Die nackte Moral

Güzin Kar über primäre Geschlechtsteile im Film und die Darstellung der Langeweile.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Neulich sah ich einen Film aus den frühen Siebzigern. Darin gab es eine Kamera­einstellung, in der der Hauptdarsteller nackt und mit leicht gespreizten Beinen auf einem Bett liegt und gelangweilt vor sich hindenkt. Die Kamera filmt vom Fussende her, sodass man freien Blick in den Schritt hat. Mein erster Gedanke war: Das wäre heute nicht mehr möglich. Der zweite: Hätte diese Kameraposition, die ein Kollege von mir als «Genital Shot» bezeichnet, bei einer weiblichen Besetzung dieselbe Wirkung? Würde sie als das wahrgenommen, was sie mit dem männlichen Darsteller war: eine Szene, die gemütliche Langeweile zeigt?

Auf die erste Frage hatte ich zunächst keine Antwort, aber auf die zweite: Mit einer weiblichen Hauptfigur wäre diese Szene weder in den Siebzigern noch heute so gedreht worden. Der Grund hierfür ist der, dass der nackte weibliche Körper im Mainstreamfilm untrennbar mit Erotik und Moral verknüpft ist. Und nicht nur im Film. Zeigt Robbie Williams an einem Konzert seinen nackten Hintern, ist das frech. Täte Rihanna dasselbe, wäre sie durchgedreht oder notgeil. Es erscheint uns derart normal, die Nacktheit einer Frau sowohl mit Sex als auch mit Integrität in Verbindung zu bringen, dass wir es schon gar nicht mehr bewusst tun. «Sie hat sich für den Playboy ausgezogen» meint mehr, als was es sagt.

Etliche Schönheitswettbewerbe verlangen von den Kandidatinnen, keine Nacktbilder veröffentlicht zu haben. Kaum ein weiblicher Star, der nicht mit der Veröffentlichung von Nacktfotos oder Sexvideos erpresst worden wäre. Dass ein Wort wie «Busenblitzer» überhaupt existiert, müsste uns zu denken geben. Und natürlich sind da auch etliche von den Stars selbst inszenierte Unten-ohne-«Patzer» zur Aufmerksamkeitssteigerung. Aber das Spiel funktioniert nur, weil die weibliche Nacktheit diesen Ruf hat, den sie hat. Wer in der Öffentlichkeit nackt gesehen wird, tritt in eine andere moralische Liga ein. Sharon Stone ist das Image der Beinspreizerin nie losgeworden.

Noch schlimmer ist die Situation am linearen Fernsehen, dies auch wegen der strengen Auf­lagen, die insbesondere für die Primetime gelten. Dank Netflix, HBO und anderen Streamingdiensten sind wir in den vergangenen Jahren einen grossen Schritt weitergekommen. Lena Dunhams «Girls» oder «Orange Is the New Black» haben, ungeachtet dessen, wie man die Serien findet, in dieser Hinsicht viel geleistet.

Die Hauptdarstellerin meiner Serie, Vera Bommer, sagte zu Beginn unserer Zusammenarbeit: «Aber nicht, dass wir unsere Körper hinter Bettlaken und Tischkanten ver­stecken.» Das war in meinem Sinn, trotzdem bin ich der Meinung, dass niemand gegen seinen Willen nackt gezeigt werden darf und es Verträge geben muss. Ich bin eine Vertreterin der Haltung, dass wir in Film und Fernsehen mehr nackte Körper sehen sollten. Insbesondere der unbekleidete weibliche Körper muss davon wegkommen, ausschliesslich Erotik zu transportieren und dabei moralisch verhandelt zu werden. Er muss zu einem Mittel des vielfältigen künstlerischen Ausdrucks werden. Dies kann selbstverständlich auch in Bett­szenen sein, denn nichts gegen Bettszenen. Ich würde mir aber wünschen, dereinst eine Szene mit einer weiblichen Protagonistin zu drehen, die nackt und mit gespreizten Beinen auf einem Bett liegt, und dass dies nicht als sexy Tabubruch oder Provokation, sondern als eine mögliche Darstellungsform von Langeweile gelesen wird.

Güzin Kars Serie «Seitentriebe» startet am Montag, 26.2., um 20.10 Uhr auf SRF 2

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 14:24 Uhr

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