Der eingebildete Kranke

Güzin Kar über Sozialdetektive und «Simulantentum».

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Der eigentliche Skandal ist nicht das Ansinnen der Versicherungen, die allen Ernstes erwägen, medizinische Laien als Spitzel im Kampf gegen erschlichene Leistungen einzusetzen, sondern, dass dieses Vorhaben beinahe widerspruchslos geblieben wäre. Ein haarsträubendes Vorhaben, das deshalb auf grossen Anklang stösst, weil es ein uraltes Bild bedient, das sich in den Köpfen festgesetzt hat, noch lange bevor die «Scheininvaliden» erfunden und zur Sozialplage erklärt worden waren: Krankheit und Behinderung als eine Spielart von Faulheit. Darum muss ein Behinderten-Big-Brother her, als eine Mischung aus Voyeurismus und Machtgier, und wer nicht passt, wird rausgewählt.

Da guckt also ein Sachbearbeiter in eine Akte und denkt sich: «Der und krank? Niemals. Der sieht auf Fotos so fröhlich aus, da kann er auch gleich arbeiten gehen. Ich geh mal vorbei und schau bei dem ins Küchenfenster. Da der Sachbearbeiter aber Sachen bearbeiten muss und abends seine Ruhe will, muss jemand anders ins Küchenfenster des Kranken mit dem fröhlichen Gesicht schauen gehen, jemand, der knapp eine iPhone-Kamera und eine Drohne aus dem Baumarkt bedienen kann. Und dieser Mensch entscheidet nun nach allen bereits erfolgten Expertisen darüber, ob Herr B. oder Frau R. traurig genug über der Suppe sitzt, um als depressiv durchzugehen. Und wer nicht mindestens die Hälfte verschüttet, kriegt die Taggelder aberkannt. Der visuelle Beweis, das Augenmass und der gesunde Menschenverstand der Mehrheit im Kampf gegen die «unklaren Krankheitsbilder» einer Minderheit, die so genannt werden, wenn man nicht aussprechen will, was man denkt: Simulantentum.

Wo Eigenverantwortung und Machbarkeit als Maximen gelten, ist der kranke und behinderte Mensch verdächtig. Das Prinzip der Erwerbsarbeit, auf dem unsere Gesellschaft aufbaut, lebt nicht von der Leistungsfähigkeit der Menschen, die sie erbringen, sondern von der zuverlässigen Abrufbarkeit dieser Leistung. Man will darauf setzen können, dass eine Angestellte täglich zur Arbeit erscheint und nicht nur dann, wenn es ihr gut genug geht. Etliche chronische Krankheiten haben aber ihre eigenen Gesetzmässigkeiten, und die wenigsten entsprechen unserem abgespeicherten Bild davon. Die Vorstellung, die die meisten Menschen von Epilepsie haben, hat vermutlich nicht viel mit der Realität eines daran Erkrankten gemein. Es gibt andere Kranke oder Behinderte, die mal auf einen Rollstuhl angewiesen sind, mal Krücken brauchen und phasenweise ohne Gehhilfen auskommen. Nur weiss man meistens nicht im Voraus, was der Tag bringt.

Wenn Menschen nun dazu angehalten werden, ihre Beeinträchtigungen für jeden sichtbar zu leben, um dem Vorwurf des Simulantentums zu entgehen, werden keine Ansprüche auf Versicherungsleistungen verhandelt, sondern Lebensstile. Es ist bereits heute möglich, anonym Leute anzuschwärzen, die man verdächtigt, zu Unrecht Gelder zu beziehen, weil sie irgendetwas nicht so machen wie von der Umwelt erwartet. Wir sollten uns allein deswegen gegen das systematische Ausspionieren und Beobachten von Menschen stellen, weil wir niemals erlauben dürfen, dass sich das Misstrauen einer paranoiden Gesellschaft zum Kontrollwahn steigert, der sich anmasst, darüber zu entscheiden, wer wann lachen oder eine Party feiern darf. Kranke und Behinderte benehmen sich oft nicht so, wie Gesunde und Nichtbehinderte glauben, dass sie sich benähmen, wären sie an deren Stelle. Die Gründe hierfür gehen keinen etwas an.

Erstellt: 20.04.2018, 14:39 Uhr

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