Die Drei ??? und das Geheimnis der Serienbibel

Als junger Mann reiste unser Autor auf den Spuren der drei Fragezeichen nach «Rocky Beach». Und geriet prompt in einen Krimi.

Gibt es bereits seit bald 40 Jahren: Die deutschsprachigen Hörspiele über <nobr>«Die drei ???»</nobr> erscheinen seit 1979. Foto: Wolfram Kastl

Gibt es bereits seit bald 40 Jahren: Die deutschsprachigen Hörspiele über «Die drei ???» erscheinen seit 1979. Foto: Wolfram Kastl

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Vor dreizehn Jahren, auf einer Fahrt entlang der kalifornischen Küste, wurde ich vom Fan der drei Fragezeichen zum Akteur in einem spezialgelagerten Sonderfall, wie die drei legendären Kinderdetektive aus Rocky Beach wohl sagen würden.

Es war der 18. September 2006, ich steuerte einen untermotorisierten Riesenleihwagen der Marke Chevrolet über die Küstenstrasse in Richtung Santa Barbara, links von mir der Pazifik, rechts die Santa Monica Mountains. Ich fuhr also durch die Gegend, in der die drei Fragezeichen zu Hause sind. Über die Lautsprecher schallten die Stimmen von Justus, Peter und Bob – oder besser gesagt: die Stimmen der sie verkörpernden Hörspielsprecher, die einen Grossteil der Kultserie ausmachen. Zwischendrin die Musik, diese Melodie, die sich anhört wie gepfiffen, die sagt: Das Leben ist super, die Sonne scheint, und das nächste Abenteuer wartet. Gänsehaut. Das ultimative Flashback in meine Kindheit.

Die Jungs hatten immer Sommerferien, ihnen wurde nie etwas verboten, sie waren schlauer als alle Erwachsenen.

Etwa zwischen meinem neunten und dreizehnten Lebensjahr, genau in der Mitte der 1980er-Jahre, waren die drei Detektive meine Helden. Die Jungs hatten immer Sommerferien, ihnen wurde nie etwas verboten, sie waren schlauer als alle Erwachsenen. Sie erkundeten Canyons, Höhlen und einsame Inseln, sie tauchten nach Wracks und Schätzen, sie gingen in den Filmstudios von Hollywood ein und aus. Kurz: Sie lebten den amerikanischen Traum eines Zwölfjährigen – einen, den nicht nur ich träumte und der bis heute weitergeträumt wird.

Kommende Woche erscheint das zweihundertste Drei-Fragezeichen-Hörspiel. Über 50 Millionen deutschsprachige Tonträger sind bisher verkauft worden – es ist die erfolgreichste Hörspielserie der Welt. Die Bücher haben bereits Folge 204 erreicht und 17 Millionen Auflage. Und das, obwohl «The Three Investigators», wie sie im Original heissen, in den USA nie als Hörspielserie umgesetzt und 1990 nach 58 Bänden eingestellt wurden. Seitdem sind die drei Detektive ein rein deutschsprachiges Phänomen. In der Schweiz, Deutschland und Österreich erscheinen jedes Jahr sechs neue Bände, verlegt vom Kosmos-Verlag (Stuttgart), die das Audiolabel Europa, das zu Sony gehört, jeweils ein Jahr später als Hörspiel veröffentlicht.

Seit 2006 ermitteln auch die Mädchen. Den Büchern «Drei Ausrufezeichen» (80 Fälle, 4 Millionen Auflage) ist das Vorbild der drei Fragezeichen deutlich anzumerken. Mittlerweile wurde auch ein Film gedreht, der demnächst in den Kinos anläuft. Die Autorinnen und Autoren beider Reihen sind heute allesamt deutsche Muttersprachler. Auch das ist einer der Gründe, warum ich in den spezialgelagerten Sonderfall geriet.

Justus, Bob und Peter haben ihr Hauptquartier in der Serie auf einem Schrottplatz. Symbolbild: Reuters

Aber zunächst zurück zu jenem Tag in Santa Barbara vor dreizehn Jahren. Ich war nicht zufällig in der Region unterwegs, sondern auf Recherche. Mein Ziel war, das Vorbild für «Rocky Beach» zu finden, die fiktive Kleinstadt, in der die drei Detektive ihre Zentrale betrieben, versteckt auf einem Schrottplatz, mit fünf geheimen Eingängen.

Der amerikanische Schriftsteller Robert Arthur, der Erfinder der drei Fragezeichen, hat sich die Kleinstadt in den 1960er-Jahren ausgedacht. Rocky Beach soll etwa 25 Kilometer entfernt von Downtown Los Angeles sein. Aber L.A. hat sich seitdem so weit ausgebreitet, dass alle Städte in dieser Entfernung heute faktisch mit der grössten kalifornischen Stadt verwachsen sind. Die Recherche war also recht schwierig. Trotzdem war es ein toller Trip. Denn ja, ich fühlte mich wie ein Detektiv.

Ich recherchierte in der Stadtbücherei von Santa Monica, ich befragte einen Trödelhändler in Topanga Beach, ich schlich durch verlassene Häuser am Pazifik. Ich führte das fort, was ich mit zehn begonnen hatte. Als Kind gründete ich mit meinem jüngeren Bruder und unserem Freund Kai selbst eine Detektei. Leider wohnten wir in einem Dorf mit fünfhundert Einwohnern, und mysteriöse Kriminalfälle wollten einfach nicht auftauchen. Einmal vermuteten wir, dass das einzige Industrieunternehmen im Ort fiese Abwässer in den Fluss leitet. Dann verdächtigten wir eine Autowerkstatt, Altöl im Boden versickern zu lassen. Keine Ahnung, wie wir daraufkamen, jedenfalls beauftragte uns niemand, wir recherchierten nicht.

Das Einzige, was wir taten – wir stellten uns Detektivausweise aus, meinen habe ich noch heute. Darauf steht mit Füller geschrieben: Codename Kirederf (mein Vorname rückwärts), eine 34-stellige Geheimnummer (sehr sicher, weil ich sie mir selbst nicht merken konnte) sowie ein Geheimzeichen, dessen Sinn sich mir heute nicht mehr erschliesst. Wir waren nicht allein mit unserer Begeisterung für die drei Fragezeichen. Auch im Freundeskreis meines älteren Bruders gab es drei Detektive. Anders als wir wollten sie die Serie originalgetreu nachspielen. Aber schon bei der Verteilung der Rollen gab es Probleme. Zur Auswahl standen: Justus, der pummelige erste Detektiv, der immer auf seiner Unterlippe herumkaut und unheimlich schlau ist; Peter, zweiter Detektiv, nicht besonders helle, aber sportlich; und Bob, ein Typ, der seine Freizeit in Bibliotheken verbringt. Alle wollten Justus sein.

«Ich finde es immer wieder toll, wie begeistert ihr Deutschen von den drei Detektiven seid!»Gayle Lynds, Autorin

Als ich dann mit 31 in Kalifornien war, fühlte es sich so an, als würde ich den Kindheitstraum endlich leben – ein bisschen spät zwar, aber immerhin. Ich war verabredet mit Gayle Lynds, einer der letzten lebenden Autorinnen der Originalserie. Ihr Mann war ebenfalls Autor der Krimireihe gewesen und hatte den Erfinder Robert Arthur persönlich gekannt. Wenn es also jemanden geben sollte, der mir helfen könnte, dann war sie es.

Ich rollte mit dem Auto durch ein Wohngebiet von Santa Barbara mit üppigen Vorgärten. Vor dem Haus von Gayle Lynds standen ein grüner Jaguar und ein hellblauer Volvo aus den Sechzigern. Ihre Assistentin Tara Stockton öffnete die Tür, in der Diele hingen dicht gedrängt Bilder, abstrakte Kunst, Aquarelle, ein Stillleben. Dann stand die Schriftstellerin vor mir. Schulterlanges blondes Haar, über schwarzen Leggins trug sie ein langes weisses Hemd. Bei den drei Fragezeichen gibts in fast jeder Geschichte eine Szene, in der die jungen Detektive von einem Erwachsenen nicht ernst genommen werden. Genauso fühlte ich mich gegenüber Gayle Lynds, die vier Folgen geschrieben hatte und danach als Thriller-Autorin viel erfolgreicher war.

«Guten Tag, Mrs. Lynds», hörte ich mich kleinlaut sagen, «ich bin auf der Suche nach Rocky Beach. Können Sie mir weiterhelfen?» – «Rocky Beach?» Sie schüttelte den Kopf. «Aber ich finde es immer wieder toll», fügte sie lachend an, «wie begeistert ihr Deutschen von den drei Detektiven seid!» Sie bat mich auf die Veranda.

«Ich müsste noch die Bibel haben», sagte sie beiläufig. «Die Bibel – was ist das?» Eine Frage, so ahnungslos, wie sie nur der zweite Detektiv Peter Shaw hätte stellen können. Das sei die Anleitung, die der Verlag ihr gegeben habe, als sie in den Achtzigerjahren für die Serie zu schreiben begann. Darin stehe ganz bestimmt Genaueres über Rocky Beach. Lynds durchsuchte Aktenordner um Aktenordner. Plötzlich hielt sie inne. «Moment, ich erinnere mich: Ich habe die Bibel einem Ehepaar gegeben, das einen Fanklub hat.» Sie habe keine Zeit gehabt zu kopieren, da habe sie ihnen das Original gegeben.

Die Stadt Santa Monica in Kalifornien diente der Hörspielreihe als Vorbild für die fiktive Stadt «Rocky Beach». Foto Getty

Der Name des Ehepaars fiel ihr nicht mehr ein. Die Sache schien hoffnungslos. Doch als sie mir ein Exemplar ihres letzten Thrillers holte, brachte sie ein paar geklammerte Zettel mit. «Schau mal, ich habe die Bibel doch noch gefunden!» Sie übergab mir die Zettel. Ich bedankte mich, ging zum Auto und begann zu blättern. Schon auf Seite zwei, Mitte, fand ich, wonach ich suchte: «Santa Monica liegt östlich [von Rocky Beach] und ist anscheinend der Prototyp für die Kleinstadt.» Mit der Bibel im Gepäck reiste ich weiter durch Kalifornien und später wieder nach Hause.

Es dauerte viele Jahre, bis ich begriff, wie wertvoll diese maschinengeschriebenen Seiten in der Welt der drei Fragezeichen sind.

2017 erreichte mich eine E-Mail eines gewissen C.R. Rodenwald. Er schrieb ein Buch über die drei Fragezeichen und hatte Kontakt zu den Autoren der US-Serie aufgenommen. «Ich würde natürlich gerne einen Blick in die ominöse Serienbibel werfen. Gayle Lynds schrieb mir, dass sie Ihnen ihr Exemplar geschenkt habe. Sie sind somit meine heisseste Spur...»

Es stellte sich heraus, dass ich die weltweit einzige Serienbibel besass. «Sogar der amerikanische Drei-Fragezeichen-Freak Seth Smolinske, der von Random House fast das ganze Archiv geschenkt bekam, hat keine», schrieb Rodenwald. Ich begann zu suchen, durchwühlte Schreibtisch, Regale, Ablagen – nichts. Dann war ich mir sicher, dass ich das Schriftstück eingescannt und an einen der Möchtegern-Detektive aus der Clique meines älteren Bruders geschickt hatte. Doch weder er noch ich konnten etwas finden.

Anscheinend rätseln die Fans seit Jahren, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt.

C.R. Rodenwald fragte, während er sein Buch schrieb, noch viermal nach. Ich konnte seine Hartnäckigkeit verstehen. War es nicht viel wahrscheinlicher, dass ich die Bibel hatte und einfach nicht weitergeben wollte? Ich stellte mir vor, dass C.R. Rodenwald mir auflauern oder bei mir einbrechen würde. Ich beruhigte mich damit, dass ich als Kind einfach zu viele Drei-Fragezeichen-Krimis gelesen hatte, wo so etwas garantiert passiert wäre. Aber Rodenwald blieb höflich und bat mich, ihm mitzuteilen, falls die Bibel doch noch auftauchen sollte.

Sein Buch «Die Welt der drei Fragezeichen» erschien Ende 2017, kurze Zeit später meldete er sich wieder bei mir. «Sie sind Ben Nevis, stimmts?», schrieb er. «Wenn man sich mit der Materie ein bisschen beschäftigt, ist es geradezu offensichtlich.»

Ich musste erst mal googeln, wer Ben Nevis ist – nicht nur der höchste schottische Berg und ein Whiskey, sondern auch ein deutscher Autor der Drei-Fragezeichen-Serie, der unter Pseudonym schreibt. Anscheinend rätseln die Fans seit Jahren, wer sich dahinter verbirgt. C.R. Rodenwald – übrigens auch ein Pseudonym, wie er zugab – glaubte, nun die Lösung gefunden zu haben, und legte mir seine Indizien dar:

«Sie, Herr Jötten, waren damals bei Gayle Lynds zu Gast. Und Ben Nevis war auch einmal bei ihr in Santa Barbara. Das Treffen war vermutlich ein und dasselbe. Es würde auch erklären, warum Gayle Lynds ein so kostbares Stück wie die Serienbibel einfach verschenkt hat. Und natürlich habe ich Sie mit meinen An- und Nachfragen dazu mit Sicherheit ordentlich gequält.»

C.R. Rodenwald ist Historiker in Berlin. Der Name ist ein Pseudonym. Bild: zvg

Danach listete er weitere Erkenntnisse auf. Der Verlag habe verraten, dass Ben Nevis ein Journalist aus dem Rhein-Main-Gebiet sei – wie ich. Sein erster Fall sei «Die drei??? und der Pistenteufel» gewesen. Dass ich mich sehr fürs Skifahren interessiere, sehe er daran, wie oft ich darüber schreibe. Das Interview, das ich mal mit Lemmy von Motörhead geführt hatte, sei offensichtlich die Inspiration für den Band «Die drei??? und der letzte Song».

Ich war weniger gequält als amüsiert: Jemand investierte viel Zeit, um den vermeintlichen Ben Nevis zu jagen – und ich war ins Zentrum der Ermittlungen gerückt.

Etwa ein Jahr später die unerwartete Wende. Ich brauchte Platz und musste radikal ausmisten. Zwischen Schul- und Hochschulzeugnissen fand ich eine Klarsichtfolie – mit der Serienbibel! Zum ersten Mal seit zwölf Jahren las ich darin – und war erstaunt über den ironischen Tonfall, mit dem die Serie eingeführt wird. «Die Plots sind von vornherein ausgesprochen albern», heisst es da. Und zu den Protagonisten: «Ihr Alter ist dreizehn, aber sie haben die Freiheit von Sechzehnjährigen und die Interessen von Elfjährigen. Sie rauchen und trinken nicht und haben kein Interesse an Mädchen.

Sie wären hoffnungslose Spiesser, wenn sie nicht Action und Aufregung liebten [...]» Über Justus heisst es, er sei «a pain in the neck».

Ich war gespannt, was für ein Mensch sich als Erwachsener einer Kinderdetektiv-Serie verschrieben hatte.

Es war Zeit, C.R. Rodenwald ins Bild zu setzen. Ich schrieb ihm, dass ich eine Überraschung für ihn habe. Er antwortete sofort, er habe drei kleine Kinder und könne schlecht weg. Aber an seinem Wohnort Berlin, da könnten wir uns treffen.

Ich war gespannt, was für ein Mensch sich als Erwachsener einer Kinderdetektiv-Serie und der Suche nach Ben Nevis verschrieben hatte. Am Bahnsteig in Berlin-Spandau erwartete mich ein grosser, hagerer Mann Anfang vierzig. Er wirkte sehr ernst, kein Lächeln in seinem gestutzten Vollbart. Er schlug vor, in den «Bierbrunnen» zu gehen, eine echte Berliner Kneipe, Bänke mit Kunstlederbezug, Mittagsmenü ab 5,50 Euro, der halbe Liter Bier für 3,10 Euro. Er bestellte einen.

«Ihr Buch ‹Das weisse Grab› fand ich richtig stark», sagte Rodenwald. Jetzt lächelte er herausfordernd.

«Sie glauben wirklich immer noch, dass ich Ben Nevis bin?»

Die Umschläge der Grafikerin Aiga Rasch sind ikonisch.

«Sie sind jetzt natürlich in einer komfortablen Lage – Sie müssen Ihr Pseudonym wahren und können deshalb guten Gewissens leugnen.» Ich musste lachen, ein Lachen der Ohnmacht. So gesehen war es unmöglich, ihm jemals klarzumachen, dass ich nicht Ben Nevis bin.

Aber was hatte es eigentlich mit seinem Pseudonym auf sich??? Dieses hatte nichts mit den drei Fragezeichen zu tun, sondern mit einer DDR-Jugendgrusel-Fernsehserie. Rodenwald arbeitet hinter den Kulissen des Berliner Politikbetriebs. Er fürchtet, dass man ihn als Fan von Jugendbüchern in diesen Kreisen nicht mehr ernst nehmen würde. Bei Drei-Fragezeichen-Fans wiederum könnte ihn sein todernster Beruf als allzu seriösen Erwachsenen diskreditieren.

Wobei – die Hälfte der Hörspiel-Hörer sind heute laut dem Label ohnehin Erwachsene, andere Quellen gehen von einem noch höheren Anteil aus. «Anfangs ging es darum, dass Kinder Erwachsenen-Kriminalfälle lösten», sagt Rodenwald. «Mittlerweile lösen Erwachsene Kinderfälle.» Vielleicht ist es das wichtigste Erfolgsrezept der drei Fragezeichen: Dank der gut gemachten Serie können Erwachsene in die heile Welt ihrer Kindheit reisen.

Wenn ich die Titelmelodie höre, dann fühle ich mich wie zehn.

«Von Anfang an wurde in Qualität investiert», sagt Rodenwald. «Ausserdem haben die Verantwortlichen viele mutige Entscheidungen gefällt.» Das fängt mit dem Cover an. Die Umschläge der Grafikerin Aiga Rasch sind ikonisch – ein schwarzer Einband, mit den drei??? in Weiss, Rot und Blau, darunter jeweils eine reduzierte Illustration, die Raum lässt für eigene Assoziationen. «Der Verlag war zunächst entsetzt, weil er die Aufmachung nicht kindgerecht fand», erzählt Rodenwald. «Aber dann hat man sich doch getraut, es mit dem Artwork zu versuchen – und die Kinder liebten es.»

Die Hörspielproduktion war von Anfang an aufwendig. «Das Label engagierte bekannte Schauspieler und Sprecher und besetzte die Stimmen der Jungen perfekt.» Mit der Komposition und Aufnahme der Originalmusik der Hörspielserie wurde der experimentierfreudige Jazz- und Krautrock-Musiker Carsten Bohn betraut, der abgefahrene Synthesizersounds und komplizierte Schlagzeugrhythmen verwendete. Seine Tracks, die wegen eines Rechtsstreits heute leider nicht mehr verwendet werden, sind zeitlos schön und lösen ein tiefes Gefühl der Geborgenheit aus. Wenn ich die Titelmelodie höre, dann fühle ich mich wie zehn, liege mit meinen Brüdern vor dem Grundig-Kassettenrekorder, trinke Apfelschorle und lausche den Hörspielen.

Die drei Fragezeichen sind längst zu einer deutschsprachigen Serie geworden.

Schon in der Serienbibel heisst es: «Die Detektive leben in einer Zeitschleife. Ihre Welt ist zum grössten Teil eine der Fünfziger – in einer sicheren, zum grössten Teil weissen, Mittelschichtstadt.» Von Beginn an waren die drei Fragezeichen also eine Retroserie, heute noch viel mehr. Auch wenn technische Neuerungen wie E-Mail, Handy und GPS längst einbezogen werden, hat das Leben von Justus, Peter und Bob nichts mit dem Alltag heutiger Kinder im Ballungsraum L.A. zu tun, wo es unvorstellbar ist, dass Kinder bei Tag und Nacht allein um die Häuser ziehen.

Auch in Details sind «Die drei???» längst zu einer deutschsprachigen Serie geworden. Rodenwald zeigt die E-Mail eines 45-Jährigen – eine von Hunderten Zuschriften zu seinem Buch, das mittlerweile in die fünfte Auflage gegangen ist. Der Mann wuchs als Sohn eines US-Soldaten in Deutschland auf. «Es gibt dermassen viele sachliche Fehler, die einem USA-Kenner wie mir direkt auffallen.» Fenster zum Aufklappen statt Aufschieben, falsche Nummernschilder oder Tante Mathilda, die beim Metzger mit einem 50-Dollar-Schein zahlt, wo es doch in den USA fast keine Metzgereien gebe und kaum mehr jemand bar zahlt.

«Nichts ist so positiv besetzt wie die drei Fragezeichen, nicht mal Fussball.»C.R. Rodenwald, Historiker

Der Abend im «Bierbrunnen» neigt sich dem Ende zu. Ich greife in meine Tasche: «Ich habe die Serienbibel wiedergefunden und Ihnen eine Kopie mitgebracht!» Rodenwald, ein studierter Historiker, greift mit offenem Mund nach den Blättern, datiert auf den 31. 8. 1987, und beginnt sofort zu lesen. «Das ist Wahnsinn, weite Teile der Drei-Fragezeichen-Geschichte müssen neu geschrieben werden», sagt er und kündigt ein ausführliches Quellenstudium an. Am nächsten Tag wird er mir schreiben: «Ich muss mein Buch punktuell korrigieren. Denn in der Serienbibel steht schwarz auf weiss, dass Santa Monica das Vorbild von Rocky Beach ist – und eben nicht Santa Barbara!»

Beim Abschied sagt Rodenwald: «Nichts ist so positiv besetzt wie die drei Fragezeichen, nicht mal Fussball.» Fussball könne den Fan extrem enttäuschen, bei den drei Fragezeichen dagegen gehe immer alles gut aus. «Als Anhänger von Mainz 05 kennen Sie Enttäuschungen ja auch.»

Ich protestiere: «Mein Verein ist der 1. FC Kaiserslautern!»

Dabei war das nur ein Trick des cleveren Ermittlers. «Verdammt, Sie sind wirklich nicht Ben Nevis.»

Rodenwald wirkt enttäuscht. Ich bin es auch. Die Zeit, in der ich als vermeintlicher Autor der drei Fragezeichen ein Teil der Welt von Justus, Peter und Bob war, sie war fast so schön wie damals, als ich noch selbst Detektiv werden wollte.

(Das Magazin)

Erstellt: 20.07.2019, 10:25 Uhr

C. R. Rodenwald: «Die Welt der drei Fragezeichen – Hintergründe, Fakten und Kuriositäten aus 50 Jahren». Riva, München 2017. 256 Seiten, ca. 20 Fr.

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