«Die Person duckt sich vor einer Schranke»

Wir haben den Kommunikationsexperten Alexander Christian gefragt, was er von den Zürcher Terror-Piktogrammen hält.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Christian, Sie haben sich die Terror-Piktogramme des Schuldepartements Zürich angeschaut. Wissen Sie, wie Sie sich bei einem Anschlag verhalten müssten?
Ich denke, das sind Piktogramme, die vor allem in der Prävention angewandt werden können. Sie illustrieren den Text daneben und sollen vor allem Kindern helfen, sich eine Handlungsanweisung besser vorstellen und einprägen zu können. Im Ernstfall kann ich mir nicht so richtig vorstellen, ob sie die Menschen erreichen.

Weshalb nicht?
Eines der Piktogramme empfielt, Computer und Smartphones auszuschalten. Diese Informationen sind also zur Vorbereitung bestimmt. Ich fand beispielsweise jenes Piktogramm schwer verständlich, das einen zum Ducken auffordert. Das sieht im ersten Moment so aus, als ducke sich die Person vor einer sich senkenden Schranke. Diese roten Striche sollten ein Fenster darstellen. Hier wurde eine Konvention angewandt, die man aus Comics kennt: Die diagonalen Striche sollen wohl eine sich spiegelnde Glasfläche darstellen. Nur erkennt man das nicht wirklich als Fenster, weil der Rahmen nicht geschlossen ist. Offenbar bezog man sich nicht auf die genormten Piktogramme, die wir vom Strassenverkehr gewohnt sind. Etwa das Verbotszeichen mit rotem Rand und Schrägbalken von links oben nach rechts unten.

Welches wären die Alternativen?
Die Zürcher Piktogramme sind eher nüchtern und ernst. In Japan hingegen weicht man häufig von den genormten Piktogrammen ab und benutzt sogenannte Characters, die stark von der Manga-Tradition beeinflusst sind. Jede Polizeipräfektur verfügt über ein eigenes Maskottchen, mit dem sie sich bei der Vorbereitung auf Ernstfälle an die Bevölkerung wenden kann. Hier besteht aber die Gefahr, dass eine gefährliche Situation trivialisiert wird.

Was macht denn allgemein ein gelungenes Piktogramm aus?
Da gibt es eine Reihe von Kriterien: Erstens muss ein Piktogramm auffallen, wenn es seine Botschaft im öffentlichen Raum zwischen Werbung und anderen Reizen kommunizieren will. Zweitens muss ein Piktogramm einfach sein, also auf einen Blick und eindeutig erfassbar. Drittens sollte ein Piktogramm einprägsam sein, also auch von anderen Piktogrammen unterscheidbar. Viertens sind Piktogramme im Optimalfall international genormt.

Es gibt also Konventionen?
Es gibt Normen auf Länderebene, etwa die DIN in Deutschland. Die höchste Instanz ist die ISO, die Internationale Organisation für Standardisierung. Vor der Einführung genormter Piktogramme werden diese getestet.

Wie?
Üblicherweise werden zwei Tests angewandt: Beim ersten geht es um die Einschätzung der Verständlichkeit. Probanden werden verschiedene Versionen eines Piktogramms vorgelegt. Sie müssen dann aussagen, welches sie für die betreffende Anweisung am geeignetsten halten. Beim zweiten Test geht es um die tatsächliche Verständlichkeit. Die Probanden erhalten die verschiedenen Varianten in einer Mustersituation vorgelegt und müssen sagen, was das Piktogramm tatsächlich bedeutet.

Piktogramme sollen ja über Sprachräume hinaus funktionieren.
Sie funktionieren unabhängig von einer bestimmten Sprache. Aber die Botschaft muss stets gelernt werden. Auch wenn sich Bedeutungen teilweise erschliessen lassen, wenn man mit den Konventionen vertraut ist. Denn die Bedeutung kann komplexer sein als der Gegenstand, der gezeigt wird. Wir können in den Ferien zwar in einem Bildwörterbuch auf einen Apfel zeigen, aber theoretisch Früchte im Allgemeinen oder die Farbe des Apfels meinen.

Inwiefern sind Piktogramme Veränderungen unterworfen?
Piktogramme passen sich immer den gesellschaftlichen Veränderung und dem technischen Fortschritt an. Mit der Kutsche war eine scharfe Kurve noch keine so grosse Gefahr; seit wir mit Autos und somit schneller fahren, müssen wir vorher gewarnt werden. Bestehende Piktogramme werden auch aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse verbessert. Das Gefahrzeichen «Kinder» war früher statisch: zwei wartende Kinder am Strassenrand. Tests haben gezeigt, dass das Schild schneller erkannt wird, wenn die Kinder auf dem Piktogramm in Bewegung dargestellt werden.

Welche Rolle spielt die Ästhetik?
Auch hier gibt es eine gewisse künstlerische Freiheit. Nehmen wir das Beispiel WC-Beschilderung. Bei diesen Piktogrammen ist in erster Linie die Bedeutung genormt: eine Figur soll den Unterschied zwischen Mann, Frau und barrierefreien WC zeigen. Das lässt Raum für Kreativität. Im Flughafen des schottischen Prestwick zog man den Figuren Landestrachten im karierten Tartanmuster an. Bei den Olympischen Sommerspielen von Rio stehen die Piktogramme auf einer Grundfläche, die an einen abgerundeten Kieselstein erinnert. Die Sport-Piktogramme werden also längst für Standortmarketing verwendet.

Diskussionen um WC-Zeichen zeigen, dass auch Repräsentation eine Rolle spielt.
Ein interessantes Beispiel dafür ist das internationale Symbol of Access, das Rollstuhlfahrer-Piktogramm. Das ursprüngliche, statische Zeichen zeigte einen Rollstuhl mit einem Kopf drauf. Es insinuierte, ein Mensch im Rollstuhl warte nur darauf, von jemandem die Rampe hochgeschoben zu werden. Auf neueren Entwürfen ist der Rollstuhlfahrer dynamischer dargestellt. Damit will man betonen, dass ein Mensch im Rollstuhl agil ist und selbstständig am Leben teilnimmt. Piktogramme müssen eben nicht nur verstanden werden, sie sollen auch einer Zielgruppe gefallen. Nicht zuletzt sollen Piktogramme ja jemanden dazu motivieren, eine Anweisung zu befolgen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2017, 10:15 Uhr

«Piktogramme passen sich immer den gesellschaftlichen Veränderung an»: Alexander Christian ist Kommunikationswissenschaftler. Vor kurzem erschien sein Buch «Piktogramme». (Bild:zvg)

Artikel zum Thema

Symbole gegen den Terror

SonntagsZeitung Der Bund will die Bevölkerung mit Piktogrammen über das korrekte Verhalten bei einem Anschlag informieren. Mehr...

Es flitzt der Rollstuhl

Menschen mit Behinderung sollen auch Teil der modernen Kommunikation sein. Deshalb hat die Organisation Aktion Mensch einen eigenen Emoji-Satz veröffentlicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

TA Marktplatz

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Riesig hohe Surfwellen: Vor der portugisischen Küste befindet sich im Meer der Nazare Canyon eine über 230 Kilometer lange Schlucht mit einer Tiefe von bis zu 5000 Metern, deshalb entstehen hier die beliebten Wellen.
(Bild: Rafael Marchante) Mehr...