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Schluss mit der Bikini-Runde

Die Miss-America-Wahl wird gerade umgekrempelt. Beseitigt das auch gleich den Sexismus?

Miss North Dakota Cara Mund wird Miss America 2018. Im Wettbewerb soll sich künftig einiges ändern. Bild: Keystone
Miss North Dakota Cara Mund wird Miss America 2018. Im Wettbewerb soll sich künftig einiges ändern. Bild: Keystone

Da hätte man eigentlich auch selbst drauf kommen können: Sechs Jahre, nachdem die Bild-Zeitung das Seite-1-Mädchen vor die Tür setzte, zwei Jahre, nachdem der US-Playboy die eigenen Nackten zensierte, drei Monate, nachdem «Lara Croft» auf die Leinwand zurückkehrte, nun aber mit kleineren Brüsten - schafft die Miss-America-Organisation die Bikini-Runde ab- eine der Disziplinen, in denen die Frauen bei dem Wettbewerb gegeneinander antreten.

Das ist erstens logisch und zweitens erst mal ziemlich egal. Wer hätte dieses Format je ernst genommen, dessen ausschliessliche Aufgabe darin besteht, einmal jährlich das immergleiche Bild durch die Fotoagenturen zu spülen: die mal blonde, mal brünette, einen vor 30 Jahren aus der Mode gekommenen Frauentypus zuverlässig illustrierende Miss America, der das unwahrscheinliche Kunststück gelingt, im Augenblick ihres Triumphes Tränen der Überwältigung zu vergiessen, während sie zwei Reihen frisch gebleachter Zähne zu einem Lächeln entblösst.

Am 9. September wird exakt dieses Foto aus Atlantic City wieder an die Welt verschickt werden. Aber diesmal wird die Welt wissen, dass Holly aus Texas oder Shannon aus Idaho die Zumutungen der Bikini-Runde erspart geblieben sind, ja, Holly und Shannon müssen nicht mal mehr schlank sein! Vom Ansatz her ist das nahezu niedlich. Fast so, als müsste Heidi Klum ihre Model-Sendung fürderhin im Fatsuit moderieren oder Harvey Weinstein den Bademantel aushändigen, bevor er amtlich geläutert wieder auf die Besetzungscouch entlassen wird. Irritierenderweise ist es aber so: Sexismus bleibt Sexismus bleibt Sexismus – am Ende pappt auf der kosmetisch optimierten Message eben immer noch der Playboy-Hase oder das Miss-America-Krönchen drauf.

Vorführungen im Badeanzug soll es beim Miss-America-Wettbewerb in Zukunft keine mehr geben. Bild: Keystone
Vorführungen im Badeanzug soll es beim Miss-America-Wettbewerb in Zukunft keine mehr geben. Bild: Keystone

Konsequent und von immerhin mildem Interesse wäre es gewesen, wenn die Strippenzieherinnen im Schnürboden des «Miss America»-Theaters die Abschaffung desselben beschlossen hätten. Was womöglich sogar die eigentliche Nachricht war: Im Kuratorium des 1921 erfundenen Schönheitswettbewerbs, der nun offiziell kein Schönheitswettbewerb mehr sein will, sitzen seit Kurzem ausschliesslich Frauen. Die Frauen haben nicht nur beschlossen, dass der Bikini nicht mehr tragbar ist, die Kandidatinnen sollen stattdessen anziehen dürfen, «was immer sie wollen».

Man mag sich die Verzweiflung zu Hause vorm Spiegel lieber nicht vorstellen: Ziehe ich jetzt die Jogginghose an, in der ich abends immer auf dem Sofa lümmele, aber noch niemals das Haus verlassen habe? Oder doch besser das Halterneck-Kleid, das jede Faser meines Hammerkörpers herausarbeitet, aber die Feministinnen in der Jury erzürnen könnte?

Die alte Prüderie

«Wir erleben in unserem Land eine kulturelle Revolution, bei der Frauen den Mut finden, aufzustehen und sich in vielen Bereichen Gehör verschaffen.» Das hat die Miss-America-Vorsitzende Gretchen Carlson ernsthaft zu Protokoll gegeben. Tatsächlich ist #Metoo hier nur das Hintertürchen, durch das die alte Prüderie wieder hereintrippelt, die insbesondere Amerika nie ganz los geworden ist, Hippies hin oder her.

Wenn das so weitergeht, wird der weibliche Körper quadratzentimeterweise indiziert - aber natürlich zu seinem eigenen Besten: Kein lüsterner Blick kann ihn mehr treffen. Dann bleibt nur noch der heimliche Sexismus übrig, der schon immer der tückischere war, weil er eben nicht so hilfreich ist, den Frauen zum Ausweis seiner selbst in den Ausschnitt zu gaffen. «Keine Ahnung, war ihr habt», werden die heimlichen Sexisten sagen und einen aus grossen Augen anschauen, «es hat sich doch schon so viel zum Guten verändert. Denkt nur mal an Miss America!»

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