Der Vater der Republik

Das digitale Magazin «Republik» ist online. Unter der Leitung von Constantin Seibt preist es sich an als Heimat für ein linksliberales Publikum.

Freundlicher Mensch mit Raubtierinstinkt: Journalist Constantin Seibt. (Foto: Doris Fanconi)

Freundlicher Mensch mit Raubtierinstinkt: Journalist Constantin Seibt. (Foto: Doris Fanconi)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zeit, schreibt Raymond Chandler, investiert man als Schreiber am besten in Stil. Und niemand achtete beim TA mehr auf Stil als Constantin Seibt, als er noch hier arbeitete. Nächtelang schliff er an seinen Sätzen, inmitten von Büchern, fleckigen Kaffeetassen und Aschenbechern. Am Morgen hing der Rauch seiner Zigaretten im Büro wie verbrannte Zeit. «Der Stil, den ich meine, ist eine Projektion der eigenen Persönlichkeit, vorausgesetzt, man hat eine», schreibt Chandler. Daran mangelte es Seibt nie. Seine Texte funkelten aus dem Grau der Zeitung heraus.

Seit Januar 2017 muss der TA ohne Constantin Seibt auskommen. Er verliess die Zeitung, um sein eigenes digitales Magazin namens «Republik» zu gründen, das am Sonntag erstmals online ging. Im Rahmen seines Abgangs entstand auch dieses Porträt, das ursprünglich im Branchenmagazin «Schweizer Journalist» erschien und das hier überarbeitet erscheint. Im April vergangenen Jahres begannen Seibt und sein Team mit einer sauber orchestrierten Lancierungskampagne per Crowdfunding Geld für ihr Projekt zu sammeln. An einem kalten und verregneten Aprilmorgen standen die Leute zwischen bunten Ballons vor dem Rothaus an der Langstrasse Schlange, um 240 Franken einzuzahlen. Für ein Produkt, auf das sie fast ein ganzes Jahr warten mussten. Es war das erfolgreichste Mediencrowdsourcing, das die Schweiz je gesehen hatte.

Seibt ist in der Schweizer Medienszene eine Ausnahmefigur: Sein Stilbewusstsein galt vor allem dem Schreiben. Was Sitzungen betraf, war er stets ein Wackelkandidat. Er kam entweder zu spät oder gar nicht. Oder er war schon da, weil er am Schreibtisch eingeschlafen war. Meistens wusste am Morgen niemand, wo er steckt, wann er kommen würde und ob man mit dem versprochenen Text rechnen konnte oder nicht. Mancher Abschlussredaktor schwitzte bei sich näherndem Drucktermin Blut und Wasser und fluchte über den Halunken, wenn weder Seibt noch sein Text auffindbar waren. Bei Seibt wusste man nur eines. Wenn er lieferte, dann würde es knallen.

Mit einem Hang zum Dozieren

Sein Status ist in der Schweizer Medienszene aussergewöhnlich. Er war zuvor nie Chefredaktor, kein grosser Rechercheur, kein Newsgetter, kein Provokateur und eine Boulevardsau schon gar nicht. Seibt ist Seibt. Die Leser liebten seine manchmal über mehrere Seiten wuchernden Erklärtexte. Auf dem Onlineportal des «Tages-Anzeigers» gehörten sie meist zu den bestgelesenen und am meisten geteilten. Sein Erzähltalent setzte sich nahtlos in den «Republik»-Newsletters fort, mit denen er und sein Team die Abonnenten seit vergangenem April bei Laune hielten.

Schlaksig, weisshäuptig sitzt er in der Zentrale seiner «Republik», dem Hotel Rothaus, an einem der Bistrotischchen und trinkt Cappuccino und eine Cola dazu. Die Jahre haben ein paar Furchen im Gesicht hinterlassen, trotzdem hat der 51-Jährige eine jugendliche Ausstrahlung, vielleicht dank stets gut gefüllter Koffeinspeicher. Er beantwortet jede Frage geradeaus, er strahlt die Entschlossenheit eines Sportlers auf der Zielgeraden aus. Seine Sätze rattern dahin, er spricht vom Bett, das er sich geschaffen hat, von der Freude, endlich liefern zu können, was bisher bloss Versprechungen waren. «Begeisterung lockt Leser an, aber eine gute Ehe gründet auf Vertrauen», sagt er. Ein typischer Seibt-Satz, bevor er mit seinen Lesern in die Flitterwochen fährt.

Die Botschaft der «Republik» lautet: Das Mediensystem ist kaputt.

Wie in seinen Texten gerät er leicht ins Dozieren, wenn er über sein Start-up spricht. Und wie in seinen Texten geht es auch hier ums Ganze, um Helden und Schufte, Himmel, Hölle und Teufel auch. Vom kaputten Mediensystem und neuen Geschäftsmodellen ist die Rede, von einer notwendigen Koalition gegen das Nationalkonservative und Autoritäre. Grossartig müsse es werden, riesige Recherchen werde es geben, clever müsse es sein und mutig. Denn Journalismus sei eine Geschichte des Muts. Und damit spricht er auch von sich selbst.

In einem seiner ersten Texte im schweizerischen Medienarchiv vom 1. Juli 1994 lautet der erste Satz: «Angst begeistert stärker als Siegesgewissheit.» Im Text ging es um ein Spiel der Fussballnationalmannschaft, im ersten Satz um Seibt. Er bleibt kleben wie so viele seiner Sätze.

Gegen die Angst anrennen als kreativer Motor. Vergangenes Jahr rannte Seibt vor allem von Termin zu Termin. Besuchte Podiumsdiskussionen und Kongresse, gab Vorträge und weibelte für seine Idee. Die Marketingbotschaft der «Republik»: Das Mediensystem ist kaputt. Um den Journalismus und damit die Demokratie in der Schweiz zu retten, braucht es ein neues Modell. Von den Bürgern getragen, unabhängig von Werbung und Verlagschefs, die die Kuh noch melken wollen, bevor sie tot umfällt. Ein spezifisches urbanes, linksliberales Medienpublikum folgte dem Erzähler. Es teilt die Angst vor einer nach rechts driftenden Schweizer Medienlandschaft. Seibt hat das erkannt. Und nun ist er die neue Galionsfigur dieses Publikums: schmissig genug, um selbst notorische Miesepeter zu begeistern, skurril und damit harmlos genug, dass sich sogar die traditionell zerstrittenen Linken einigen können. Seibt gibt seinen Fans, was sie wollen: Hoffnung.

Versagen verboten

Am besten durchschaut man eine Person dann, wenn man ihre Ängste verstanden hat. Die Angst vor dem Absturz, die Angst des Hochstaplers, Versagers und Halunken vor der Entlarvung. Sie hat Seibt von Anfang an beschäftigt. In einem «Selbstporträt als Versager» vom 2. September 2000 im Magazin der «Basler Zeitung» heisst es: «Wer spricht von Siegen? In Erinnerung bleiben nur die Niederlagen. Von meinem ersten Kuss bis zu meinem ersten Verrat dauerte es exakt vier Sekunden.» Die Geschichte, die danach folgt, ist zu gut, um hier nicht erzählt zu werden: «Sie hiess Simone Marbach und ging in dieselbe Primarklasse wie ich. Es war an einem Kindergeburtstag. Meine Mutter schickte uns Milch holen, und wir standen im Lift. Ich küsste sie. In dem Moment kam der Lift unten an, die Tür öffnete sich, und der Nachbarsjunge stand davor. ‹Isch das dis Schätzli?›, fragte er. ‹Nein, die doch nicht!›, antwortete ich. Damit war die Liebe am Ende.»

Seibt erzählt im Grunde immer dieselbe Geschichte: seine eigene.

Seibt weiss genau, dass sein künftiges Publikum ihm erst einen flüchtigen Kuss gewährt hat. Aber er will die Ehe. Bei diesem Projekt darf er nicht versagen, er hat alles in die Waagschale geworfen. Und deshalb hält er sich an den Terminplan und liefert auf Termin. Er sei ein freundlicher Mensch mit einem Raubtierinstinkt, sagt er von sich. Wenn er seine Chance hat, dann geht er voll und schaut nicht zurück. So machte er es als Slam-Poet, als Kolumnist und am Schluss als grosser Erklärer.

Seibt erzählt im Grunde immer dieselbe Geschichte, seine eigene. Diejenigen des furchtsamen Kindes mit dem Abenteuerherz, des humorvollen Punks, des talentierten Taugenichts. Beim «Tages-Anzeiger», erzählt Seibt, habe er sich «zur Anekdote abstrahiert». Wer sich für sein Leben interessiert, bekommt Anekdoten geliefert. Eine Karriere bei der Antifa habe sein charakteristisch wippender Gang verhindert, durch den sein Kopf im Tempo seiner Schritte über die Menge hinausschwang, bei Demos zum Beispiel. Er hätte ein zu leichtes Ziel abgegeben. Wenn er über die Pläne für seine «Republik» spricht, tönt es, als wolle er das Rezept, das bei ihm funktioniert hat, nun auf ein ganzes Magazin anwenden. Doch wer ihn verstehen will, muss nach seinem undefinierbaren Akzent fragen. Obschon er seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnt, hat er ihn sich nicht abgewöhnt. «Ich bin wohl kein besonders empathischer Mensch», erklärt er seine linguistische Widerborstigkeit und meint damit: Er wollte sich nie richtig anpassen.

Immer freundlich bleiben

Der Umzug als Zweijähriger vom deutschen Celle nach Bassersdorf war eine Zäsur, die Spuren hinterlassen hat. In der Primarschule wegen seines Akzents gehänselt, fühlte er sich «hässlich, ausgestossen und besonders». Die Mitschüler machten sich lustig über ihn, und er verstand weder, warum sie das taten, noch, ob sie Spass dabei empfanden. Zurück blieb das Misstrauen vor dem, was mit Leuten in Gruppen passieren kann.

Nach seinen Auftritten, gerade erfolgreichen, fürchtete er stets, zu viel geredet zu haben. Wie ein Dummkopf, der an seine eigene Propaganda glaubt. Glücklicher sei er mit sich allein oder im Zwiegespräch, wenn aus dem Nichts neue Ideen entstünden. Freundlich müsse man sein, sagt er, und sein Bestes geben. Das sei wichtiger als Applaus, denn dem Urteil der Menge misstraut er bis heute. Gerade, wenn sie ihm zujubelt.

«Wenn viele euphorisierte Menschen in einem Raum sind, fällt mir immer auf, dass das im Grunde Nazis sind.» Deshalb gelten seine Sympathien im Zweifelsfall den Outlaws und Gescheiterten. Auch das gehört zu seinem Stil, ist sein vielleicht kompromisslosestes Zugeständnis. Es ist der Wesenszug, der ihn so sympathisch macht. Am Ende muss man diesen glorreichen Halunken einfach mögen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2018, 13:40 Uhr

Millionen mit Crowdfunding

Die Macher der «Republik» inszenierten den Start des digitalen Medienportals auf ihrer Website so eigenwillig, wie sie sind: In weisser Schrift auf schwarzem Hintergrund standen einzig das Logo der «Republik» und drei Sätze: «Für wenige Tage zeigt diese Website nichts als unseren Namen – sie wird umgebaut. Es ist die letzte tiefe Stille vor dem Sturm. Am 14. Januar startete die ‹Republik›.» Constantin Seibt und Christoph Moser, die beiden Gründer, gehen mit ihrem Team davon aus, dass alle wissen, was ihre «Republik» ist.

Zwei Jahre haben Seibt und Moser zuerst geplant, vor einem Jahr verliessen sie ihre lukrativen Stellen und starteten mit Vorbereitungsarbeiten. Investoren wie die Brüder Daniel, Marcel und Martin Meili versprachen 3,5 Millionen Franken, wenn es den Initianten gelingen würde, 3000 Abonnenten zu finden. Das Crowdfunding startete am 26. April, für 240 Franken erwarben die Sympathisanten ein erstes Jahresabo, wurden Genossenschafter und erhielten den Status als Verleger. Bereits am ersten Tag wurde die geforderte Summe erreicht, bis am 31. Mai bezahlten knapp 14 000 Abonnenten 3,4 Millionen Franken ein.

Nach der einjährigen Vorbereitung ging die «Republik» am Sonntag – einen Tag früher, als ursprünglich angekündigt – online. Die Macher versprechen auf ihrem Medienportal pro Tag drei Geschichten. Zur einen Hälfte sollen sie Ereignisse erklären und in einen grösseren Zusammenhang stellen. Zu einem weiteren Drittel sollen die Artikel Primeurs sein. Der Rest soll sich mit gesellschaftlichen Aspekten befassen. (zet)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...