Der Pausenplatz-Mobber ist salonfähig geworden

Von Trump-Häme bis No-Billag-Wut: Heute triumphiert, wer andere plagt. Wir leben im Zeitalter des Bullys.

Deutsche Vorfahren und eine grelle Gesichtsfarbe: Nelson Muntz, der Fiesling der TV-Serie «Die Simpsons». Illustration: Carlos Cardetas (Alamy)

Deutsche Vorfahren und eine grelle Gesichtsfarbe: Nelson Muntz, der Fiesling der TV-Serie «Die Simpsons». Illustration: Carlos Cardetas (Alamy)

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Warum sollte mich Kim Jong-un beleidigen, indem er mich «alt» nennt, wenn ich ihn doch NIEMALS «klein und fett» nennen würde? (Donald Trump auf Twitter am 11. November 2017, 16.48 Uhr)

Der Albtraum in Orange verfolgt auch den Mobbingexperten. Trump habe für alle Welt ersichtlich eine neue Norm gesetzt, sagt der deutsche Pädagogikprofessor Herbert Scheithauer: «dass es okay ist, auf Schwächere draufzuhauen». Tatsächlich ist Trumps grösster Viral-Hit ein Video, in dem er einen Mann mit CNN-Logo auf dem Kopf verprügelt. Hundertausende Retweets. The best, unbelievable.

Wer das Phänomen des Bullys versteht, versteht das Phänomen Trump. Drei Merkmale sind kennzeichnend: Erstens brilliert der Bully nicht mit Leistung, sondern indem er die Regeln des Anstands kickt – so schafft er sich Freiräume, die Anständigen verwehrt bleiben. Zweitens ist der Bully nur auf Zerstörung aus, wenn das Opfer einknickt, geht ihm das Herz auf. Drittens ist der Bully auf gefährliche Art unterhaltsam. Seine Handlungen haben den Thrill der Grenzübertretung: Wird die nächste Pressekonferenz ebenfalls eskalieren? Gibts irgendwo einen Reporter, den er fertigmachen könnte? Schlottert im Raum ein ängstlicher Untergebener, den er ein bisschen demütigen könnte?

Wie im Sandkasten

Noch im Ohr haben wir das allgemeine Gekicher, als Trump den Brillenträger Jeb Bush und mit ihm die ganze Öl-Sippe der Bushs aus der Politik mobbte. «Der findet nicht mal den Ausgang aus einem Papiersack», ätzte Trump. Irgendwann gefror einem das Lachen: Trump imitierte einen behinderten Journalisten, bezeichnete die Demokratin Elizabeth Warren als «Pocahontas» und alle möglichen Leute als «Verlierer» oder «Dummköpfe», erklärte Frauen zu begrapschbarem Freiwild, beleidigte Mexikaner, schubste den Präsidenten Montenegros herum und nannte den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un «Little Rocket Man» und, eben: «NIEMALS fett». Er ist ein böses Kind von weltpolitischer Bedeutung, sein Lieblingsprojekt, die Mauer zu Mexiko, ist Ausdruck eines unbarmherzigen Sandkastendenkens: Stopp, Finger weg von meinen Sachen! Bis hier und nicht weiter!

In derben Momenten gleicht Trump Nelson Muntz, dem Fiesling der TV-Serie «Die Simpsons» (auch jener hat deutsche Vorfahren und eine grelle Gesichtsfarbe, im Gegensatz zu Trump allerdings zuweilen Anflüge von Sensibilität). Nelson belauert Mitschüler auf dem Heimweg, quält sie mit Streichen und Sprüchen. Danach glotzt er seine Opfer an und stösst hämisch Luft aus: «Ha! Ha!»

Die Bully-Forschung unterscheidet zwischen dem Psycho-Bully à la Nelson, der aus mangelnder Einfühlung und schierer Kaputtheit heraus quält, und dem Machiavelli-Bully, der gezielt demütigt, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dass sich Trump mal in diesen, mal jenen Typ verwandelt und so komplett unberechenbar bleibt, das ist seine grösste Stärke als Politiker überhaupt.

Den Bully-in-Chief Donald Trump gibts natürlich – wie so vieles – nur wegen der Finanzkrise 2008. Damals, als dem Mittelständler das Dach über dem Kopf wegflog und der Top-Banker in seiner Villa wohnen blieb, merkten viele: Die Notenblätter waren manipuliert, die Lehrer parteiisch. Der Zorn auf die Arrivierten und Glücklichen wuchs und mit ihm das Verlangen nach einem Grobian, der die Krisenverlierer rächte und «der Elite» eins auswischte. In dieser Atmosphäre, ausgerechnet, trat die überqualifizierte Streberin Hillary Clinton gegen Trump an. Das Magazin «Politico» zitierte nach seiner Inauguration im Januar passend aus der «Poetics of Bullies» des Schriftstellers Stanley Elkin: «Ich bin Push, der Bully, und ich hasse Neuankömmlinge und Weicheier, Dummköpfe und Klugscheisser ... und Krüppel, ganz besonders Krüppel.»

Der Rant ist Alltag

In Europa ist der Bully ebenfalls zurück. Kaum hatte er Zorn- und Angstschweiss der Kleinbürgerachseln gerochen, trottete er auch schon um die Ecke. Die AfD etwa ist eine echte Bully-Gang: Gauland will Merkel «jagen», das Politparkett in einen ungemütlichen Pausenplatz umpflügen. Wie das werden kann, zeigte sich dieses Jahr an der Frankfurter Buchmesse. Ein Hickhack zwischen rechten Verlegern und linken Demonstranten endete mit einem Schlichtungsversuch des Messedirektors. Er trat auf die Bühne, drückte verzweifelt an einem Megafon herum, mit dem er sich als Feingeist blöderweise nicht auskannte. «Heuchler! Heuchler», rief die Menge, dazu hämisches Lachen und klatschende Hände. Ein Streber hatte sich aufs Glatteis gewagt und war aufs Maul gefallen. Ha! Ha!

Und da sind noch die Social Media, die nicht nur bei Donald Trump als Fiesheits-Verstärker wirken. Der Rant, der wortreiche Wutanfall – früher eine Sache verrückter Künstler und debiler Psychopathen – ist im Web zum Alltag geworden. Medienwissenschaftler Roberto Simanowski spricht vom «numerischen Populismus»: Wir alle haben gelernt, dass sich nur mit einer groben Botschaft zuverlässig Likes ernten lassen. Also tippen wir uns in Rage, selbst besonnene Gemüter werden auf Facebook ausfällig und empören sich über schlechten Espresso oder Haris Seferovic oder Haris-Seferovic-Gegner.

Sehr beliebt ist das Wüten gegen eine politische Position, die bei den eigenen Followern bekanntermassen bereits auf einhellige Ablehnung stösst. Wer Rants textet oder auch nur likt, wird bald beiläufig zum Bully. Ein beliebte kurze Animation ist das Popcorn-Gif. Das bewegte Bildchen zeigt jemanden – oft Michael Jackson aus dem «Thriller»-Clip –, wie er genüsslich Popcorn kaut. Gepostet wird das Gif jeweils von Zaungästen, die einen Twitter-Streit entdeckt haben, anheizen wollen und sich auf die erwartbare Brandmarkung des Users freuen.

Funzel der Schadenfreude

Zahlreiche Belege für die Lust am digitalen Bullying liefert momentan der No-Billag-Abstimmungskampf; nicht wenige liebäugeln damit, der Musterschülerin SRG ein wenig die teure Klarinette zu knicken. So kursieren fiese Fotomontagen der Moderatoren und absurde Unterstellungen – und während sich die Betroffenen fast minütlich irgendwo auf Facebook und Twitter verteidigen, vergrössert sich die Zahl jener, die das Spektakel begaffen, liken, retweeten. Popcorn! Ha! Ha!

Trump-, AfD- und No-Billag-Fans wärmen sich an der Funzel der Schadenfreude. Dass sie selbst die Nächsten sein könnten, verdrängen sie. Und vor allem: dass sich ihr Leben nicht bessert, nur weil sie einer medialen Abreibung beiwohnen oder selbst ein wenig haten. Mobbingexperte Scheithauer arbeitet derzeit an einem EU-Projekt, das mit konkreten Handlungsanleitungen Hilfe gegen Bullying bieten will. Damit soll die Solidarität innerhalb einer zerrütteten Klasse wiederhergestellt und die Mitläufer von den Gefahren des Bullyings überzeugt, sie zu Widerstand motiviert werden. Eigentlich hätte die ganze Welt so was nötig.

Erstellt: 05.12.2017, 23:33 Uhr

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