Der Demonstrant

Jonas Lüscher wollte Millionen Menschen auf die Strassen bringen – «für Europa». Am Schluss war der Schriftsteller etwas enttäuscht.

Der Autor in der Masse: Jonas Lüscher während der Demo in Salzburg. Foto: Stephan Sahm (Laif)

Der Autor in der Masse: Jonas Lüscher während der Demo in Salzburg. Foto: Stephan Sahm (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was ist der Clou der Demokratie? Dass man die Sache nicht irgendwelchen Profis überlassen kann. Dass jeder Bürger, sprich politische Dilettant, gefragt ist. Also drückt Jonas Lüscher am Mikrofon herum.

Sein Freund und Mitstreiter, der ­Philosoph Michael Zichy, hat es ihm ­gegeben, schon leichte Verzweiflung im Gesicht. Die Zeit drängt, und das Ding spinnt. Ständig schaltet es sich selber ab. Lüscher drückt darauf herum, aber das hilft auch nichts. Später sollte eine alte Aktivistin auf Lüscher zulaufen. Wehendes Tuch, bunte Brille, viel Anti-AKW-Erfahrung. Ermahnung an Lüscher: «Sie müssen immer gute Mikrofone dabeihaben.» Und gleich noch ein Ratschlag: Slogans, die durchs Megafon gerufen werden, müssen sich immer reimen, immer. «Sonst bleiben sie nicht in den Köpfen hängen.» Jonas Lüscher, der neuerdings sehr engagierte Literat, wird zuhören, höflich wie stets.

Vom Bern- ins Hochdeutsche

Drei Stunden davor, es ist Samstagmittag. Der Buchhändler im Salzburger Bahnhof fragt kurz nach: «Johann Lüscher?» Nein, Jonas Lüscher. «Ach so.» Kratzt sich am Kopf, betippt die Suchmaschine. «‹Frühling der Barbaren› hatten wir auf Lager. Jetzt nimma.» Schade. Wissen Sie womöglich, um was es da geht an der Demo, die gleich vor dem Bahnhof stattfindet? «Tut mir leid, mein Herr. Keine Ahnung.»

Vor dem Bahnhof liegt der Südtiroler Platz. Dessen Betonfläche ist an sich grau und hässlich, der Platz wirkt aber noch hässlicher wegen der überaus hässlichen Hotels und der ganz besonders hässlichen Shops um ihn herum. Ein Clochard steht auf dem Platz und sagt: «I woas nix.»

Da schlurft ein kleiner Mann mit Umhängetasche vorbei. Kariertes Hemd, Turnschuhe. Der muss es wissen – er ist schliesslich Jonas Lüscher. Ein paar Erwachsene mit Kindern und einer Europafahne kommen gerade auch auf den Platz. «Hoffentlich werdens noch ein paar mehr», sagt Lüscher, ein kleines Lächeln im Bart. Ist das nicht etwas seltsam, dass er als Schweizer hier in Salzburg zur Demo aufruft? «Gar nicht. Das ist Europa.» Wenn Lüscher spricht, kippt der 41-Jährige manchmal vom Bern- ins Hochdeutsche. Der gelernte Primar­lehrer kommt von München, wo er seit 17 Jahren lebt. Salzburg war der nächstgelegene Demo-Ort.

Jonas Lüscher ist der beste Schweizer Autor der Gegenwart. 2013 veröffentlichte er die gefeierte Novelle «Frühling der Barbaren», letztes Jahr erhielt Lüscher den Schweizer Buchpreis für den Roman «Kraft», in dem er die irren Ideen des Silicon Valley und des Neoliberalismus in eine Gelehrtenbiografie verwob.

Auf gepackten Koffern

«Wenn ich Kultur höre, entsichere ich meine Browning.» Das liess Nazi-Schriftsteller Hanns Johst einmal einen Helden sagen. Ein Geist, der gerade wieder durch viele Köpfe spukt in Europa. Lüscher weiss: Erst sind die Migranten dran, dann gleich die Künstler, schliesslich der unangepasste Rest. Er kennt Kollegen auf dem Kontinent, die auf ­gepackten Koffern sitzen. Für den Fall der nächsten Schraubendrehung der Rechten, die nächste Eskalation.

«Für Europa» soll die Demo hier in Salzburg sein. Eine vage Vorgabe, aber das ist Absicht. Gemeinsam mit dem Philosophen Zichy hat Lüscher die Plattform 13-10 aufgebaut. Heute Samstag, dem 13.10., gehen Menschen in ganz Europa auf die Strassen. Sie demonstrieren gegen den Nationalismus und für ein solidarisches Europa. Lüscher hat den Sommer über auf diesen Tag hingearbeitet, einen kleinen Stab an Mitarbeitern um sich geschart, täglich Dutzende, Hunderte Mails verschickt und auf dem Kontinent herumtelefoniert. «Bitibäti gmacht», sagt er. Lüscher redete mit Anhängern von Lederjacken-Ökonom Giannis Varoufakis, mit der Bewegung «Pulse of Europa», mit neoliberalen Freunden des Binnenmarkts.

Es geht Lüscher und seinen Helfern um den kleinsten gemeinsamen Nenner: das friedliche Zusammenleben der Länder, den Rechtsstaat, die Demokratie. Selbst eine Parteinahme für die Institution EU vermied er, der selber ein klarer EU-Befürworter ist und sich einen Schweizer Beitritt wünscht. «Heute sollen alle möglichen Europafreunde auf die Strasse gehen.» In 54 Städten haben sich Demos angemeldet. Auf Berlin, Wien und Rom setzt Lüscher besonders grosse Hoffnungen, aber auch auf die Polen. Die seien verblüffend aktiv. «Man merkts, dort gehts für Europa-Anhänger jetzt um alles», sagt Lüscher. 

«Irgendetwas mit EU. Dafür oder dagegen.»

Salzburg ist eine kleine Nummer. Auf den Südtiroler Platz gekommen sind: ein paar Dutzend Grüne, die Gruppe «Omas gegen Rechts». Dazu Einzelkämpfer wie der Romanist Philippe, der über Facebook auf die Demo aufmerksam geworden ist. Er sagt: «Die Europäische Union hat uns 70 Jahre Frieden gebracht. Ich verstehe nicht, warum man das jetzt aufgeben sollte für ... ja für was eigentlich?!» Mädchen in punkigen Kleidern spannen ein «Pulse of Europe»-Banner auf. Es ist eine sehr überschaubare Szenerie.

Doch dann passiert etwas Erstaunliches: Das Häufchen, das sich über den ganzen hässlichen Platz verstreut hat, formiert sich zu einer Schlange, läuft los – und sieht plötzlich ziemlich imposant aus. Lang gestreckt und laut, zielgerichtet und dominant. «Wie viele sind das nun wohl», fragt Lüscher und blickt auf den Zug. «300? 400?» Die Strasse wird abgesperrt, ein Polizist geht voraus. Die Passanten drehen sich um, tuscheln, vereinzeltes Klatschen. Ein Schüler erklärt dem Kollegen: «Irgendwas mit EU. Dafür oder dagegen.»

Eine Gruppe Besoffener steht am Wegrand, einer reiht sich in die Demo ein und stolpert dämlich mit. Seine Freunde johlen. Bei den alten Griechen waren «Idioten» ja jene Menschen, die sich nicht an der Politik beteiligten, obwohl sie die Möglichkeit dazu hatten. Die Besoffenen bleiben zurück, der Umzug schiebt sich vor in Richtung Innenstadt. Lüscher an der Spitze, vor ihm ein Transparent: «Salzburg loves Europe».

Ein kalter Blick

«Die furchtbarste Masse, die sich denken liesse, wäre eine aus lauter Bekannten», schrieb Elias Canetti, der sich in «Masse und Macht» wie besessen mit Menschenansammlungen beschäftigte. Jonas Lüscher pflichtet bei: «An einer guten Demo lernt man neue Leute kennen, die die eigenen Anliegen und Sorgen teilen. Das bestärkt einen ungemein.» Es war eine grosse Demo in München, die Lüscher zu seinem Projekt 13-10 motiviert hat.

Dabei passen der Schriftsteller und die Demo ja eigentlich nicht recht zusammen. Hier der sensible Denker am Schreibtisch, dort die laute Masse. Hier Geist, dort Körper. 

Tatsächlich sagt Lüscher: «Wenn viele Leute dasselbe sagen oder sogar brüllen, wird mir unwohl. Ich muss mich für jede Demo aufs neue überwinden.» Erstmals mitgelaufen sei er 1989 als Teenager an einer GSoA-Demo. Lüscher ist überzeugt von der ungebrochenen Macht der Demonstration – gerade im digitalen Zeitalter. Zu Hause vor dem Computer zu sitzen und angriffige Tweets zu liken, davon hält Lüscher nichts. «Hat sich nicht bewährt.»

Vielleicht hat der Kanzler ja recht? Jetzt wirkt Lüscher zum ersten Mal an diesem Tag richtig verärgert.

Neben Lüscher läuft eine junge Frau mit roten Haaren. Vor den Bauch hat sie eine Trommel geschnallt und schlägt nun tüchtig Krach. «Suchen wir uns doch einen anderen Platz», sagt Lüscher. Er kenne sie schon, die Vorstellung vom Schriftsteller, der sich nicht in konkrete Belange einmischen soll. Dass zu viel Politik die Kunst kontaminiere.

«Aber ich teile diese Angst nicht. Jetzt beginne ich meinen nächsten Roman einfach etwas später. Das ist alles.» Und natürlich freue er sich, als Schriftsteller wieder ambivalent bleiben zu können, Fragen zu stellen und stehen zu lassen. Lüscher, das ist längst klar, macht das hier aus Überzeugung und aus einem Gefühl der Dringlichkeit heraus. «Mir wärs ja auch lieber, wenn die Leute zu Hause bleiben und Naturlyrik lesen könnten.»

Am Megafon fordert jemand offene Grenzen und sorgt am Strassenrand für Kopfschütteln. Vielleicht liegt Österreichs Kanzler ja gar nicht so falsch mit seinem Plan, die Flüchtlinge bereits in Nordafrika aufzuhalten. Lüschers Blick wird kalt. Jetzt, das einzige Mal an diesem Tag, wirkt er richtig verärgert. «Ohne Gewalt kann man keinen Menschen in einem Lager aufhalten. Letztlich bedeutet Kurz’ Plan, dass wir auf Flüchtlinge schiessen würden.»

Der Appell

Die Demo endet auf dem Residenzplatz. Was für ein Kontrast zum Startpunkt, dem Südtiroler Platz. Herrliche Barockbauten, Sonnenlicht bricht durch die Fontäne des riesigen Prunkbrunnens, im Hintergrund ziehen die Fiaker vorbei. Jonas Lüscher hält die letzte Rede. Irgendjemand hat das Mikro mittlerweile repariert. Lüscher schliesst mit dem Aufruf: «Europa ist unsere Geschichte, Europa ist unsere Gegenwart, und ein demokratisches Europa soll unsere Zukunft sein!» Die Europahymne wird abgespielt, nicht allzu laut. Lüscher bewegt die Lippen. 

Per Handy wird er über die übrigen 53 Veranstaltungen informiert. Bald ist klar: Viel grösser als in Salzburg wurde es auch andernorts nicht. Ein paar Hunderte kamen jeweils, etwas über dem Schnitt lagen Budapest, Köln und Frankfurt. Die Polen reissen 13-10 auch nicht raus, und in den Schweizer Städten Zürich und Basel fielen die wenigen Demonstranten kaum auf. Das angepeilte Ziel von insgesamt fünf Millionen Demonstranten wird weit verfehlt.

«Etwas ernüchternd, wenn ich ehrlich bin. Wir konnten die Massen nicht mobilisieren.» Sicher, Berlin wurde riesig. Fast eine Viertelmillion Menschen waren da. Aber Lüscher ist kein Aufschneider. Er sagt offen, dass es andere Organisationen waren, die für diesen Auflauf gesorgt haben, dass der Beitrag von 13-10 ein kleiner gewesen war.

Gestern Sonntag stand für Jonas Lüscher bereits die nächste Bürgerpflicht an. Der Doppelbürger durfte zum ersten Mal in München an die Urne, Lüscher wählte die SPD. Er überlegt sich gerade, der schwer ­lädierten Partei beizutreten.

Erstellt: 15.10.2018, 06:33 Uhr

Artikel zum Thema

Jonas Lüscher will Riesendemo

Der Schweizer Schriftsteller will fünf Millionen Menschen auf die Strassen bringen, die gegen Nationalismus und Populismus ein Zeichen setzen. Mehr...

«Selbstverständlich sind wir für dieses Land verantwortlich»

SonntagsZeitung Hat die Mehrheit immer recht? Braucht man einen Pass, um Schweizer zu sein? Ein Gespräch zum 1. August mit den Autoren Meral Kureyshi, Jonas Lüscher und Peter Stamm. Mehr...

Aber die SVP, die wählt er nicht

Porträt Jürg Halter war in der Bataclan-Nacht in Paris. Seither hadert er mit den Linken und Liberalen. Auch in seinem ersten Roman. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...