«Der spannendste Moment waren die Minuten vor der Landung»

Bruno Stanek kommentierte 1969 die Mondlandung im SRF. Der TV-Moderator sieht die Zukunft bei privaten Weltraum-Pionieren.

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Bruno Stanek, das Weisse Haus hatte sich bei der Mondlandung auf ein Scheitern vorbereitet – mit einer fertigen Trauerrede. Hatten Sie auch einen Plan B für Ihren Live-Kommentar?
Nicht ganz im Ernst haben wir auch im Studio von der «schwarzen Krawatte» gesprochen. Ich hielt mich emotional an die Berechnungen der Nasa: Eine Expedition gelingt mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit, und die Astronauten kommen zu 99 Prozent lebend zurück. So ist es dann bei sieben Missionen auch gekommen, von denen sechs erfolgreich bis zur Mondlandung führten und eine, Apollo 13, wenigstens wieder zur Erde zurück.

Was war vor 50 Jahren der spannendste Moment für Sie?
Die letzten zehn Minuten vor der Landung. Alles Übrige war bei der Hauptprobe schon getestet worden: der Anflug auf der möglichst identischen Flugbahn bis in eine Höhe von 15 Kilometer über der Mondoberfläche mitsamt Rückkehr und Kopplung mit dem Mutterschiff in 111 Kilometern Höhe. Beim Abstieg über die Treppe des Mondlanders erwartete ich keine Probleme, obwohl man die unterste Treppenstufe aus Gewichtsgründen eingespart hatte.

Vom riesigen Sprung für die Menschheit, den Neil Armstrong ankündige, ist in der bemannten Raumfahrt wenig geblieben.
Die Gründe dafür sehe ich klarer als damals, als es hiess, nur eine Diktatur sei zu so monumentalen Leistungen fähig, und dann, als die USA das Rennen zum Mond gewonnen hatten, nur eine staatliche Organisation könne das. Die jüngsten Fortschritte haben den Beweis erbracht, dass motivierte Pioniere in Privatfirmen gleiche Leistungen schneller und für 10 Prozent der Kosten vergleichbarer Staatsprogramme vollbringen. Wenn das schwer zu begreifen ist, dann halte man sich die Stagnation der einst enorm geförderten russischen Raumfahrt vor Augen oder die langfristig zumindest technologische Stagnation der chinesischen.

Bruno Stanek führte 1970 sogar ein Interview mit der Apollo 13-Crew im Schweizer Fernsehen. Bild: SRF

Was hat das Rennen zum Mond der Welt gebracht?
Nebenprodukte aus dem Apollo-Projekt der Nasa führten zu nicht weniger als 1200 Patenten, die der Non-Profit-Weltraumbehörde zwar keinen direkten finanziellen Nutzen brachten, aber den USA. Auf der ganzen Welt haben Untersuchungen ergeben, dass jede in die Raumforschung investierte Währungseinheit das Bruttosozialprodukt um durchschnittlich das Vierfache erhöht hat. Schon Churchill hegte die Vermutung, dass die Technik im Raumfahrtzeitalter viel rascher vorangehen würde als zuvor. Er bekam recht, und es gibt Hunderte Argumente zum Nutzen der Raumfahrt – Satellitenkommunikation, weltweite Navigation, Rohstoffsuche, Erdbeobachtung, Wetterprognosen. In China oder Indien muss man das den Leuten weniger erklären als in Europa.

Der Dichter W. H. Auden bezeichnete die Mondlandung als «phallischen Triumph».
Hier müsste man den Dichter fragen, wie er das genau gemeint hat. Vielleicht aber fragt man besser einen der Astronauten, deren umfassende Eignungsprüfungen ausserordentlich potente Personen, darunter auch zahlreiche weibliche, zutage befördert haben.

Eine weniger lyrische Kritik an der Raumfahrt lautet: Zuerst hier unten aufräumen, bevor man neue Welten besiedelt.
Da hatte der Mensch nun 10'000 oder mindestens 2000 Jahre Zeit, und so viel Zeit bleibt ihm inzwischen nicht mehr zum Aufräumen. In diesem Punkt sind mir seit 50 Jahren viele Inkonsequenzen begegnet. In Radiointerviews wurde etwa die Marsbesiedlung als unnötig bezeichnet, aber die letzte Frage lautete dann doch, wann man dort Ferien machen könne. Wenn Meteoriten wieder einmal grossen Schaden angerichtet haben, der Mensch aber nochmals Glück gehabt hat, dann wagt man kaum an die Situation zu denken, wenn der Absturz eines grösseren Himmelskörpers ausnahmsweise mit einigen Tagen Vorwarnung angekündigt wird. Auch einige ausserirdisch Unkundige wissen nämlich inzwischen, dass man rechtzeitig entdeckte Kleinstplaneten auf ungefährliche Bahnen ablenken kann. Dies wären dann die ersten Paniker, die verlangen würden, dass «die Nasa» ihn abschiesst. Sonst gibt es hinterher gar nichts mehr aufzuräumen.

Zuletzt war 1972 ein Mensch auf dem Mond. Wann ist es wieder so weit? Und welche Nationalität wird er haben?
Wenn alles planmässig verläuft, wird die Firma SpaceX von Elon Musk die Kapazitäten haben, in fünf Jahren eine bemannte Mondumrundung – wie einst Apollo 8 zu Weihnachten 1968 – durchzuführen, und vielleicht nur fünf Jahre danach auch auf dem Mond zu landen. Jemand, dem es eine halbe oder ganze Milliarde wert ist, die Erde aus der Ferne über dem Mondhorizont zu sehen, wird die Chance haben. Ein Japaner hat bereits gebucht. Der Flug verläuft allerdings mit einigen US-Astronauten als Flight-Attendants.


Video: Elektroauto im Weltraum

SpaceX-Chef Elon Musk schickte mit der Falcon Heavy einen Tesla ins Weltall. Video: SpaceX


Wie sehen Sie die Erfolge Chinas in der Weltraumfahrt?
Seit Jahren findet nur alle paar Jahre ein bemannter chinesischer Raumflug statt. Risiko soll auf Kosten extremer Bedachtsamkeit ausgeschaltet werden. Wenn wir die jüngste unbemannte Landung auf der Mondrückseite betrachten, dann kommt man um die Klassifizierung als gelungenen Propagandacoup nicht herum. Auf der abgewandten Mondseite autonom zu landen, ist abgesehen von der anspruchsvolleren Kommunikation nicht schwieriger. Dies wurde von Beobachtern erst erkannt, als viele Medien es bereits wirkungsvoll als schwieriger bezeichnet hatten. Seit pikante Details von der Bildübertragung durchgesickert sind, wird immer mehr klar, wie viel sich die Chinesen an Technologie heute noch im Westen besorgen müssen, ob legal oder mit Spionage.

Und welche Rolle spielt Europa?
Derzeit eine prekäre. Nach der zu teuren Ariane-5-Rakete braucht es dringend die Ariane 6, aber angesichts viel zu kleiner Flugraten rentiert die Entwicklung nicht. Europa ist zudem involviert in der Nasa-eigenen Mondmission mit SLS-Raketen aus dem Shuttle-Nachlass (eine Milliarde Dollar pro Flug!) und der bereits veralteten Orion-Kapsel. Die ESA würde das Servicemodul liefern, aber es ist unsicher, ob dieses jemals fliegen wird. Die Russen rechnen schon nicht mehr damit, denn die Mitarbeit wurde für sie ebenso zu teuer wie für die Nasa, die von der privaten Konkurrenz überholt worden ist. Die gemischt wissenschaftlich-touristische Erschliessung ist im Moment das Einzige, was zugleich finanzierbar ist und auch rentieren kann.

Die Schweizer Astrophysikerin Kathrin Altwegg nannte bemannte Marsmissionen neulich «Bubenträumli».
Der subventionierte Kleinmut wird sich blamieren, wie auch die Nasa-Moonwalker Armstrong und Cernan erfahren mussten, die Elon Musk unterschätzt hatten, was die Wiederverwendung von Raketen-Erststufen betrifft.

Dann gewinnen die privaten Unternehmer also das Rennen zum Mars?
Ja. Der Staat kann es höchstens verhindern. 2025 bis 2030 dürfte die Frage definitiv beantwortet sein. Die Raumfahrt, statt der Krieg, wird Vater aller Dinge, und kommerzielle Projekte statt der Steuerzahler werden sie finanzieren.

Der Mond gilt heute nur als Zwischenstopp auf dem Weg zum Mars. Warum?
Der Direktflug zum Mars ist immer noch die bevorzugte Methode, bis man sicher ist, unter dem Mondsüdpol Wassereis und Trockeneis (CO2) zu finden, aus dem sich das Methan und der Sauerstoff leichter in die Marsschiffe transportieren lassen als aus dem Gravitationsloch Erde.

Gibts tiefer im Marsinneren mikrobakterielles Leben?
Es wird immer unwahrscheinlicher. Die Marsmenschen sind wohl wir.

Und Gott? Laut dem Physiker Stephen Hawking brauchte das Weltall keinen Schöpfer. Ihre Meinung?
Hier hat sich Hawking sogar für mich verständlich ausgedrückt.

Wird die Marslandung für gleich viel Aufmerksamkeit sorgen wie die Mondlandung?
Das Fernsehen wie vor 50 Jahren war eine einmalige Erscheinung und erfasste alle Bevölkerungsschichten. Heutige Grossereignisse im All werden nur noch von einer Mischung aus Science-Fiction-Freunden und der technischen Intelligenzia verfolgt.

Wer wäre bei einer bemannten Marslandung Ihr bevorzugter Live-Kommentator?
Ich kenne keinen, und vielleicht braucht es auch keinen mehr.

Würden Sie mitfliegen, wenn Sie könnten?
In der ersten Generation braucht es Abenteurer. Mit gut 75 bin ich das nicht.

Erstellt: 21.02.2019, 13:30 Uhr

50 Jahre Mondlandung

«Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.» Diesen berühmten Satz sagte Neil Armstrong, als er am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat. Die Schweiz war bei dem historischen Ereignis mit einem wissenschaftlichen Experiment dabei: Das Sonnenwindsegel der Universität Bern wurde sogar noch vor der US-Flagge auf dem Mond gehisst. Mit diesem Interview beginnt eine Artikel-Serie. Darin werden wir das Mond-Jubiläum aus wissenschaftlicher, kultureller, historischer und wirtschaftlicher Perspektive beleuchten. (red)

Bruno Stanek
Bruno Stanek wurde 1943 in Rorschach geboren. Er studierte Mathematik an der ETH Zürich. Mit 25 Jahren kommentierte er am Schweizer Fernsehen die erste Mondlandung. Stanek lebt heute als Softwareentwickler und Autor in Arth. Er hat mehrere Bücher verfasst und bloggt zur Raumfahrt auf www.stanek.ch.

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