Der Masturbator ist zurück

Der durch #MeToo gefallene Starkomiker Louis C.K. trat gestern in der Schweiz auf. Der schwarze Block schrie – das Publikum jubelte.

Louis C.K., hier in einer Aufnahme von 2015.

Louis C.K., hier in einer Aufnahme von 2015.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Alerta sexista! Alerta sexista!» Vor dem Congress Center Basel duckt sich eine Delegation des schwarzen Blocks hinter ein Transparent und skandiert durch ein Megaphon. Das ins Gebäude strömende Publikum betrachtet das Schauspiel belustigt mit gezückten Handys. Die meisten davon sind Männer zwischen zwanzig und vierzig, es ist viel von Masturbation die Rede, entsprechende Gesten sind zu sehen.

«Sexist asshole»: Demonstranten vor dem Basler Congress Center, wo Louis C.K. gestern auftrat. Foto: Philippe Zweifel

Die seltsame Szenerie hat ihren Grund: Der Komiker Louis C.K. war zu Gast in der Stadt. Bis vor zwei Jahren war der Amerikaner einer der berühmtesten Stand-Up-Künstler der Welt. Während einer Tournee füllte er in New York den Madison Square Garden dreimal, was 60'000 Zuschauern entspricht. Seine Shows waren auf Netflix ein Hit, seine Serie «Louie» gewann Emmys. C.K. drehte mit Woody Allen, und wenn er von einem der grossen amerikanischen Late-Night-Talker eingeladen wurde, gab er im Gespräch den Takt an.

Waren, gewann, gab. C.K.s goldene Tage liegen in der Vergangenheit, seit seine Karriere im November 2017 an die Wand knallte. Damals berichtete die «New York Times» von fünf Komikerinnen, die von ihm sexuell verunglimpft wurden. Der heute 52-Jährige hatte vor ihnen masturbiert, im Hotelzimmer oder am Telefon. Die Ächtung folgte postwendend: Serie eingestellt, Auftritte und ein fertig produzierter Kinofilm wurden wegen «unvorhersehbaren Umständen» abgesagt.

Absagen von mehreren Schweizer Locations

Im Vorfeld der zwei Auftritte in Basel hatten die beiden Zürcher Locations Maag Halle und Volkshaus beschlossen, Louis C.K. nicht auftreten zu lassen. Veranstalter in London und Leeds reagierten gleich. Die Schweizer Kampagnenplattform Campax rief das Congress Center Basel dazu auf, die Schweizer Auftritte zu streichen – aus Rücksicht auf Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren hätten. In den Spalten der Feuilletons klingt es ähnlich. «Die Zeit» will C.K. so lange verbannt sehen, bis #MeToo kein Thema mehr sei, sprich: Frauenfeindlichkeit aus der Gesellschaft ausgemerzt ist.

Kein Wunder, waren hiesige Komiker in der Bredouille, wie SRF-Satiriker Dominic Deville dem «Blick» gestand: Fast alle in seinem Team seien Fans, aber ob man zur C.K.-Show dürfe, sei umstritten. Hat der Amerikaner dies mitbekommen? Jedenfalls eröffnete er den Abend mit einer Ansage, ein paar Komiker aus New York für das Warm-up eingeflogen zu haben, obschon das teuer sei. Er habe diesen Teil der Show aber nicht irgendeinem «shit-ass» Lokalkomiker überlassen wollen.

Dann war er selbst an der Reihe: «Und, wie waren eure letzten beiden Jahre?» rief er in den Saal. Seine seien aufschlussreich gewesen. Er habe etwa gelernt, wie man in einem Restaurant isst, wo Menschen am Nebentisch obszöne Gesten machen.

Superstar-Komiker: Louis C.K.s Netflix-Special.

Ist ein #Metoo-Comeback überhaupt möglich? Das Standardmanöver für Künstler, die versuchen, nach einem solchen Absturz ins öffentliche Leben zurückzukehren, ist es, Reue zu zeigen und öffentlich darzulegen, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben. C.K. hatte sich nach den Vorwürfen ebenfalls öffentlich entschuldigt- nun scheint er nach eigenem Ermessen genug gesühnt zu haben. Auf weitere Entschuldigungen verzichtet er erst Recht, im Gegenteil: In Basel verschonte er keine Minderheitengruppe, keine Religion: Transgender, Schwule, Behinderte, Veganer, Juden, Christen, Moslems oder Japaner, die gebrochenes Englisch reden.

Es schien zuweilen, als wollte der Comedian testen, wie weit er gehen kann – und versicherte dem Publikum denn auch: Ihr haltet euch gut! Er erzählte von seiner französischen Freundin, die Veganerin sei, weshalb er sie nur mit einem künstlichen Penisersatz penetriere. Oder er erklärte den Männern, wie sehr sie dazu neigen, Frauen zu missverstehen. Deren Bettgestöhne sei nicht falsch zu deuten. Das wäre, als denke man, die Baumwollsklaven sangen aus purer Freude an der Arbeit. «Nein, sie taten das, um es durchzustehen.»

War C.K. immer schon derart schonungslos – oder erscheint das nur so im Zuge des Skandals, der ein neues Licht auf seine Komik wirft? So wunderte er sich auf der Bühne über ein Geschäft mit einem Rollstuhl im Schaufenster: Wer würde sich zum Spontankauf eines solchen verleiten lassen? Ein Mann ohne Beine, der sich bislang kriechend fortbewegte? Das Publikum warf sich weg vor Lachen, bis C.K. erwähnte, sein fiktiver Mann ohne Beine habe diese beim Attentat am Boston-Marathon verloren – ein betroffenes Raunen ging durchs Publikum. C.K.: «Ihr lacht über einen Behinderten ohne Beine – aber nur, wenn er diese wegen einer Krankheit verloren hat?»

Auszüge aus C.K.s Stand-Up-Shows.

Einige US-Kommentatoren, die Louis C.K. früher bejubelt hatten, erklärten sein neues Programm als ressentimentgetrieben. Bloss, C.K.s Komik beruhte schon immer auf dem Hässlichen. Darauf, dass er allgemein akzeptierte Überzeugungen attackiert, um Heuchelei anzuprangern. Auch vor seinem Absturz sprach er aus, was sich die meisten von uns nicht mal zu denken getrauen – in schwindelerregenden Volten und dem besten Timing der Comedy-Szene. Sein Lieblingsthema: Männer und ihre psychischen Abgründe, wie sie beim Anblick einer Frau innerlich zu masturbierenden Neandertalern werden; wie sie als Väter versagen.

Das grenzt an Selbsthass, nur aushaltbar, weil C.K. diesen urkomisch präsentiert und: weil dahinter – scheinbar? – der Wille und die Aufforderung an seine Geschlechtsgenossen steht, es besser zu machen. In einer seiner früheren Shows erklärte er Männern, wie Dating für Frauen ist: «Stellt euch vor, ihr könntet nur mit ‹Bärenlöwen-Wesen› ausgehen – und müsst hoffen, dass ihr ein nettes Exemplar erwischt.» Auch in C.K.s Serie «Louie», die er selber schrieb, filmte und produzierte, sind Sex, Zustimmung und Vergewaltigung wiederkehrende Themen. Sie zeugen in ihrer berührenden Abhandlung von einem tiefen Verständnis für soziale Dynamiken, und dafür wie Macht und Geschlecht diese beeinflussen.

Ist dieses Werk nun wertlos, weil C.K. die Machtstrukturen, die er auf der Bühne anprangerte, hinter der Bühne selber ausgenutzt hat? War die Serie «Louie» Tarnung für den Drecksack Louis? Das mögen einige so sehen, aber man kann auch einwenden, dass die Enthüllungen C.K.s Kunst nicht beschädigen, sondern zu einem anderen Dokument machen: Weniger lustig, aber dafür umso wahrer, weil seine Einsichten nicht nur Beobachtung entstammen, sondern eigener Verirrung.

#MeToo und Louis C.K.

Die «New York Times» berichtete am 9. November 2017 über Louis CK. Fünf Frauen beschuldigten den Komiker des sexuellen Fehlverhaltens, in allen Fällen ging es dabei um Masturbation. Zwei Komikerinnen berichteten, wie C.K. sie im Jahr 2002 in sein Hotelzimmer eingeladen habe. Sobald sie den Raum betreten hätten, habe er sie unvermittelt gefragt, ob er sich ausziehen und vor ihnen masturbieren dürfe. Sie seien sehr überrascht gewesen, als er seinen Worten dann auch Taten folgen liess.

Eine andere Komikerin erzählte von einem Telefonat mit C.K., bei dem sie habe hören können, dass er während des Gesprächs masturbierte. Weitere Frauen berichteten von ähnlichen Fällen. Bei einigen dieser Frauen hatte sich CK später persönlich entschuldigt, bei anderen nicht.

Am 10. November veröffentlichte CK eine Entschuldigung. Die Geschichten seien wahr, heisst es darin. Er habe sich damals eingeredet, was er tue, sei in Ordnung, weil er seinen Penis nie gezeigt habe, ohne die Frauen vorher zu fragen. Heute wisse er, dass er Macht über diese Frauen gehabt habe, weil sie ihn bewundert hätten. Er sei unverantwortlich umgegangen mit dieser Macht. Dann schloss er: «Ich verbrachte meine lange und glückliche Karriere damit, zu sagen, was immer ich wollte. Nun werde ich einen Schritt zurück machen und mir Zeit nehmen, zuzuhören.»

Dieser #MeToo-Fall ist moralisch besonders kniffelig, weil hier der übliche Hinweis auf die Kunstautonomie nicht greift: Dass Kunst und Künstler getrennt betrachtet werden sollten: Gerade die Fans eines gefallenen Künstlers bemühen die Devise gerne. Roman Polanski oder Woody Allen mögen sich an Minderjährigen vergangen haben – so what? Sollen sich die Gerichte damit beschäftigen. Ihre meisterhaften Filme handeln nicht von Missbrauch. Wer Schönes schafft, kann privat auch ein Scheusal sein. Darum hören wir nach wie vor Wagner oder die Sex Pistols.

Bloss: Wer ist im Fall C.K., der strafrechtlich nicht relevant ist, überhaupt die richtende Instanz? Der Markt? Die Veranstalter? Louis C.K. selbst? Läuft es auf den einzelnen, den Zuschauer hinaus, der sich fragen muss: Finde ich ihn noch lustig? Oder eher: Darf ich ihn noch lustig finden?

Für sein Schweizer Publikum, das vom öffentlichen Shaming erschöpft zu sein schien, ist diese Frage beantwortet. Es verabschiedete C.K. mit einer Standing Ovation. Es war eine Würdigung des Abends, aber klar auch eine Geste der Loyalität zu einem Mann, der vielleicht Unrecht getan, aber auch selber solches erlitten hat.

Gegen den Schluss sprach Louis C.K. sein Missverhalten selbst an. «Wollt ihr darüber reden?» Der Saal hielt für einen Moment den Atem an. Okay, wie viele andere möge er Sex, der ein bisschen «fucked up» sei. Nur wüsste bei ihm nun die ganze Welt Bescheid. «Aber falls ihr jemals jemanden fragt, ob ihr vor ihm masturbieren dürft und als Antwort ein Ja bekommt – fragt nach, ob es wirklich okay ist. Und dann tut es trotzdem nicht.»

Erstellt: 27.11.2019, 17:33 Uhr

Artikel zum Thema

Volkshaus lässt Auftritt von US-Komiker platzen

Der umstrittene Comedian Louis CK hätte in Zürich auftreten sollen. Doch das Volkshaus fürchtete sich vor negativen Reaktionen. Mehr...

Genialer Grüsel vor Comeback in der Schweiz

Porträt #MeToo hatte ihn zu Fall gebracht, nun tritt Louis CK in Basel auf. Das bringt hiesige Komiker in Verlegenheit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...