Fiktiver Boulevard

Roger Schawinski ist Opfer einer Internet-Kampagne. Über das so groteske wie einträgliche Geschäft der Fake-Werbung.

Fiktiver Boulevard: «Schawinski enthüllt die Wahrheit».

Fiktiver Boulevard: «Schawinski enthüllt die Wahrheit». Bild: Screenshot openculture.com

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Bohlen, Gottschalk, Schawinski. Die Internet-Trickser lieben alte, weisse, reiche Männer. Sie nutzen Bilder solcher Promis, um Nutzer zu dubiosen Angeboten und Websites zu locken. Wir reden von «Scam Ads», betrügerischer Internetwerbung.

Roger Schawinski ist seit ein paar Tagen Opfer einer solchen Kampagne. «Schawinski enthüllt die Wahrheit» steht unter einem Foto des Medienpioniers, das auf den Werbeflächen grosser Blogs und Websites gezeigt wird. Wer auf das Bild klickt, landet auf einer Ramsch-Seite, auf der zum Beispiel Malbücher für Erwachsene oder Hundefutter aus Büffelfleisch angeboten werden. Und eben Schawinski, in der Kategorie «Uncategorized». Um was für ein Produkt (Buch? Investment?) es sich hier überhaupt handelt, bleibt unklar – jedenfalls kostet es aktuell 44 statt 57 Pfund. Andernorts wird offenbar mit Schawinski und demselben Spruch für ein angeblich lukratives Bitcoin-Geschäft geworben.

Skandal, Skandal

Bizarrer Müll und maliziöse Businesspläne liegen im Web nahe beieinander. Schätzungen zufolge werden allein mit Fake-Seiten, die mit Bots menschliche Besucher simulieren und so bezahlte Werbung anziehen, jährlich Milliarden US-Dollar abgezockt.

Seit Anfang Jahr häufen sich nun Fake-Werbungen mit deutschsprachigen Promis. «Skandalöse Enthüllung erschüttert Deutschland» lautet der Titel einer anderen Fake-Werbung. Dazu ein Bild von Dieter Bohlen: Gesenkter Kopf, Sonnenbrille, zur Seite bullige Männer mit Stöpsel im Ohr. Andernorts werden Promis per Fotosoftware zugerichtet, als wären sie verprügelt worden. Mal wird ihnen Kriminelles angedichtet, mal werden sie für tot erklärt. Die Internet-Trickser schufen so in den letzten Jahr ein neues, brachiales Textgenre, das man fiktiven Boulevard nennen könnte.

Die Klick-Beschaffung ist grob, die Abläufe hinter der Fake-Werbung hingegen sind ziemlich raffiniert. Der Digitalwerber Beat Muttenzer (Dept) hat sich den Schawinski-Fake und die Website, auf die das Bild lockt, genauer angeschaut. Die Werbung sei offenbar tatsächlich eigenhändig zusammengebaut worden. «Die mussten im Web nach Bildern und Texten zu Schawinski gesucht haben.» Der Zweck der Schawinski-Werbung erschliesse sich ihm allerdings nicht. «Die angebotenen Produkte sind dubios. Womöglich geht es um Datenklau, oder darum, dem Nutzer Viren oder Trojaner unterzujubeln.»

Dass der Website nicht zu trauen ist, zeigt allein der Umstand, dass der Besitzer der Website eigens Geld dafür bezahlt, anonym bleiben zu können. Registriert ist seine Seite bei einem kalifornischen Anbieter mit dem sprechenden Namen «Wildwestdomain». Auf demselben Server lagern auch eine illegale Streaming-Seite und ein virenverseuchtes russisches Online-Casino – unter anderem.

Das Prestige strahlt ab

Digitalspezialist und «Magazin»-Autor Hannes Grassegger («Das Kapital bin ich») sagt, betrügerische Werbung wie der Schawinski-Fake liesse sich mittlerweile auch automatisch generieren. «Es gibt Software, die Schlagzeilen automatisch in andere Sprachen übersetzen, automatisch nach Promibildern suchen, das Ganze automatisch zusammensetzen und automatisch auf die Werbeplattformen einspeisen kann.» Grassegger vermutet, dass die Promisuche nach bestimmten Stichworten erfolgt, etwa «Investor». Das Selfmade-Prestige eines Schawinski oder Bohlen strahlt ab auf dubiose Geschäfte, verleitet den einen oder die andere tatsächlich zum Klick oder Kauf.

Daran verdienen jeweils einige. Google vergibt seine Werbeplätze nach dem Auktionsprinzip: Je mehr das Unternehmen bezahlte, desto öfters und prominenter wurde ihr Schawinski-Fake platziert. Sogenannte Content Delivery Networks – Server-Netzwerke – verteilten die Werbung auf den Websites. Fällt jemand auf den Fake herein, teilen sich Trickser, Google, Content Delivery Networks und die Website die Einnahmen.

Meldestellen eingerichtet

Wobei eine Werbung wie der Schawinski-Fake ja eigentlich nirgends auftauchen sollte. Doch die grossen Plattformen filtern grosszügig, allzu grosszügig. Grassegger: «Die Content Delivery Networks, aber auch Instagram und Facebook bekommen das Problem einfach nicht in den Griff. Dies, weil die Werbeeingabe automatisiert ist und eine individuelle, saubere Prüfung zu teuer käme.» Seit dem US-Wahlkampf von 2016, der eine Schlammschlacht der Fake News war, würden Facebook, Google und Co. allmählich umdenken, glaubt Werber Muttenzer. «Es setzt sich die Überzeugung durch, dass Fake-Stories mit Promis nie o. k. sind.»

Im angelsächsischen Raum ist die Sensibilität fürs Thema denn auch grösser. In den USA hob das Justizdepartement letztes Jahr einen Ring russischer Internet-Trickser aus, der mit Fake-Werbung Dutzende Millionen Dollars verdiente. In England löste der TV-Moderator Martin Lewis eine Debatte aus, nachdem er Facebook wegen Fake-Werbung verklagt hatte. Britische Politiker drängten Facebook danach, Prominente besser zu schützen. Lewis liess seine Klage im Januar fallen, nachdem Facebook einen Scam-Melde-Button eingeführt und drei Millionen Pfund an eine Organisation überwiesen hatte, die Fake-Werbung kontrolliert und deren Opfer betreut.

Eine Sisyphus-Arbeit

Auch Australien hat mittlerweile eine Anlaufstelle namens Scamwatch eingerichtet. Hierzulande, wo die Zuständigkeiten komplizierter sind und sich sowohl das Seco wie die Eidgenössische Kommission für Konsumentenfragen mit dem Thema beschäftigen, gibt es keine solche Anlaufstelle.

Und Roger Schawinski? Der Medienpionier müht sich derzeit darum, die Fakes löschen zu lassen. Bei einer Website habe er bereits persönlich interveniert. Schawinski stünde eine Sisyphusarbeit bevor, sagt Werber Beat Muttenzer. Grassegger empfiehlt, den Betreibern der Websites eine Frist zu setzen, bis wann die Fake-Werbung entfernt sein muss. In der Hoffnung, dass der unliebsame Doppelgänger irgendwann wieder ins digitale Nirwana entschwindet.

Mitarbeit: Barnaby Skinner

Erstellt: 17.05.2019, 15:54 Uhr

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