Die Mutbürger

Die Komiker Joko & Klaas überraschten Deutschland mit einer Brandrede gegen Ausländerfeinde.

«Ihr seid nicht die Mehrheit, sondern die Dummheit»: Joko & Klaas. (ProSieben/Markus Höhn)

«Ihr seid nicht die Mehrheit, sondern die Dummheit»: Joko & Klaas. (ProSieben/Markus Höhn)

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Das hätte niemand vermutet. Dass die sichtbarsten Erben der langen humanistischen Tradition Deutschlands ausgerechnet Til Schweiger sowie Joko & Klaas heissen.

Und trotzdem, im Flüchtlingssommer 2015 ist es so. Eine ganze Weile gehörte die Lufthoheit ganz anderen Leuten. Die «besorgten Bürger» der Pegida schimpften zu Tausenden gegen die ­Islamisierung des Abendlandes, die Zeitungen schrieben stapelweise über das Flüchtlings­problem, die Politik duckte sich weg: Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel schwieg über Monate. Die Gegenrede hielt dann der Schauspieler Til Schweiger. Posts von rassistischen Anhängern beantwortete er mit dem Satz «Verpisst euch, ihr empathieloses Pack!». Und ging darauf den Bau eines Flüchtlingsheims an.

«Entfolgt uns bei Facebook und Twitter.»Joko & Klaas

Sowie Ende letzter Woche die TV-Komiker Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die den «Ich-bin-kein-Nazi-aber-Idioten» unter ihren Fans sehr klar die Meinung sagten. Und zwar, dass diese «Meinungsfreiheit mit Rassismus» verwechselten, dass sie «sich auf Kosten der Ärmsten der Armen profilieren» würden und dass sie nicht repräsentativ seien: «Ihr seid nicht die Mehrheit, sondern die Dummheit.»

Die «selbsternannten Gutmenschen» Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Video: Circus HalliGalli

Sie beendeten die Ansprache (siehe Video oben) mit der Aufforderung «boykottiert unsere Sendung, entfolgt uns bei Facebook und Twitter». Und mit einem Satz, den man von keinem deutschen Politiker in der Debatte gehört hatte: «Refugees welcome» – Flüchtlinge willkommen.

Pubertäres Publikum

Wie bei Til Schweiger, der mit Actionfilmen, Tränendrüsenkomödien und Nuscheln zwar Erfolg, aber wenig Prestige gehabt hatte, sind Joko & Klaas alles andere als Bildungsbürger. Ihre Spezialität ist die pubertäre Mutprobe: ekelhafte Dinge essen, Wettfrieren, Strip-Paintball, Dartpfeile mit dem Körper abfangen sowie Geschosse aller Art mit den Hoden. Dabei geht es seit zehn Jahren immer um dasselbe: die Rivalität zwischen dem schlaksigen Joko und dem kleineren Klaas und darum, wer noch Übleres aushält. Und das in immer grösseren Shows, früher bei MTV, heute bei Pro 7.

Es sind ebenso mutige wie vulgäre Spektakel des Kontrollverlusts – Joko und Klaas bewegen sich durch Welten von Ekel, Schmerz, Peinlichkeit oder Angst. Und das mit einem erstaunlich kindlichen Lachen. Es sind Shows, mit denen das Fernsehen das bekommt, was es sonst nicht mehr hat: pubertäres Publikum.

Orientierungslose Politik

Nur eines hatte man von Joko & Klaas nie erwartet: Haltung. Dass die beiden jetzt auf Facebook in einer Frage Flagge zeigen, wo früher ein liberaler Bundespräsident wie Walter Scheel oder ein konservativer wie Richard von Weizsäcker eine Rede gehalten hätte, zeigt, wie orientierungslos die deutsche Politik geworden ist: Die republikanischen Werte werden am vehementesten von Showleuten mit gezielten Flüchen auf Facebook vertreten.

Und es zeigt, dass Bürgertum nicht die Frage von Bücherwänden, Einfamilienhaus und Tischsitten ist. Sondern von Mut.

Erstellt: 30.08.2015, 23:17 Uhr

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