Denn die Langeweile ist unbesiegbar

Sie schlagen Zeit mit dem Handy tot? Sie können sich von toter Zeit auch inspirieren lassen. Ein Essay.

Der Gegenpol zum «Flow»: Eine Frau langweilt sich. Foto: iStock

Der Gegenpol zum «Flow»: Eine Frau langweilt sich. Foto: iStock

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War den Bauern im Mittelalter eigentlich langweilig? Es ist nichts dergleichen überliefert, aber sie müssen sich furchtbar gelangweilt haben. Nicht bei der Feldarbeit, natürlich, das war ein Knochenjob, man wurde nicht alt dabei. Aber an den langen Winterabenden, mit keinem oder ­wenig Licht, als es nichts zu tun gab, alle Schuhe geflickt, alle Wolle gesponnen war, alle ­Geschichten erzählt und wiedererzählt: Mussten sich die Leute da nicht entsetzlich langweilen – oder waren sie bloss froh, dass der Arbeitsdruck einmal weg war? Vielleicht sind diese Fragen aber auch nur Rückprojektionen des modernen Menschen.

Not und Langeweile seien die beiden Pole der menschlichen Existenz, sagt der Philosoph Arthur Schopenhauer. Hat der Mensch alle Lasten abgewälzt, wird er sich selbst zur Last. Das treffe indes nicht alle Menschen in gleicher Weise, differenziert Schopenhauer: Not ist die Geissel des Volkes, Langeweile plagt die vornehme Welt. Nur «dem Manne von Genie kann die Langeweile, dieser beständige Hausteufel der Gewöhnlichen, sich nicht nähern». Denn dieser, wie Schopenhauer selbst, ist hinreichend erfüllt von seinen genialen Gedanken.

Ein Luxusproblem?

Befällt Langeweile nur die, die nicht zu arbeiten brauchen (und keine Genies sind), ist sie ein ­Luxusproblem? In der Geschichte des Nachdenkens, also der Philosophie, wie des Erzählens, also der Literatur, ist sie jedenfalls ein Phänomen neueren Datums und bezieht sich auf vergleichsweise müssiggängerische Klassen – Adel und Geistlichkeit. Als Ludwig XIV. den französischen Adel, der immer wieder zu Revolten neigte, entmachtete, verlegte der sich aufs Salon­gespräch, auf die Entwicklung komplizierter höfischer Rituale, auf Dichtung und Theater.

Ist Kultur demnach ein Produkt der Langeweile? Möglich, dass schon vor 30 000 Jahren ­gelangweilte Höhlenbewohner ihre Hände in farbigen Staub tauchten, an die Felswände drückten und dann zu zeichnen begannen. Die ersten Künstler.

Ein erfülltes Leben ist mehr als ein mit schönen Momenten angefülltes.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard setzt den Nullpunkt der Langeweile noch früher an. Seine Schöpfungsgeschichte in der Schrift «Entweder – oder» geht so: Im Anfang war die Langeweile. Die Götter langweilten sich, darum schufen sie den Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva erschaffen. Und von diesem Augenblick an war die Langeweile in der Welt und nahm zu im geraden Verhältnis zur Zahl der Menschen. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva zu zweien, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann wuchs die Menge der Menschen auf Erden, und sie langweilten sich en masse.»

Blaise Pascal leitete im 17. Jahrhundert alles Unglück der Menschen von der Tatsache ab, dass sie «unfähig seien, allein in einem Zimmer zu sein». Hat ­Pascal nicht unrecht, ist er nicht widerlegt – allein durch jenes kleine smarte Gerät, das wir jederzeit aus der Tasche ziehen können, wenn Langeweile droht? Haben wir heute die ideale condition humaine erreicht, nicht mehr von Not geplagt, aber auch nicht mehr von Langeweile?

Das könnte eine Selbsttäuschung sein. Langeweile: Das ist tote Zeit, Zeit, die wir nicht sinnvoll füllen und die wir als Zeit selbst wahrnehmen, nämlich als nicht vergehen wollende Zeit. Zeit, die wir nicht selbst gestaltet haben, in die wir geworfen werden aus unserem durchgetakteten Zeit-Plan.

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Das passiert uns nicht selten. Im Wartezimmer des Arztes, wenn es wegen dringlicherer ­Fälle länger dauert. Am Bahnhof, wenn der Zug Verspätung hat. In Meetings, die nicht vorbeigehen wollen. In staubtrockenen Vorträgen. Ja, sogar im Kino oder Theater kann Langeweile aufkommen, machen wir uns da nichts vor. Wir empfinden dann das Gefühl, Zeit zu verlieren, kostbare Lebenszeit. Lange­weile ist der Gegenpol zum «Flow», in dem wir etwas so intensiv tun und erleben, dass wir die Zeit vergessen.

Pascals «Divertissement»

Droht Langeweile, erfolgt heute reflexhaft der Griff zum Smartphone. Mails checken, Whats­- app-Gruppen durchsehen, uns mit Newsportalen über das Weltgeschehen aufdatieren, vielleicht noch mal die Bilder der letzten Urlaubsreise nachschmecken. Und wusch, ist die Zeit vergangen: Der Vortrag oder das Meeting zu Ende, der Zug fährt ein, die Sprechstundenhilfe ruft: «Der Nächste bitte.» Ist das nicht wunderbar: Wir haben die Langeweile, diese Geissel der Menschheit, besiegt!

Wenn es nur so einfach wäre. Der Bildschirm-Blick, der schnelle Klick, das hilft nur über kurze Zeitspannen hinweg, Momente, in denen man auch einmal den Blick schweifen, den Tagesverlauf Revue passieren lassen oder sein Lieblingsmusikstück leise vor sich hinpfeifen könnte.

Langeweile als Signal, als Symptom, als Kennzeichen nicht gelingenden Lebens.

Was das Smartphone bietet, ist exakt das, was Blaise Pascal, der mit dem ruhigen Zimmer, «divertissement» nennt. Divertissement: Darunter versteht er Ablenkung, Unterhaltung, all das, worauf der Mensch verfällt, um der Beschäftigung mit dem wirklich Wesentlichen auszuweichen, dem menschlichen Elend, seiner Bestimmung, Gott. Pascal war ein tiefgläubiger und seines Glaubens gar nicht sehr sicherer Mensch; er lebte in einer Zeit, die davon überzeugt war, die Welt sei ein Jammertal und das eigentliche Leben beginne nach dem Tod, bei Gott (oder eben nicht bei ihm).

In unseren säkularen Zeiten suchen wir die Erfüllung schon in diesem Leben, wollen wir, mit Heines Formulierung, das Himmelreich auf Erden errichten – und wenn es schon nicht für alle reicht, dann doch jeder sein Himmelreich für sich. Und was wollen wir genau? «Spass haben» lautet die wohl häufigste Antwort. Worin Pascal eine Abirrung vom rechten Weg sah, das ist für viele gerade der rechte Weg. Aber ist der Weg auch das Ziel? Da würden selbst viele Fun-Verliebte nach einigem Nachdenken zögern.

Der Sinn des Lebens

Fragt man nämlich nach dem Sinn des Lebens, kommen andere Dinge ins Spiel, andere, tiefere Bedürfnisse als das nach Unterhaltung, Zerstreuung, Spass und Fun. Auch der eifrigste Partygänger hat dann und wann das Gefühl, dass das nicht alles sein kann, das Leben eine einzige Party. Vor allem: dass das nicht alles gewesen sein kann, wenn man ans Ende denkt.

Ein gelungenes, ein erfülltes Leben: Darauf möchte jeder gern zurückblicken. Und erfüllt, das ist etwas anderes als bloss gefüllt, angefüllt mit schönen ­Momenten. Und damit sind wir von der alltäglichen Langeweile, der schnell abzuhelfen ist, beim Grundsätzlichen angelangt. Bei der Langeweile als Signal, als Symptom, als Kennzeichen nicht gelingenden Lebens.

Ein ganzer Strang der Philosophie, durchaus säkularen Charakters, hat das Unterhaltungsbedürfnis des Menschen als Langeweile-Vermeidungs-Strategie erkannt und die Langeweile selbst als Augenöffner zur Erkenntnis. Diesen Gedanken ­findet man bei Schopenhauer ebenso wie bei Heidegger, Sartre oder Cioran. Man findet ihn auch in der Literatur, von Büchners Schauspiel «Leonce und Lena» bis zu Thomas Mann, der im «Zauberberg» am Beispiel von Lungenkranken in einem ­Sanatorium, zu teilweise jahrelangem Nichtstun verurteilt, das Doppelgesicht der Langeweile zeigt: Den Helden führt er zur Verfeinerung und zur Erkenntnis, die meisten Patienten ver­fallen dagegen dem «grossen Stumpfsinn», wie ein Kapitel heisst.

Gegen diesen Kern der Langeweile hilft kein Smartphone. Depressive gehen indes auch nicht auf Partys.

Die Empfindung der Nichtigkeit des Lebens ist das, was die Lateiner «taedium vitae» nannten, für das Dichter wie Baudelaire den Begriff «ennui» prägten und was die moderne ­Psychologie als Depression diagnostiziert. Das ist das pascalsche metaphysische Erschrecken – nur ohne Gott am Horizont. Gegen diesen Kern der Langeweile hilft kein Smartphone. Depressive gehen indes auch nicht auf Partys.

Nun muss der Blick auf das «Wesentliche» nicht zwangs­läufig ins Schwarze gehen. Die meisten interessiert ja auch nicht das «Leben an sich» in seiner ganzen philosophischen Wesenheit und eventuellen Nichtigkeit, sondern ihr eigenes, hier, jetzt und in Zukunft. Worin besteht es, was ist mir wichtig, wie will ich sein, handeln, wirken? Was bedeutet für mich ein sinnvolles, ein erfülltes Dasein?

Langeweile nicht gleich wegklicken

Diese Frage kann jeder nur für sich selbst beantworten, mithilfe von Philosophen oder ohne. Wichtig ist, sie überhaupt zu stellen. Sich Raum und Zeit dafür zu geben. Und hier kommt die Langeweile wieder ins Spiel. ­Betrachten wir sie als offene Zeit, aus der alles Mögliche entstehen kann. Erinnern wir uns an die endlosen Sommerferientage unserer Kindheit: Was haben wir uns gelangweilt – und was ist uns dann eingefallen, an neuen Spielen, Basteleien, Abenteuern. Trauen wir uns, Langeweile nicht gleich wieder wegzuklicken. ­Lassen wir sie zu – im Wartezimmer, am Bahnhof, aber auch einmal einen vertrödelten Sonntagnachmittag, einen endlosen Winterabend lang.

Im besten Fall wird die Langeweile zur offenen Zeit, die wir mit dem füllen, was uns guttut. Das kann auch mal gar nichts sein. Dann wird die Langeweile zur Musse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 14:39 Uhr

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