Die Grenzen der Toleranz

Die offene Gesellschaft, die die westliche Welt prägt, ist uns wichtig. Durch Terror und Extremismus wird sie bedroht. Aber Verbote und Kleidervorschriften sind der falsche Weg, sie zu schützen.

Palästinenser baden am Strand von Tel Aviv. Foto: Uriel Sinai (Getty Images)

Palästinenser baden am Strand von Tel Aviv. Foto: Uriel Sinai (Getty Images)

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Ende des 20. Jahrhunderts erschien vielen Westeuropäern Toleranz als eine in jeglicher Hinsicht begrüssenswerte Tugend. Dies änderte sich jedoch nachhaltig mit den Terroranschlägen am 11. September 2001. Immer häufiger stand nun die bange Frage im Raum, ob eine freie, tolerante Gesellschaft genug Widerstandskraft aufbringen könne, um sich gewaltbereiten Islamisten entgegenzustellen. War es denn nicht so, dass die offene Gesellschaft hier eine «offene Flanke» bot, dass sie ihren Feinden viel zu viele Freiheiten einräumte, um die Freiheit zu untergraben?

Neu war diese Frage nicht. Karl Popper hatte sie bereits 1945 vor dem Hintergrund der Erfahrung des Faschismus aufgeworfen. In seinem berühmten Buch «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde» ­beschrieb er das «Paradoxon der Toleranz», das er darin sah, dass «uneingeschränkte Toleranz mit Notwendigkeit . . . zum Verschwinden der Toleranz» führt. Und so rief Popper dazu auf, «im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch ‹zu› nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden».

Ganz in diesem Sinne wurde in den Jahren nach 2001 der Ruf nach den Grenzen der Toleranz immer lauter, was durch die regelmässig aufkommenden Debatten um islamistische Bombenattentate und Menschenrechtsverletzungen, um antidemokratisch strukturierte Parallelgesellschaften, Ehrenmorde und Zwangsheiraten ungemein verstärkt wurde. Der allgemeine Aufruf zu mehr Toleranz, der wenige Jahre zuvor noch als Ausdruck einer progressiven Gesinnung verstanden wurde, wurde nun zunehmend als Ausdruck von Opportunismus, Kulturrelativismus, Feigheit und Ignoranz kritisiert.

Dabei zählten viele Toleranzkritiker nicht zu den «üblichen Verdächtigen», denen man prinzipiell intolerantes und rückwärtsgewandtes Denken unterstellen könnte. Vielen von ihnen ging es weder um die «Rettung des christlichen Abendlands» noch um eine (wie auch immer geartete) «Leit­kultur», sondern um die Wahrung der Prinzipien der offenen Gesellschaft, die, wie schon Popper ­gezeigt hatte, Toleranz dauerhaft nur unter der Voraussetzung ermöglichen kann, dass bestimmte Formen der Intoleranz nicht toleriert werden.

Grenzen der Belastbarkeit

Wo aber liegt die Grenze zwischen dem, was in einer offenen Gesellschaft toleriert werden muss, und dem, was nicht mehr toleriert werden darf? Zur Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, die komplexen philosophischen, religiösen und politischen Definitionen von Toleranz für einen Moment auszublenden und sich stattdessen dem nüchternen, technologischen Sprachgebrauch zuzuwenden: Ingenieure definieren Toleranz einfach und präzise als «zulässige Abweichung vom Norm-Mass». In einem technischen System bezeichnet ­Toleranz den Freiheitsspielraum, innerhalb dessen eine Abweichung von der Norm unproblematisch ist, da sie das System nicht über Gebühr belastet.

Die Verteidigung  der Freiheit führt zu ihrer Einschränkung.

Was ist darunter zu verstehen? Nun, nehmen wir an, der Normwert eines Bauteils innerhalb eines technischen Systems beträgt 10,5 Zentimeter, wobei über dem oberen Grenzwert von 10,6 Zenti­metern ebenso Probleme entstehen wie unter dem unteren Grenzwert von 10,4 Zentimetern. Der Toleranzraum für die Bauteile beträgt also insgesamt 0,2 Zentimeter, ein Millimeter nach oben, ein Millimeter nach unten. Um herauszufinden, ob ein bestimmtes Bauteil tolerabel ist, muss also bestimmt werden, wo die Grenzen der Belastbarkeit eines Systems liegen. Irrt man sich in dieser Einschätzung, kann es passieren, dass einem das gesamte System, im schlimmsten Fall vielleicht ein Atomkraftwerk, um die Ohren fliegt.

Im Grunde lässt sich dieser technologische Sprachgebrauch leicht auf die politisch-welt­anschauliche Debatte übertragen, denn auch hier gilt, dass Toleranz nur über die Grenzen der Belastbarkeit eines Systems definiert werden kann. Wenn wir also bewerten wollen, ob etwas tolerabel ist oder nicht, müssen wir die Grenzwerte bestimmen, die nicht überschritten werden dürfen, ohne die Funktionalität des Gesamtsystems zu gefährden.

Wo diese Grenzwerte liegen, ist natürlich abhängig von dem System, dessen Funktionalität geschützt werden soll – was wiederum erklärt, warum die Grenzen der Toleranz im Verlauf der Geschichte so unterschiedlich gezogen wurden. Muss man daraus nun folgern, dass Toleranz und Intoleranz nur in Relation zu spezifischen Systemen betrachtet werden können und dass man unabhängig davon gar nicht sagen kann, welche Gesellschaftsform toleranter beziehungsweise intoleranter ist? Könnte man beispielsweise behaupten, dass Saudiarabien an sich gar nicht intoleranter sei als die Schweiz, sondern bloss eine andere Form von Toleranz aufweise, ja, dass sich die jeweiligen Ausprägungen von Toleranz und Intoleranz gegenseitig aufheben würden, da Liberale militante Wahhabiten ebenso wenig dulden könnten wie diese Liberale?

Nun, ein solcher strikt relationistischer Toleranzbegriff würde natürlich das Wesentliche übersehen, nämlich den höchst unterschiedlichen Spielraum des Tolerablen innerhalb eines Systems. Um im Bild der eben gebrauchten technologischen Metapher zu bleiben, könnte man sagen, dass die tolerierbare Normabweichung in Saudiarabien ­allenfalls bei einem Millimeter liegt, in der Schweiz hingegen bei einem Meter. Daher können, ja: müssen, Liberale in der Schweiz sehr viel eher in der Lage sein, Wahhabiten zu tolerieren als saudische Wahhabiten Liberale.

Entscheidend ist, ob Toleranz Rechtsgüter verletzt oder nicht.

Offene Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Mitgliedern nicht nur einen grösseren Toleranzraum gewähren, sondern ihnen auch ein höheres Mass an Toleranz abverlangen. Ob eine bestimmte Denkhaltung den eigenen Überzeugungen entspricht, kann in einer offenen Gesellschaft daher nicht die Richtschnur für ihre Duldung sein. Im Gegenteil: Gerade deshalb, weil sie nicht mit der eigenen Überzeugung übereinstimmt, muss sie ja toleriert, also ertragen werden. Daher ist es für die Frage der Toleranz in einer offenen Gesellschaft auch völlig unerheblich, ob bestimmte Haltungen oder Handlungen als «unmoralisch», «unsittlich» oder «irrational» eingestuft werden, entscheidend ist einzig und allein, ob durch sie geschützte Rechtsgüter verletzt werden oder nicht.

Das für die offene Gesellschaft konstitutive Prinzip des Liberalismus besagt, dass mündige Bür­gerinnen und Bürger tun und lassen dürfen, was sie wollen, solange es ihnen nicht mit guten rechtsstaatlichen Gründen verboten werden kann. Hierbei ist natürlich peinlich genau darauf zu achten, dass alle Gesellschaftsmitglieder gleichen Zugang zum Recht haben. Denn für die offene Gesellschaft ist auch das Prinzip des Egalitarismus konstitutiv. Dieses verlangt, dass gleiche Interessen gleich berücksichtigt werden, weshalb Diskriminierungen, etwa aufgrund von Geschlecht, Alter, Herkunft, Weltanschauung oder sexueller Orientierung, aufzuheben sind.

Hinter diese Prinzipien der Liberalität und Egalität darf eine offene Gesellschaft nicht zurückfallen, sonst beschädigt sie sich selbst. Zwar mag es uns schwerfallen, Rassisten, Faschisten, Islamisten als gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder zu betrachten, aber gerade darin liegt ja das Wesen der Toleranz: Sie ist eine Last, die es zu ertragen gilt.

Wer einen Ort der Freiheit sucht, soll ihn in Europa finden.

Zu ihrem eigenen Schutz hat die offene Gesellschaft Rechtssysteme entwickelt, die regeln, welche Verhaltensweisen geduldet werden können und welche nicht. Man könnte es sich also leicht machen und formulieren: Wer sich ein Bild von den Grenzen der Toleranz machen möchte, braucht nur in das Strafgesetzbuch zu schauen, denn dort steht ja Schwarz auf Weiss geschrieben, was wir tolerieren müssen bzw. nicht mehr tolerieren dürfen.

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Denn zum einen gibt es neben dem Rechtssystem einige weitere Institutionen mit eigenen Normen, die wir nicht über Gebühr strapazieren dürfen (etwa das Bildungssystem). Zum anderen sollten wir erkennen, dass das Fokussieren auf die Unterscheidung zwischen dem Tolerierbaren und dem Nicht-Tolerierbaren unsere Perspektive unzulässig verengt, was dazu führt, dass wir den Grenzverlauf der Toleranz höchst unvollständig wahrnehmen.

Doppelte Grenze der Toleranz

Denn es gibt nicht nur eine, sondern zwei Grenzen der Toleranz: Die erste Grenze verläuft, wie wir gesehen haben, zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was nicht mehr toleriert werden darf. Die zweite Grenze hingegen markiert den Unterschied zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was akzeptiert werden kann. Scheidet die erste Grenze das Tolerierbare vom Nicht-mehr-Tolerierbaren, trennt die zweite Grenze Toleranz von Akzeptanz.

Bedauerlicherweise wird diese zweite Grenze in der Regel kaum beachtet, obwohl sie für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft essenziell ist. Schärfen wir also auch hier unser Begriffsverständnis: Das Wort «Akzeptanz» leitet sich vom lateinischen «accipere» ab, das «annehmen», «übernehmen», «gutheissen» bedeutet. Die Differenz zur Toleranz liegt auf der Hand: Was man akzeptiert, das toleriert oder duldet man nicht bloss, man ist mit ihm einverstanden, es ist keine Last, die man ertragen müsste, kein Leid, dem man entfliehen möchte. Das Akzeptierte heisst man gut, man erweist ihm Respekt, was gegenüber dem bloss Tolerierten nur um den Preis der Selbstverleumdung möglich wäre.

Unsere Auffassungen werden von anderen nur geduldet.

Nimmt man beide Grenzen der Toleranz in den Blick, wird klar, dass die Grenzziehung sowohl hier wie dort misslingen kann. Das heisst: Manchmal geht Toleranz zu weit, nämlich, wenn auch das Nicht-Tolerierbare geduldet wird, manchmal jedoch geht Toleranz nicht weit genug, nämlich dann, wenn etwas, das eigentlich akzeptiert werden sollte, bloss geduldet wird. Eben dies hatte auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) im Sinn, als er in seinen «Maximen und Reflexionen» formulierte: «Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heisst beleidigen.»

Heisst das nun, dass man Goethes Maxime, Toleranz in Akzeptanz zu überführen, immer und überall beachten müsste? Keineswegs, denn auch dies würde die Streitkultur gefährden. Warum? Weil ein fruchtbarer Widerstreit der Ideen nur unter der Voraussetzung möglich ist, dass es ­unterschiedliche Meinungen gibt, die sich gegenseitig nicht akzeptieren, sondern allenfalls tolerieren können.

So kann ich es als rational denkender Mensch zwar tolerieren, dass Hardcore-Kreationisten meinen, die Erde sei zu einem Zeitpunkt entstanden, als unsere Vorfahren bereits das erste Bier brauten, doch akzeptieren, also gutheissen, kann ich solche Wahnideen nicht. Akzeptieren kann und muss ich hingegen sehr wohl, dass jede Bürgerin und jeder Bürger das Recht hat, solch seltsame Dinge zu glauben und diesen Glauben auch öffentlich zu arti­kulieren. Umgekehrt müssen natürlich auch Kreationisten akzeptieren, dass ich das Recht habe, ihre Glaubensüberzeugungen zu kritisieren, selbst wenn sie meine Aussagen als schlimme Beleidigungen wahrnehmen.

Damit ist ein wichtiges Stichwort gefallen: Dass irgendjemand irgendetwas als Beleidigung empfindet, kann in einer offenen Gesellschaft, für sich ­genommen, kein vernünftiges Gegenargument sein, denn Beleidigungen sind nun einmal der Preis der Toleranz. Wir alle müssen damit leben, dass unsere Auffassungen von anderen nicht akzeptiert, sondern als «irrational», «inhuman» oder «gottlos» verworfen und daher bloss geduldet werden. Wer nicht in der Lage ist, diese Last zu ertragen, beweist damit nur, dass ihm das für die offene Gesellschaft erforderliche Mass an Toleranz fehlt.

Die Verteidigung der Freiheit führt zu ihrer Einschränkung.

Aus diesem Grund wäre es ein verhängnisvoller Fehler, würde die Politik der immer wieder erhobenen Forderung nachgeben, verletzbaren «religiösen Gefühlen» mit grösserem Respekt zu begegnen. Diese Forderung untergräbt nämlich wie kaum eine andere die Grundlagen einer offenen Streitkultur. Sie verhindert nicht nur den freien Austausch der Argumente und reduziert die Chancen, alternative Sichtweisen kennen zu lernen, sondern nimmt tragischerweise gerade jenen Kräften, die sich besonders schwer damit tun, andere Auffassungen zu ­ertragen, eine wunderbare Gelegenheit, sich in Toleranz zu üben. Wem also ernsthaft daran gelegen ist, die Tugend der Toleranz zu stärken, der sollte religionskritische Satiren nicht verbieten, sondern sie aktiv fördern.

Respekt ist in unserer Gesellschaft an einer völlig anderen Stelle geboten: Selbstverständlich sollten wir jedem einzelnen Menschen mit Respekt ­begegnen, denn das gebietet die Menschenwürde. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass wir die Überzeugungen und Handlungen eines jeden Menschen respektieren, also achten und wertschätzen müssten. Schliesslich hat vieles, was Menschen tun, aus einer aufgeklärten Sicht keinerlei Respekt verdient – und genau das muss in einer Streitkultur auch klar und ohne Furcht vor verletzten Gefühlen artikuliert werden können.

Man sollte es sogar als Ausdruck des besonderen Respekts gegenüber dem Mitmenschen begreifen, wenn man ihm keinen falschen Respekt vorgaukelt. Derjenige nämlich, der den Mut hat, dem anderen respektlos seine Meinung zu sagen, zeigt gerade dadurch, dass er ihn als gleichwertigen Diskussionspartner respektiert – statt ihn wie ein kleines Kind zu behandeln, von dem man glaubt, dass man ihm gewisse Dinge vorenthalten muss.

Der Philosoph Carlo Strenger (geb. 1958) hat die Grundhaltung, um die es mir hier geht, auf den schönen Begriff der «zivilisierten Verachtung» ­gebracht. Unter «zivilisierter Verachtung» versteht Strenger «die Fähigkeit, zu verachten, ohne zu ­hassen oder zu dehumanisieren». Voraussetzung dafür ist, dass sich die Verachtung, man könnte auch sagen: der fehlende Respekt, nur «gegen Meinungen, Glaubensinhalte oder Werte» richtet und nicht «gegen die Menschen, die sie vertreten».

Die offene Gesellschaft geht in ihrer Freiheits­garantie allerdings so weit, dass sie ihren Bürgerinnen und Bürgern das Recht einräumt, auch bestimmte Menschen, zum Beispiel Homosexuelle, als Menschen zu verachten. Doch eine solche Verachtung ist natürlich keineswegs zivilisiert, denn sie widerspricht dem Wesenskern der offenen Gesellschaft. Aus einer freiheitlichen Perspektive muss man daher feststellen: Wer Schwule (aus welchen Gründen auch immer) nicht akzeptiert, sondern bloss toleriert, der vertritt eine Haltung, die ihrerseits bloss toleriert, aber nicht akzeptiert werden kann. Ebenso klar sollte sein: Wer (wie so mancher Fundamentalist) homosexuelle Menschen so tief verachtet, dass er ihre Existenz nicht einmal tolerieren kann, der vertritt eine Haltung, die in einer offenen Gesellschaft nicht einmal toleriert werden darf, sondern mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden muss.

Man sieht hieran, dass die doppelte Grenze der Toleranz drei Bereiche voneinander trennt, die unterschiedlich behandelt werden müssen, nämlich das Akzeptierbare, das Nur-Tolerierbare und das Nicht-mehr-Tolerierbare. Als grobe Marschrichtung kann dabei gelten: Was in einer offenen Gesellschaft zu akzeptieren ist (etwa die Gleich­behandlung aller Bürgerinnen und Bürger), muss gestärkt, was nur zu tolerieren ist (zum Beispiel schwulenfeindliche Ressentiments), durch zivilisierte Verachtung geschwächt, und was nicht mehr zu tolerieren ist (etwa Gewaltaufrufe gegen Schwule), strikt unterbunden werden.

Was heisst das konkret? Bevor ich diese Frage beantworten kann, müssen wir uns zunächst einige wenige Grundprinzipien der offenen Gesellschaft bewusst machen. Zwei dieser Prinzipien sind uns schon begegnet, nämlich die Prinzipien der Liberalität und Egalität. Ein drittes Grundprinzip, das ­offene Gesellschaften von geschlossenen Gesellschaften (wie jener in Saudiarabien) wesentlich unterscheidet, ist das Prinzip der Säkularität. Es ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

Erstens: Da die Werte, die unser Zusammen­leben ordnen, von keiner «höheren Instanz» vorgegeben sind, müssen sie von den gesellschaftlichen Akteuren unter fairer Berücksichtigung der jeweiligen Interessen ausgehandelt werden. Zweitens: Da die Rechtsnormen im säkularen Rechtsstaat für alle gelten müssen, sollten sie auch für alle einsichtig sein, weshalb sie einer säkularen, traditionsübergreifenden Begründung bedürfen und nicht auf religiösen Überzeugungen beruhen sollten, die von vielen Gesellschaftsmitgliedern nicht geteilt werden. Drittens: Der weltanschaulich neutrale Staat darf (ohne solide rechtsstaatliche Gründe) keine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft privilegieren oder diskriminieren, allerdings muss er dafür Sorge tragen, dass seine Rechts­normen auch innerhalb dieser Gemeinschaften ­beachtet werden.

Ein viertes, ebenso wesentliches Grundprinzip ist das Prinzip der Individualität: Die offene Gesellschaft orientiert sich am Individuum – nicht an der Gruppe. Der Einzelne hat eine unantastbare Würde, er steht im Mittelpunkt der Grund- und Menschenrechte, nicht die Familie, die Ethnie oder die Religionsgemeinschaft. Zwar weist die offene Gesellschaft auch Kollektiven Rechte zu, aber diese sind immer vom Individuum her gedacht.

Es ist kein Zufall, dass die diversen Feinde der offenen Gesellschaft exakt den umgekehrten Weg gehen, also das Kollektiv an die erste Stelle setzen und von ihm aus das Individuum definieren. So sehr sich christliche Abendlandretter, Nationalisten und Salafisten in ihren Ansichten auch unterscheiden, in diesem Punkt zeigt sich eine grosse ­Gemeinsamkeit: Sie alle reduzieren die Individuen auf vermeintlich stabile ethnische oder religiöse Gruppenidentitäten und halten zwanghaft an der «Scholle» ihrer jeweiligen Tradition fest, weshalb sie ihr angestammtes kulturelles Ghetto reflexartig gegen das vermeintlich Feindliche des «Fremden» verteidigen. Ihre Aversion kann sich dabei, je nach Gusto, gegen «die Ausländer», «die Flüchtlinge», «die Juden», «die Christen», «die Ungläubigen» oder «die Muslime» richten, die gemeinsame Wurzel all dieser Formen von «gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit» ist ein hartnäckiger Kollektivismuswahn, der Gruppenidentitäten unterstellt, die es in der Realität gar nicht gibt.

Damit kann ich nun zumindest eine erste Antwort auf den Titel meines Essays geben: Wenn man sich die Frage stellt, wofür es sich zu streiten lohnt, so meine ich, dass hier vor allem die vier Grundprinzipien der offenen Gesellschaft genannt werden müssen, nämlich Freiheit, Gleichheit, Säkularität und Individualität. Nach dieser Antwort auf das «Wofür» stellt sich aber natürlich die Frage nach dem «Wie».

Wir haben gesehen, dass sich aus der Erkenntnis der doppelten Grenze der Toleranz drei allgemeine Imperative ableiten lassen: 1. Verhindere, was nicht zu tolerieren ist! 2. Schwäche, was nur zu tolerieren ist! 3. Stärke, was zu akzeptieren ist!

Wenn von den «Grenzen der Toleranz» die Rede ist, kommt den allermeisten Menschen nur der erste diese Imperative in den Sinn nach dem Motto: «Keine Toleranz der Intoleranz!» – das klingt imposant und macht sich gut in Wahlkampfreden. Man fragt sich allerdings, was man darunter konkret verstehen soll. Etwa neue Verbotsgesetze? Wenn ja, welche sollten das sein? Haben wir denn nicht schon jetzt genügend Gesetze, die, sofern sie konsequent umgesetzt würden, effektiv verhindern könnten, dass die offene Gesellschaft aus den Angeln gehoben wird?

Natürlich kann man darüber nachdenken, ein «Islamgesetz» wie in Österreich zu verabschieden, das die Einflussnahme ausländischer Islamisten auf hiesige Muslime begrenzt, oder ein «Anti-Burka-­Gesetz» wie in Frankreich, das die Ausbreitung eines besonders reaktionären Frauenbilds in der Öffentlichkeit behindert. Allerdings muss man sich bei derartigen Verbotsbestrebungen stets bewusst sein, dass sie sich nicht nur gegen die Intoleranz richten, sondern auch gegen die Toleranz, da sie Freiheitsspielräume schliessen, die zuvor geöffnet waren.

Paradoxerweise könnte also eine bestimmte Form der Verteidigung der Freiheit zu einer Einschränkung der Freiheit führen. «Keine Toleranz der Intoleranz!» birgt in sich die Gefahr, zu einer «Toleranz der Intoleranz» zu werden, nämlich, indem wir erdulden, dass etwas nicht mehr erduldet wird, obwohl es eigentlich hätte erduldet werden müssen, da es gar nicht in der Lage war, die offene Gesellschaft zu gefährden.

Die beiden anderen Imperative («Schwäche, was nur zu tolerieren ist!» und «Stärke, was zu akzeptieren ist!») haben den Vorteil, dass sie gegen derartige Paradoxien gefeit sind. Denn sie verteidigen die offene Gesellschaft gerade dadurch, dass sie ihre Kernelemente Freiheit, Gleichheit, Säkularität und Individualität forcieren. Aus ihnen lässt sich auch ein Konzept ableiten, das ich als «Abschreckung durch Freiheit» charakterisieren möchte. Was ist damit gemeint?

Abschreckung durch Freiheit

In den letzten Monaten haben wir eine völlig andere Form der Abschreckung erleben müssen: Flüchtlinge wurden durch Stacheldrahtzäune, ­Tränengas, unwürdige Unterbringung und unzureichende Versorgung davon abgebracht, nach Europa einzureisen. Zur Legitimierung dieser ­Methoden wurde unter anderem behauptet, dass solche Formen der Abschreckung nötig seien, um die «christliche Kultur Europas» zu schützen.

Ich muss hier nicht näher darauf eingehen, dass diese Abschreckungsmassnahmen wie auch ihre Begründung sehr viel eher dem Charakter einer geschlossenen als einer offenen Gesellschaft folgen und daher abzulehnen sind. Die spannende Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist ohnehin eine andere. Sie lautet: Darf auch eine offene Gesellschaft Abschreckungsmassnahmen ergreifen, um die Zuwanderung von Menschen zu be­hindern, die die Grundwerte der Freiheit, Gleichheit, Säkularität und Individualität zutiefst ablehnen und dadurch gefährden? Antwort: Selbstverständlich darf sie das, allerdings muss eine offene Gesellschaft beachten, dass derartige Massnahmen ihren eigenen Prinzipien entsprechen – und eben hier kommt das Konzept einer «Abschreckung durch Freiheit» ins Spiel.

So könnte und müsste allen Flüchtlingen und Einwanderern schon in ihrer Heimat klargemacht werden, dass Europa dem Prinzip der offenen Gesellschaft folgt, dass sich die Religionen hier dem Gesetz unterordnen müssen, dass Männer und Frauen, ­heterosexuelle und homosexuelle Menschen gleiche Rechte besitzen, dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen und die Verehrung des Propheten Mohammed bzw. des christlichen Messias kein höheres Ansehen geniesst als die Verehrung von Borussia Dortmund, Monty Python oder Dolly Buster!

Wer partout nicht will, dass seine Kinder in einer solch freien Gesellschaft aufwachsen, wird sein Exil ausserhalb Europas suchen wollen. Wer hingegen für sich und seine Angehörigen einen solchen Ort der Freiheit sucht, den sollten die Europäer – nicht nur aus Gründen der Humanität, sondern auch im eigenen Interesse angesichts der drohenden Überalterung der europäischen Nationen – mit offenen Armen empfangen und ihm alle Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe eröffnen.

Die Umsetzung des Konzepts «Abschreckung durch Freiheit» verlangt heute nicht nur eine Stärkung des oft vernachlässigten Prinzips der Säkularität, sondern vor allem auch des Prinzips der Individualität. Denn, wie gesagt: Die Feinde der offenen Gesellschaft eint, dass sie in der Regel Kollektivisten sind, keine Individualisten. Eine besonders wichtige Form des Kollektivismus, die man bei christlichen, jüdischen, muslimischen, aber auch bei religionsfernen Traditionalisten antrifft, ist der sogenannte Familismus, der die Familie – und nicht das Individuum – als Basiseinheit der gesellschaftlichen Organisation begreift. Diesem Familismus, den auch viele inländische Politiker noch nicht überwunden haben, ist es geschuldet, dass die ­sogenannte «elterliche Sorge» meist sehr viel höher gewichtet wird als die Rechte der Kinder.

Drohungen der offenen Gesellschaft

Eben dieser Ideologie müssen die Verteidiger der offenen Gesellschaft entschieden entgegentreten. Die Botschaft an die Kollektivisten müsste dabei absolut klar sein, sodass jeder von ihnen weiss, mit welchen Unannehmlichkeiten er oder sie in einer offenen Gesellschaft zu rechnen hat. Wenn wir uns also spasseshalber einmal eine Regierung vorstellen mögen, die freiheitliche Prinzipien wirklich ernst nimmt, wie sollte sie gegenüber den Feinden der offenen Gesellschaft auftreten? Meines Erachtens müsste sie folgende Kernsätze formulieren (und die darin enthaltenen «Freiheitsandrohungen» selbstverständlich auch in die Tat umsetzen):

«Dies ist das Land, in dem Ihre Kinder nicht automatisch Juden, Christen, Muslime sind, bloss weil Sie einer dieser Religionen angehören! Dies ist das Land, in dem Sie nicht das Recht haben, an den ­Genitalien Ihrer Kinder herumzuschneiden, weil Sie sich einem archaischen Initiationsritual verpflichtet fühlen! Dies ist das Land, in dem Sie glauben dürfen, was immer Sie wollen, in dem wir Ihren Kindern aber von der Pike auf beibringen werden, dass nur solche Weltanschauungen akzeptabel sind, die die Menschenrechte in vollem Umfang ­anerkennen! Dies ist das Land, in dem Sie behaupten dürfen, die Erde sei erst vor 6000 Jahren erschaffen worden, in dem Ihre Kinder aber schon in der Grundschule die Tatsache der Evolution erfahren! Dies ist das Land, in dem auch Kinder Rechte haben, die Sie nicht übergehen dürfen, in dem Sie es hinnehmen müssen, dass Männer und Frauen, Religiöse und Nichtreligiöse, Hetero-, Homo- und Transsexuelle gleichberechtigt sind, auch wenn Sie in Ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung womöglich so sehr geschädigt wurden, dass Sie diesen einfachen ethischen Gleichheitsgrundsatz nicht nachvollziehen können! Dies ist nicht zuletzt auch das Land, in dem Sie Ihre eigenen Sexualneurosen pflegen dürfen, solange Sie damit niemanden ­schädigen, in dem Ihre Kinder aber rechtzeitig aufgeklärt werden, damit sie die Chance haben, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen!»

Gewiss: Die Umsetzung eines solchen Konzepts, das sich der «Kunst der zivilisierten Verachtung» verpflichtet fühlt, würde auch die inländischen Vertreter eines streng konservativen Weltbilds an die Grenzen ihrer Toleranz bringen. Doch dies ist der Preis, den man als Mitglied einer offenen Gesellschaft zu zahlen hat – vor allem, wenn man in seinen tiefsten inneren Überzeugungen noch nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2016, 22:29 Uhr

Philosoph und Schriftsteller

Michael Schmidt-Salomon ist Philosoph und Schriftsteller sowie Vorstandssprecher der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung. Im Piper-Verlag erschienen von ihm «Jenseits von Gut und Böse», «Leibniz war kein Butterkeks» sowie zuletzt «Keine Macht den Doofen». Der nebenstehende Essay fasst die Kernthesen seines nächste Woche erscheinenden Buches «Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen» zusammen. In Zeiten, in denen auch das Schweizer Parlament die Verfassung zusehends mit Verboten versieht, plädiert der deutsche Autor für einen weit gefassten Toleranzbegriff: Eine liberale, offene Gesellschaft greife nur im Extremfall zu Verboten. (kal)

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