Der Turbo-Erklärer

Die Video-Essays des Amerikaners Evan Puschak sind schwindelerregend dicht und witzig.

Ein Internet-Hit: Evan Puschak analysiert die Rhetorik von Donald Trump. (Quelle: Youtube/Nerdwriter1)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Youtube ist eine Schatzkammer. Wenn auch eine, in der man bisweilen etwas wühlen muss, um zwischen Schadenfreude, Selbstvermarktung und lustigen Tieren die wahren Schätze zu entdecken. Und doch findet man sie. Zum Beispiel die Video-Essays des Amerikaners Evan Puschak. Seit 2011 veröffentlicht er auf seinem Kanal «The Nerdwriter» (zu Deutsch in etwa: der Streberautor) kleine Clips von sechs bis zwölf Minuten, in denen er über Themen aus Kultur, Politik und Wissenschaft referiert.

Sechsminütige Essays in einem Kanal, auf dem der nächste kurzweilige Reiz nur einen Mausklick entfernt ist? Kann das funktionieren? Ja, kann es. Puschak hat sich in den vergangenen Jahren mehr als 1,5 Millionen Abonnenten erarbeitet; einzelne Videos wurden schon bis zu sechs Millionen Mal angeklickt.

Essay trifft auf Remix-Kultur

Wer sich einige Essays des studierten Filmproduzenten anschaut, sieht schnell die Gründe für Puschaks Erfolg. Analysiert der 28-Jährige etwa Donald Trumps Rhetorik, das Thema Steuerverschwendung, oder die Witzstruktur des Komikers Louis C.K., tut er dies stets auf eine bestechende Art. Gekonnt kombiniert Puschak nämlich den klassischen Aufbau eines Essays – These, Einleitung, Hauptteil, Schluss – mit den Spielregeln der Youtube-typischen Remix-Kultur. Puschak spricht mit Dringlichkeit aus dem Off, untermalt seine Thesen mit handfesten Textanalysen. Diese wiederum lockert er mit Bild- und Tonzitaten auf, hebt Argumente auch mal als blinkende Textblöcke hervor. Was so entsteht, sind witzige, schwindelerregend dichte, aber ebenso vereinnahmende Videos.

Doch Puschaks Essays machen nicht zuletzt auch Spass, weil sie inhaltlich etwas hergeben. Sein Video über Hollywoods überbordende Verwendung von Selbstreferenzialität – Puschak nennt es «waffenfähige Intertextualität» – ist ein Muss für jeden Kulturwissenschaftler und Kinofan; seine geschichtliche Einordnung von Bob Dylans Songwriting sollte sich jeder Musikliebhaber zu Gemüte führen. Und seine Ausführungen zur Verbindung zwischen Atombombentests und Kunstfälschung sind ein verblüffender wie erhellender Ausflug in das Feld von Kunstgeschichte und Provenienzforschung.

Hollywood und die «waffenfähige Intertextualität».

Kein Wunder, wird «The Nerdwriter» von seinen Abonnenten längst mit Wunschthemen überhäuft. Vielleicht wäre ja das Thema Youtube und Internetunternehmer einen Beitrag wert. Aber halt, das hat er ja auch schon abgehandelt. Mit Zitaten des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan, Analysen der heutigen Mediennutzung – und Werbung für die eigene Tasse zum Schluss. Fünf Dollar kostet die und ist nur in kleiner Auflage erhältlich. Ja, Evan Puschak weiss, wie das funktioniert mit Youtube. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 17:13 Uhr

Artikel zum Thema

Mit dem Charme eines leeren Parkplatzes

Blasse Farben, lahmer Sound: Marvel-Fans analysieren auf Youtube die Machart der Comicverfilmungen - und sind dabei unerwartet kritisch. Mehr...

Machs kaputt

Video Schlümpfe werden geschreddert, Helme werden zerquetscht, Melonen mit Blei ausgegossen. Weshalb lieben wir die Zerstörungsvideos auf Youtube? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Welttheater Splitter

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

#covfefe? Angela Merkel bedient das fedidwgugl-Haus in Berlin - und wir schütteln den Kopf ab dem sonderbaren Wahlslogan #fedidwgugl: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben (18. August 2017).
(Bild: Michael Kappeler) Mehr...