«Das wird noch sehr, sehr hässlich»

Kulturwissenschaftler Mark Greif sieht die Amerikaner in einem Gewissenskonflikt und ruft zum vereinten Widerstand auf. Aber hilft es eigentlich, über Präsident Trump zu lachen?

Die Satire-Show «Saturday Night Live» mit Alec Baldwin als US-Präsident: Laut Donald Trump eine «langweilige und unlustige» Sendung. Quelle: Youtube/ Saturday Night Live


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Das Einreiseverbot hat in den USA grosse Bestürzung ausgelöst, das Land wehrt sich. Als Experte für zivilen Widerstand: Wie sehen Sie den Protest?
Mit meiner Frau und meiner Tochter ging ich zum Women’s March. Und allein die schiere Grösse des Marsches, in so vielen Städten, machte ihn wertvoll. Aber er erreichte natürlich Trump und seine Anhänger nicht: Sie sind schlicht unerreichbar. Im Wesentlichen war es also ein zivilgesellschaftlicher Akt, bei dem sich die Trump-Gegner solidarisierten und einander signalisierten, dass sie da sind, wenn es untragbar wird. Solche Aufmärsche sind eher ein Präludium zur Aktion als selbst eine Aktion. Die kam danach bei den Flughäfen: Da passierte spontan im ganzen Land etwas ganz direkt am Tatort. Das ist ein entscheidender Faktor bei Protest, der Erfolg haben soll: Er braucht einen greifbaren Ort – einen Ort des Unrechts, das durch die Protestaktionen quasi sichtbar gemacht wird. Dennoch – und trotz der einstweiligen Aussetzung des Einreiseverbots – befürchte ich, dass unser Widerstand nur eine verhältnismässig geringe Wirkung haben kann im Verhältnis zum grossen Schaden, den der Präsident und sein Kongress gerade anrichten.

Protest braucht immer einen bestimmten Ort?
Das ist etwas, was wir von Occupy Wall Street, von Black Lives Matter und auch von den Standing-Rock-Protesten der Native Americans gegen die Ölpipeline gelernt haben. Um das Unrecht und auch die Stärke des Widerstands sichtbar zu machen, ist es wichtig, einen Ort zu besetzen, der etwas aussagt: Man muss einen konkreten Punkt, an dem die Regierung Menschen oder Umwelt Schaden zufügt, ins Rampenlicht stellen und nach allen Regeln der Kunst dramatisieren. Gerade bei diesem Präsidenten müssen die Kniffs und Gesetze der ­Medien und der Aufmerksamkeitsökonomie genutzt werden.

Wie dramatisiert man das Unrecht?
Donald Trump hat sich ja lange in der Medienwelt bewegt und hat eine natürliche Begabung als ein Comedian, der darauf besteht, dass er es ernst meint. Es scheint, als ob Bühnenkünstler und Schauspieler ihn irgendwie als einen der ihren wahrnehmen. Sie sind vielleicht politisch anders gelagert als er, aber rhetorisch auf einer Wellenlänge. Darum haben sie auch keine Angst – und haben eine Sprache gefunden, in der sie auf ihn reagieren können. Von Meryl Streep bis Arnold Schwarzenegger macht sich jeden Tag eine andere Celebrity aus dem Showbiz öffentlich über ihn lustig – was diesen dünnhäutigen Präsidenten besonders trifft. Auch bei komödiantischen Formaten wie «Saturday Night Live», «Late Night» mit Seth Meyers oder «The Daily Show» mit Trevor Noah jagt eine Präsidentensatire die nächste.

Meryl Streep kritisiert während ihrer Dankesrede bei den Golden Globes den neuen Präsident Donald Trump öffentlich. Video: Tamedia Webvideo

Der Widerstand liegt im Lachen?
Dass die breite Öffentlichkeit über den Präsidenten lacht, ist womöglich eine der raffiniertesten Widerstandsformen im Moment. Aber es ist gleichzeitig eine ziemlich bizarre Situation. Soll man sich darüber freuen, dass der US-Präsident eine Figur globaler Satire ist? Ich fühle mich seit der Wahl merkwürdig unwirklich, und ich vermute, dass es vielen Amerikanern so geht.

Was meinen Sie mit «unwirklich»?
Was ich sehr seltsam finde und worüber vielleicht noch zu wenig gesprochen wird, ist dieses Gefühl einer Parodie. Trumps Gesicht im Fernsehen als «Präsident»: Da denkt man sich die Gänsefüsschen immer mit. Es ist wie das Eindringen eines plumpen Schwanks in eine der gewichtigsten Institutionen der Macht, die wir haben. Das kann doch nicht sein, sagt man sich. Ich kann die zwei Wörter auch gar nicht laut aussprechen: «Präsident Trump». Das ist wie eine absurde Vision eines superdoofen Sci-Fi-Films. Schlimmer gehts nicht. Und es führt zu einem immensen Gewissensdruck bei einer Menge Bürger.

Welcher Gewissenskonflikt macht den Amerikanern zu schaffen?
Trump ist der gewählte Präsident. Aber er ist rationalen Argumenten nicht zugänglich, er lehnt die Normen der Verfassung ab, die nationalen Gesetze, ja sogar das Wahlresultat, das ihn in dieses Amt gehievt hat. Soll man also den Institutionen gehorchen, die ihm die Macht geben, schreckliche Dinge zu dekretieren? Oder soll man sich verweigern oder wehren, auf die Gefahr hin, diese Institutionen der Demokratie oder sogar das eigene Leben zu beschädigen? Das ist ein echter Konflikt. Gerade Leute in Amt und Würden wie Richter, Staatsanwälte und Polizeibeamte müssen diese schwierige Wahl treffen. Die Reaktionen sind gespalten: hier etwa der Widerstand der inzwischen geschassten Justizministerin Sally Yates und da das rigide Verhalten mancher Grenzwächter. Das wird noch sehr, sehr hässlich. Ich prophezeie, dass es wieder und wieder zu solchen ­spannungsreichen Situationen kommen wird. Was bleibt, ist die Graswurzel-­Opposition: Politiker anrufen, mit ­E-Mails überschwemmen; wieder und wieder persönlich Druck machen, auf ­lokaler Ebene, auf Senatorenebene.

Soll man sich, wie ironischerweise vorgeschlagen wurde, an den Tea-Party-Strategien orientieren und auch am Widerstand von ­feministischen Gruppen oder Black Lives Matter?
Durchaus. Und sich zusammenschliessen im Widerstand! Auch Klimaschützer und Bernie Sanders’ alte Anhängerschaft könnten eine Rolle spielen. Die Republikaner werden wenig tun, um die Regierung auszubremsen: Ihren moralischen Kollaps finde ich fast das Tragischste an der ganzen Misere. Um der Macht willen warfen sie alle Skrupel über Bord, und jetzt sehen sie aus wie eine Kollektion von Feiglingen rund um ein kriminelles Syndikat. Und die Demokraten – die ich nicht liebe, aber als letzte legitime Kraft in der US-Politik betrachte – können in ihrer Minderheitsposition nur wenig verhindern. Es bleibt daher alles am Justizsystem hängen und am Individuum, das Graswurzelaktionen mit anderen entwickeln kann. Muss. Die Wahl Trumps ist ein Riesendesaster, und ich hoffe bloss, dass es dadurch nicht, «aus Versehen», zu furchtbaren Kriegen kommt. Trump als Präsident: Das ist eine Katastrophe.

Sehen Sie in Europa die Möglichkeit zu einem ähnlichen Widerstand gegen den Rechtsrutsch? Zum Beispiel in Frankreich, wo Marine Le Pen die Wahl gewinnen könnte?
Mir scheint, die Opposition in Europa bildet zumindest zurzeit nicht so grosse spontane Massenbewegungen aus, wie es die in den USA jetzt ist. Das liegt vielleicht daran, dass in Europa, abgesehen vom Brexit, keine solche Schicksalswahl stattgefunden hat, bei der die Ultrarechte quasi alles übernommen und auf den Kopf gestellt hat. In Europa funktioniert die Anti-Einwanderungs-Kampagne wohl auch aus historischen Gründen besser als in den USA; die Amerikaner halten eher dagegen als die Europäer. Die Immigranten fallen in den USA sogar für Rassisten nicht so ins Gewicht und werden nicht so dramatisch gesehen: Wir sind doch schon immer ein Einwanderungsland – die wenigsten haben keine Wurzeln im Ausland. Das ist anders, als wenn sich in Deutschland ­plötzlich Hunderttausende von Syrern akklimatisieren müssen.

Erstellt: 08.02.2017, 20:01 Uhr

Mark Greif

Greif lehrt an der New Yorker Universität New School; er erforscht popkulturelle und gesellschaftliche Phänomene. Im Herbst erschien sein gefeierter Essayband «Against Everything».

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