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«Der Bildschirm gibt mir eine gewisse Distanz zu den Ereignissen»

Die Bilder aus Japan machten das Unfassbare sichtbar und gleichzeitig abstrakt, sagt Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen.

Bilder als Code für die Katastrophe: Bildschirm in der Grossen Halle des Volkes in Peking am letzten Sonntag.
Bilder als Code für die Katastrophe: Bildschirm in der Grossen Halle des Volkes in Peking am letzten Sonntag.
Keystone

In Japan vollzieht sich gerade eine der grössten Katastrophen der Menschheitsgeschichte, und wie vor zehn Jahren bei 9/11 sitzen wir wieder stundenlang vor den immer gleichen Bildern. Härten sie uns ab? Machen sie uns zynisch? Ich glaube nicht, dass Leute automatisch abgehärtet und zynisch werden, wenn sie etwas auf einem Bildschirm sehen. Die Tatsache allerdings, dass da ein Bildschirm ist mit einem Rahmen um das Bild herum und dass ich dieses Bild zu Hause, in meinem Wohnzimmer, in meinem Schlafzimmer ansehe, in meinem eigenen Raum also, oder dass ich sie gar auf einem Handy in meine Hand nehme, gibt mir schon eine gewisse Distanz dazu. Ich sehe sie auf einer Oberfläche, verflacht, und das erlaubt mir, von meinem direkten Mitgefühl zu abstrahieren.Wie appelliert man denn an Ihr Mitgefühl? Wenn mir jemand am Radio oder am Telefon sagt, was gerade in Tokio geschieht, so fühle ich mehr mit. Wenn ich ein Bild sehe, dann kodiere ich es sofort, damit ich es überhaupt verstehe. Dann mache ich mir die Katastrophe begreifbar. Dann sehe ich ein Zeichen, das für Katastrophe steht. Ich weiss nicht, wie jemand, der noch nie einen Katastrophenfilm oder christliche Malerei gesehen hat, solche Bilder für sich umsetzt. Ich muss mir allerdings permanent sagen, dass sich jenseits dieses Zeichens eine entsetzliche Realität verbirgt.In der japanischen Populärkultur spielen atomare Katastrophen bereits seit den 50er-Jahren eine grosse Rolle, die Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki wurden wieder und wieder in Katastrophenszenarien dargestellt. 1954 verwüstete ein radioaktiver Godzilla zum ersten Mal Tokio. Begegnete man da dem realen Schrecken mit seiner Mythologisierung? Es ist ganz klar, dass die Faszination für Katastrophen im Kino wie in der Literatur immer schon da war. Die Bibel betschreibt die Apokalypse, die grosse Flut, die Flucht auf der Arche Noah. Wenn man etwas erzählt, so kann man es auch bändigen. Im grossen Wissen der japanischen Populärkultur um eine atomare Realität und um die Verheerungen der Atombomben steckt – kulturtheoretisch betrachtet – ein sogenannter apotropäischer Zauber, ein Abwehrzauber, auch ein Stück magischen Denkens.Und dieses Denken geht zusammen mit dem japanischen Glauben an die Technik? Man kann jetzt anfangen, mythische Geschichten zu erzählen. Vom Turmbau zu Babel etwa. Oder man kann sagen, diese Hypertechnologisierung der japanischen Gesellschaft sei ein extremer Zivilisationsakt, um Naturkräfte zu bändigen, die sich dann zur Wehr setzen. Wenn man Grössen wie Schicksal, Verhängnis oder Übermut einschalten kann, hat das etwas Beruhigendes. Es gibt die höhere Macht.Wenn sich Hollywood Katastrophen ausdenkt, dann schlägt am liebsten die gebeutelte Natur im grossen Stil zurück, sei es in «The Day after Tomorrow», wo eine neue Eiszeit die USA überzieht, oder in «2012», wo Vulkane ausbrechen. In Japan ist das viel komplexer. Da droht nach dem Tsunami der atomare GAU. Ist so was überhaupt noch vorstellbar? Der Tsunami an sich wäre das Bewältigbare. Aber angenommen, Japan würde tatsächlich atomar ausgelöscht, dann wären wir auf der Ebene der Zerstörung von Pompeji oder von Atlantis. Einfach irreversibel. Das wäre auf einer andern Ebene als 9/11. Das war ein Angriff einer Organisation auf ein Land. Das nicht Verständliche war bei 9/11 begrenzt. Irgendwann waren ja auch einfach beide Türme zerstört, und dann begann der Wiederaufbau. Eine atomare Zerstörung Japans, einer gesamten Kultur, das ist unvorstellbar, tragisch, erschütternd. Im Moment schauen wir da etwas entgegen, was vielleicht nie wieder gut gemacht werden kann. Das ist nicht wie bei Haiti . . .. . . wo sich George Clooney ans Telefon setzt und schnell ein paar Millionen zusammentelefoniert. Man könnte sicher auch hier ein paar Millionen zusammentelefonieren, es würde bloss nichts nützen. Im Fall von Japan schlägt unsere Schaulust doch um in absolute Hilflosigkeit. Da ist die Flucht in Bildwelten vielleicht auch beruhigend. Nicht, dass damit das Wissen ausgeschaltet wird, aber es ist ein Schutzmechanismus.Dann sind die Bilder einer grossen Katastrophe vielleicht das Letzte, was uns von Japan bleibt? Wenn man keine Zeugenberichte mehr hat, dann sind die Bilder tatsächlich das Letzte. Das hat natürlich auch wieder seine Geschichte. Von den Fotos aus Auschwitz weiss man zum Beispiel nicht, wie man sie genau einordnen soll, aber man hat Zeugenschaften. Ich denke, wenn die ausländischen Journalisten sich jetzt aus Japan zurückziehen, wenn damit die klassische Form der Medienberichterstattung abbricht, dann sind die Neuen Medien mit ihrer Form der zivilen Berichterstattung umso wichtiger.Also gilt auch hier, was für die arabische Revolution gilt: kein Kommunikationstransfer ohne Neue Medien? Die globalen Verbindungsmöglichkeiten über die Neuen Medien darf man nicht unterschätzen. Ohne sie würde unser Wissen über die Welt zusammenbrechen. Aber am Ende bieten sie auch nicht mehr als eine Verbindung.

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