Die Bibliothek ist kein Ponyhof – könnte aber einer werden

Die Universität Zürich will zahlreiche Bibliotheken schliessen. Nicht alles an ihnen würde ich vermissen.

Bibliotheken sind ein Mikrokosmos, in dem Leute mit all ihren Gewohnheiten, Bedürfnissen und Trieben aufeinandertreffen. Bild: Keystone

Bibliotheken sind ein Mikrokosmos, in dem Leute mit all ihren Gewohnheiten, Bedürfnissen und Trieben aufeinandertreffen. Bild: Keystone

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60 von 80 Bibliotheken der Universität Zürich sollen schliessen. Dass Studierende und Forschende besorgt sind, kann ich mehr als nachvollziehen. Als ehemalige Studentin fallen mir aber auch Dinge ein, die ich an der einen oder anderen dieser Bibliotheken nicht vermissen würde.

Platzkampf
Es ist kurz vor acht Uhr morgens. Meine eine Hirnhälfte schläft noch. Die andere war gerade wach genug, um mich bis vor den Eingang einer der 80 Bibliotheken zu schleppen. Punkt acht Uhr öffnet die Bibliothek. Getrampel und Gerempel. Ich halte mich an meiner Kaffeethermostasse fest und öffne das erste Mal beide Augen so richtig. Wo hats noch Platz? Mist, schon wieder zu langsam. Ich setzte mich auf den letzten Stuhl vor dem Klo. Eingeklemmt zwischen die Berge von Büchern, Skripten, Energieriegeln, homöopathischen Lernkügeli und Mobiltelefonen mit Plüschanhänger. Da war jemand schneller als ich. Und geht jetzt erst mal mit den Kommilitoninnen Kafi trinken.

Biorhythmus und Verpflegung
Meine Laune hat den ersten Tagestiefpunkt erreicht. Ich muss nämlich wirklich lernen. Am besten Tag und Nacht. Aber da kommt bereits das nächste Problem. Die Bibliotheken sind in der Nacht geschlossen. Gerade wenn man wieder aus dem Verdauungsloch vom Zmittag mit Schnitzel-Pommes-frites erwacht, heisst es: Wir schliessen in 10 Minuten. Ist ja schon fünf, sechs oder acht Uhr. Gerade jetzt wärs mir doch so gut gelaufen! Mürrisch stopfe ich meine Zusammenfassungen in den Rucksack und trotte ab. Für den Abend bleibt mir wohl wieder die Bar um die Ecke, mit der Gefahr, dass ich als vorgezogene Belohnung eine Stange bestelle. Was mich gerade zum nächsten Punkt bringt: Die Bibliotheken diktieren mir nicht nur oft den Biorhythmus, sondern auch meine Ess- und Trinkgewohnheiten. Je nachdem, worauf man den Tagesschwerpunkt legen möchte – Verpflegung oder Lernen –, muss man sich einen anderen Ort suchen. Hier nur klare verschlossene Getränke, dort weder Essen noch Trinken, und an nochmals anderen Orten ist alles erlaubt – trübe, klare, heisse, kalte, bunte Getränke, Brötli, Snickers, Glace, Salat, Globuli, alles.

Sex und Liebe
Sex ist zwar nirgends erlaubt, passiert aber trotzdem ab und zu zwischen den hohen schmalen Regalen. Ausprobiert hab ich das persönlich nie. Aber aus zuverlässiger Quelle habe ich prickelnde Erfahrungsberichte erhalten. Dass Bibliotheken – Sex vor Ort hin oder her – Partnervermittlungsagenturen gleichen, das ist nichts Neues. Will man selbst niemanden kennen lernen und muss zwischen lauter solcher, die sich kennen lernen wollen, lernen, ist das alles andere als ein Spass. Die Blicke, die Zettelchen, die hin- und hergeschoben werden, die unverbindlichen Tuscheleien, um die nächste Kafipause abzumachen, die noch aufreizenderen Blicke, das Lächeln und Kichern. Raus mit euch! Da hat es mir grad ein bisschen Genugtuung verschafft, als ich morgens um neun den blanken Hintern, nur geteilt durch ein feines Stück Unterwäsche, vor mir habe aufblitzen sehen, und derjenige neben mir, der diese Frau tatsächlich sehr mochte, genau diesen Moment verpasst hatte, weil er genau dann brav in sein Buch schaute – nachdem ich vorher tagelang der beiden Feuerwerk der sehnsüchtigen Blicke habe über mich ergehen lassen müssen. Item.

Einige nutzen die stillen Bücherschluchten, um sich miteinander zu vergnügen, andere verstecken dort unter den Regalen Bücher vor der Konkurrenz.

Niedere Triebe
In universitären Bibliotheken werden auch noch weitere sündige Triebe des Menschen befriedigt, zum Beispiel der Konkurrenztrieb. Da werden Seiten aus Büchern herausgerissen oder ganze Bücher versteckt. Und das nur, weil man sich einen Lernvorteil verschaffen will, weil es noch 200 andere gibt, die dasselbe Buch brauchen, von dem es genau 1 Exemplar gibt, weil man das Buch nicht ausleihen, sondern nur in der Bibliothek benutzen kann, wo die anderen 200 ja auch hingehen. Jagen, sammeln, bestehen.

Aber auch ohne Taktiken, die die Konkurrenz behindern, kann Lernen einen hohen Preis haben: stundenlanges Ausharren auf unbequemen, harten Stühlen, Lesen bei zu wenig Licht, steife Finger vor lauter Kälte – macht sich schlecht auf Laptoptasten –, stickige Luft, Geräuschkulisse aus Stöckelschuhen, laufenden Nasen und Räusperticks.

Meine Traumbibliothek
Dann kommen unanständige Träume auf über eine neue, helle, schöne, gut belüftete, mit plüschig gepolsterten ergonomisch geformten Stühlen und genügend Privatsphäre ausgestattete, nach Frische duftende Bibliothek, in der alle alles essen und trinken dürfen und in der man alle Bücher immer und sofort ausleihen kann, zusammen mit 200 Kommilitonen und Kommilitoninnen, die das gleichzeitig auch tun wollen und auch können, weil es für alle genug hat. Und mein Traum geht noch weiter. In ihm taucht eine Bibliothek auf, die auch an Feiertagen geöffnet hat. Sonst heisst es plötzlich: «Wir schliessen!» – «Wieso, es ist erst vier?» – «Ja, aber Sächsilüüte.» Die Prüfungen kennen keine Umzüge, keine Chilbi und keine heiligen drei Könige! Prüfungen und Abgabefristen sind konfessionslos, politisch unabhängig, kennen weder Feiertage noch Gnade. Also um aller und keiner Götter Willen: Die Bibliothek muss immer geöffnet sein. Auch an Wochenenden. Sonst muss ich wieder in die Bar, und dann komm ich dort gar nicht mehr weg, weil ich am Wochenende am Abend ja auch dort bin. Das ist nicht gesund.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2018, 17:38 Uhr

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