Denkverbote

Güzin Kar über sprechende Hunde und die Zensur von Gedanken.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Eine frühere Nachbarin von mir war überzeugt, dass ihr Hund einige Worte sprechen könne. Da das Tier zwar sprachbegabt, aber gleich­zeitig auch schüchtern war, äusserte es die Laute «Mama» und «Brot» immer nur dann, wenn die beiden allein waren. Warum der Hund gerade diese Wörter beherrschte und nicht etwas Sinnvolles wie «Frolic» oder «Deine Slipeinlage drückt durch» sagte, verstand ich nicht.

Nun gibt es Menschen, die an die Existenz von Denkverboten glauben, und diese erinnern mich ein wenig an meine verschrobene Nachbarin. Sie sind allen Ernstes davon überzeugt, dass es gesellschaftliche Bestrebungen zur Ahndung von unliebsamen Gedankengängen gebe. Dass es Beschränkungen in der Meinungsäusserungs­freiheit gibt, daran besteht kein Zweifel. So darf ich einen Richter nicht ungestraft einen Idioten nennen und keine Frau als dumme Kuh titulieren, solange sich dies nicht im Rahmen einer vorher festgelegten Ordnung abspielt, zum Beispiel als Dialogzeile auf einem Filmdreh oder während eines wie auch immer gearteten sexuellen Rollenspiels. Ich darf aber denken, dass der Richter ein Idiot und die Frau eine dumme Kuh sei, auch deshalb, weil es keiner überprüfen kann. Auch stimmt die Vorstellung, wonach das, was man sagt, das Abbild dessen sei, was man zuvor gedacht habe, nicht, da Gedanken ungeordneter, unhierarchischer und widersprüchlicher sind, als der sprachliche Ausdruck es sein kann.

Warum also gehen Menschen davon aus, dass es eine gesellschaftliche Übereinkunft zur Zensur von Gedanken gebe? Um diese geradezu absurde Vorstellung halbwegs mit Logik zu untermauern, haben sie die Gedankenpolizei erfunden, diese Überwachungseinheit, die unser Innenleben durchleuchtet, gründlicher, als Drohnenformationen es je könnten. Da liegt man auf seiner Chaiselongue, raucht drei Gauloises gleichzeitig, beisst in ein blutiges Schweinssteak und freut sich, als Nachtisch achtmal «Mohrenkopf» zu sagen, während man darüber sinniert, dass Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe dumm, Frauen aufgrund ihrer Titten nobelpreisentwürdigt seien und man selber sowieso die bestmögliche Ausgestaltungsform des Prinzips Mensch sei, und auf einmal klopft es an die Tür, und draussen stehen der Gedankeninspektor und seine Armada von queer-feministisch-trans-veganen Gehülfen und sagen: «Haben Sie ein Alibi für die Zeit zwischen 19 und 20 Uhr, als diese schlimmen Gedanken gedacht wurden?». Bevor man sein Verteidigungspamphlet vortragen kann, beshitstormen sie einen in Funk und Fernsehen, vierteilen und rädern einen digital, nur weil man kühne Gedanken schweifen liess, ungehemmt wie den befreienden Furz nach einem üppigen Essen. Denn um Kühnheit geht es doch, wenn man von Denkverboten spricht, um den Mut, Unerhörtes zu denken. Dass sich das angeblich Unerhörte, Unangepasste im immer Gleichen erschöpft, erinnert an die Sprachkünste des Hundes: Flüchtlinge sind pfui, und diese ganze politisch korrekte Gesellschaft mit ihrem Hass auf Nippel und Witze ist noch pfuier.

Brot und Mama. Ich werde den Eindruck nicht los, dass jene, die an Denkverbote glauben, meiner Ex-Nachbarin nicht unähnlich sind. Um den eigenen Alltag mit etwas Glamour und Verwegenheit aufzupeppen, erfinden die einen einen sprechenden Hund und die anderen einen Galileo Galilei im Miniformat, der irgendwo im eigenen Denkapparat hockt und gegen den Mainstream andenkt, während man von aussen gesehen seine Fussnägel schneidet. Die Banalität der eigenen Gedanken ist wohl ähnlich schwer auszuhalten wie ein Hund, der einfach nur ein Hund ist.

Erstellt: 01.06.2018, 13:24 Uhr

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