auch nicht dramatisieren.

«Sich nicht einschüchtern lassen», «unbeeindruckt weitermachen» heisst es nach Anschlägen allenthalben. Ist das für den Einzelnen überhaupt machbar?
Das wäre in der Tat unmenschlich. Es ist wichtig, dass man die Angst anerkennt und sie nicht verdrängt.

Wieso nicht?
Weil sie sich in einer anderen Form manifestieren könnte, etwa in einem Vermeidungsverhalten: Menschen, die nicht mehr im Flugzeug reisen oder die Innenstädte meiden. Langfristig käme es so zu einer Stabilisierung der Angst.

Sind solche Verhaltensmuster zu beobachten? Glauben Sie, dass viele Menschen in Paris ihr Leben ändern, Bahnhöfe meiden?
Das kommt vor, normalisiert sich in der Regel aber schnell wieder.

Eine neue Angst, die nicht schnell verschwinden wird, ist die Angst vor Terroristen, die als Flüchtlinge nach Europa kommen.
Auch hier gibt es Hinweise, dass der IS dies bei den Pariser Anschlägen mit einem hinterlegten Ausweis möglicherweise gezielt provoziert hat. Dahinter steht die Absicht, unsere Kulturen weiter auseinanderdriften zu lassen. Die wissen nur zu gut, dass der Mensch eine angeborene Angst vor dem Fremden hat. Man sollte hier das Realitätsprinzip walten lassen: Als Flüchtlinge getarnte Terroristen sind nicht auszuschliessen, dürften aber sehr selten sein. Solche Ängste sollten von Politikern deshalb nicht instrumentalisiert werden.

Aufmerksamkeit im Alltag sei angemessen, sagte der deutsche Innenminister nach den Pariser Attentaten im Januar. Führt das nicht zu Paranoia, etwa wenn ein Mann mit Lihyah-Bart im Tram sitzt?
Wir sollten nicht in die Falle laufen wie damals nach 9/11, als es zu einem Bruch zwischen den Kulturen und den Religionen kam, was auch Teil des Planes der Bin-Laden-Gruppe war. Aufmerksam sollte man höchstens in seinem Umfeld sein: Äussert ein Arbeitskollege zunehmend radikale Positionen? Da kann man ja mal nachfragen. Eine latente Wachsamkeit scheint mir aber nicht angemessen.

Selbst wenn man sich selbstbewusst gibt: Durch die Bedrohung sind viele Menschen bereit, einige Freiheiten aufzugeben, etwa bei den Flugreisen.
Es gibt Sicherheitsmassnahmen, die notwendig sind. Unsere Reisefreiheit ist für Terroristen ein symbolisches Ziel und gehört geschützt.

Die Medien berichten nonstop über die Anschläge. Erzeugen sie Angstbürger?
Der zunehmende Konkurrenzdruck der Medien kann zu Alarmismus führen. Dieser führt natürlich zu mehr Angst. Allerdings ist auch das Gegenteil zu beobachten, wenn zum Beispiel über die gute Arbeit der Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden berichtet wird. Es kommt nicht darauf an, wie oft über ein Ereignis berichtet wird, sondern wie.

Stumpfen die Menschen mit steigender Anzahl Attacken ab?
Dafür bräuchte es ein permanentes Gefühl der Bedrohung, wie man es aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten kennt: Die Leute geben sich ihrem Schicksal hin, weil sie es sowieso nicht beeinflussen können.

Wäre das auch eine Strategie, um hier mit der diffusen Terrorangst umzugehen?
Ich hoffe es nicht. Mitgefühl und Trauer zu zeigen, ist ein Gradmesser, dass wir ein gesundes und realistisches Sicherheitsgefühl haben. Das darf nicht verloren gehen.

Erstellt: 17.11.2015, 18:56 Uhr

Dr. Jens Hoffmann ist Leiter des Instituts Psychologie & Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Der Kriminalpsychologe berät deutsche und Schweizerische Behörden und Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Sicherheit.

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