Die Cellulite der Mutigen

Güzin Kar über einen Pranger mit karitativer Note.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Neulich fand ich auf der Onlinesite einer Frauenzeitschrift eine Mutmach­galerie. Ja, ja, ich konsumiere Frauenliteratur, und zwar immer dann, wenn ich in meinen eigenen Texten nicht weiterkomme, aber ich lese dann auch die Wetterprognosen von St. Petersburg, weil ich diese vor einigen Jahren, als ich dahin reiste, als Lesezeichen abgespeichert habe, google Giftpilze, Trockenmauern und den Dreissigjährigen Krieg, und ich pflüge mich durch geniale Tipps, wie man sein Bett in drei Sekunden neu beziehen oder eine Bratpfanne in ein Bügeleisen verwandeln kann (Sie sind in den Ferien und haben kein Bügeleisen dabei? Kein Problem, denn eine Bratpfanne trägt jeder im Reisegepäck).

Jedenfalls war da eine «Mutmachgalerie» mit Fotos von weiblichen Stars. Da ich unter chronischem Mutmangel leide und mich knapp traue, im Restaurant den zugewiesenen Tisch zu wechseln, war ich sofort dabei. Google sagt, Mut sei zum Beispiel das Wagnis «einer aktivierenden Herausforderung wie dem Sprung von einem Fünfmeterturm ins Wasser». So etwas würde ich mich nie trauen. Also schaute ich nach, was sich Beyoncé, Kim Kardashian, Kate Moss etc. trauten: Sie haben Cellulite. Es war eine Galerie mit Bildern berühmter Celluliteschenkel, die gar nicht deren Besitzerinnen Mut machen sollte, sondern uns, den Leserinnen. Im Grunde war es ein Pranger mit karitativer Note. Ich erinnerte mich an einen der letzten grossen Celluliteskandale. Damals fand ein unbearbeitetes Foto von Cindy Crawford den Weg in die Onlinewelt. Als Frau von über 50 kann sie sich Cellulite leisten, so wie sich andere Stirnglatzen, Pastabäuchlein oder diverse Blutdrücke leisten, könnte man meinen. Aber Cindy Crawford ist keine Frau, sie ist ein Model. Ein Topmodel, wie deutschsprachige Zeitungen präzisieren, aber die nennen inzwischen jedes Gesicht, das zum dritten Mal auf einer Party fotografiert wird, Topmodel, egal ob Mensch oder Hund. Frau Crawford ist aber wirklich berühmt und posiert für Produkte, die wir kaufen sollen, weil wir glauben, wir könnten dadurch das Leben führen, das sie führt. Aber angesichts ihrer Dellen verstanden wir auf einmal, dass wir uns all die Frustkäufe sparen können, da Cindy Crawford bereits das Leben führt, das wir führen. Selbstredend tat auch Rande Gerber, ihr Ehemann, das, was unsere Ehemänner in derselben Situation getan hätten: Er liess die Wäscheberge stehen, lernte über Nacht Photoshop, glättete seine Frau und stellte die falten- und orangenhautfreie Cindy ins Internet, wo sie wieder aussah wie immer.

Seither ist einiges passiert, und im Zuge der Body-Positivity-Welle wird man den Eindruck nicht los, dass einige Stars ihre Cellulitebilder sogar absichtlich in Umlauf bringen. Warum? Weil es sich bei weiblichen Fans gut macht, wenn der Star scheinbar dieselben Probleme hat wie die Basis. Inzwischen werden Bilder mit Cellulite eher gefeiert denn geächtet. Frauen brechen in Begeisterungsstürme aus und kommentieren mit «toll», «mutig» und «viel schöner als die retuschierten Bilder». Also doch noch eine Mutgalerie für die Betroffenen?

Dieser neue Ehrlichkeitsfetisch ist keinen Deut besser als all die Photoshop-Lügen. Solange Dellen und Makel als Mutprobe für die einen oder die anderen gelten, so lange sind Frauenkörper immer noch eine Freakshow. Hören wir einfach auf, Cellulite zu fotografieren und zu kommentieren. Wenn sie zufällig erkennbar ist, okay. Wenn nicht, auch kein Problem. Und hören wir auch auf, während Schreibstaus auf doofe Internetsites zu klicken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 15:31 Uhr

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