Die H-Frage

Roger Federer ist zurück auf der Tour – als Held?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Roger Federer ist der bisher grösste Schweizer Sportler. Er verbindet überragenden Erfolg (19 Grand Slams) mit der anmutigen Ästhetik eleganter Rückhand-Schläge und graziler Beinarbeit.

Nächste Woche kehrt Federer in Montreal auf den Court zurück. Ein knapper Monat ist seit seinem achten Wimbledon-Triumph vergangen; der Basler scheint eine neue Schallmauer des Ruhms durchbrochen zu haben, gilt vielen jetzt als Held. Die «Südostschweiz» bezeichnete ihn nach Wimbledon als «Held der ganzen Welt», die Berliner «Morgenpost» titelte ebenfalls mit «Ein Held für die ganze Welt», und das SRF strahlte eigens eine Sendung mit dem Titel «King Roger, die Schweiz und ihre Helden» aus.

Erfolg allein reicht nicht

Es gibt Wissenschaftler, die sich ausgiebig mit der Frage beschäftigen, wer wann wieso ein Held sein kann in unserer Zeit, die oft als «postheroisch» bezeichnet wird. Professor Holger Zaborowski zum Beispiel gab den Sammelband «Helden und Legenden» heraus; Professor Andreas Gelz veröffentlichte das Buch «Der Glanz der Helden»; Professor Dieter Thomä forscht für die HSG über Helden.

Erfolg allein reiche fürs Heldentum nicht aus, erklärt Zaborowski. Tatsächlich biete Federer mehr als das, die Experten sind sich einig, dass Federer zweifelsohne ein Held ist – zumindest im weiteren Sinn. «Charakter» und «Stil» sind Merkmale, die dem Tennisspieler attestiert werden und die ihn von gewöhnlichen Sportlern abheben, ihn ins Heldenhafte entrücken. Thomä erkennt eine spezifische «positive Wirkung des Helden»: Weil Federer nicht abfällig auf die Zuschauer herabschaue, könnten diese sich ermutigt fühlen, mehr aus sich herauszuholen und Seiten an sich zu entdecken, von denen sie vielleicht noch gar nichts ahnten. Zabrowski betont die «Grazie» des mit Talent übermässig Beschenkten, die den Zuschauer erhebe, weil er Federers Spiel als ein aussergewöhnliches Ereignis erfahre.

Perfekte Bühne

Aber ist Federer ein vollwertiger Held mit allen, auch tragischen Facetten? Schliesslich gehören zum herkömmlichen, durch Antike und Bibel geprägten Heldenverständnis auch aussergewöhnliches Risiko, desaströse Rückschläge, Aufopferung. Gelz verweist auf Federers Niederlagen, die im Rückblick als «Bewährungsproben auf dem Weg zu einem entscheidenden Sieg» betrachtet werden könnten.

Als heftigste Bewährungsprobe gilt Wimbledon 2008, als Federer bei anbrechender Dunkelheit gegen Rafael Nadal im fünften Satz 7:9 unterlag. Kenner halten den Match für das bisher beste Tennisspiel überhaupt, Sportjournalist Jon Wertheim schrieb ein ganzes Buch darüber (224 Seiten).

Legendärer Match: Federer vs. Nadal, Wimbledon 2008

Viele sahen in diesem dramatischen Spiel auf dem «heiligen Rasen» die perfekte Heldenbühne, für Wertheim war es «eine einzige Oper». Federer habe noch während des Spiels realisiert, Hauptdarsteller in einem «absoluten Klassiker» zu sein. Heldenforscher Ganz glaubt, der Schweizer fokussiere heute gezielt auf den «mystischen Ort» Wimbledon. Der Wissenschaftler nennt dieses Kalkül «einen interessanten Versuch der Autoheroisierung».

Grenzen des Heldentums

Jedes Heldentum ist gefährdet, auch Federers. Eine spezielle Gefahr sieht Gelz in der ökonomischen Saisonplanung, die der 35-Jährige perfektioniert hat und die eine Voraussetzung der besagten «Autoheroisierung» ist. So verzichtete Federer heuer auf Roland Garros, um die Wimbledon-Chancen zu erhöhen. Gelz sieht darin das Gegenteil einer «heroischen Verausgabung», wie man sie etwa von Helden der Antike kennt. Er stellt fest: «Hier wären wir an den Grenzen einer Heroisierung Roger Federers angelangt.»

Umfrage

Ist Roger Federer für Sie ein Held?





Zudem setzt sich Federer keinen körperlichen oder psychischen Risiken aus, die ihn ernstlich gefährden – anders als «Widerstandskämpfer, die ihr Leben einsetzen, um einen Tyrannen zu stürzen», oder «Aufklärer, die für politische Freiheiten kämpfen und dafür im Gefängnis schmoren» (Thomä in der NZZ), und anders auch als der im April tödlich verunfallte Extrem-Kletterer Ueli Steck. Diesem kam nach Thomä das Verdienst zu, uns mit der existenziellen Frage des Todes konfrontiert zu haben. «Der Bergsteiger erinnert uns an eine Aufgabe, die wir doch alle in irgendeiner Weise bewältigen müssen: Wie kommen wir mit unserer Sterblichkeit ins Reine?» Weiterhin ist Federer kein sich aufopfernder Samariter, kein Retter von Menschenleben. In dieser Hinsicht wird eine weitere Grenze seines Heldentums erkennbar. Auch wenn er sich mit seiner philanthropischen Stiftung durchaus für die Verbesserung der Lebensumstände – etwa für Schulen in Südafrika – einsetzt.

Roger Federer selbst beantwortet die H-Frage bescheiden, wie man es von ihm kennt: «Letztlich sehe ich mich nur als Tennisspieler.» Allenfalls verstehe er sich auch noch als Botschafter der Schweiz und Idol der Jugend, fügt er an. Forscher und Forschungsobjekt sehen das also ganz ähnlich: Roger Federer ist ein Held light. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.08.2017, 11:57 Uhr

Artikel zum Thema

Federer lanciert den Angriff

Der Wimbledonsieger spielt schon in Montreal, die ­Nummer 1 vor Augen. Bei Stan Wawrinka könnte sogar das US Open in Gefahr sein. Mehr...

Federer führt Arthur aus

Sogar der Wimbledon-Sieger selbst kriegt nicht genug von seiner Trophäe – und stellt das mit amüsanten Twitter-Beiträgen dar. Mehr...

Wer ist ein Held? Die Frage wird seit Jahrhunderten debattiert. Eine jüngere Abhandlung zum Thema gab der Philosophieprofessor Holger Zabrowski heraus. In «Helden und Legenden» (Wallstein-Verlag 2015, 256 Seiten, 22 Franken) werden die Wandlungen des Heldenbegriffs erörtert. Einige Helden-Merkmale kristallisieren sich dabei als zeitlos heraus, etwa Mut, Menschlichkeit oder Sinnstiftung. (lsch)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der Charme der Bescheidenheit
Tingler Alles auf Zeit
History Reloaded Der Zwingli des Islam

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Wiederspiegelt die Gesellschaft: Ein Fahrradfahrer fährt im Lodhi Art District von Neu Dehli an einem Wandbild vorbei. (24. März 2019)
(Bild: Sajjad HUSSAIN) Mehr...