Die Schaads

Das Talent liegt beim TA-Karikaturisten Felix Schaad in der Familie: Schon sein Grossvater hat in den 20er-Jahren zeichnerischen Humor bei einer Illustrierten ausgelebt.

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Felix Schaad hat einen Schatz gehoben. Im Haus der Mutter des TA-Karikaturisten lagerten vergilbte Mappen und Schachteln mit Tausenden von Bildern, Skizzen, Werbezeichnungen und Karikaturen, die Felix’ Grossvater Hans Schaad in seinem langen Illustratorenleben angefertigt hatte. Felix Schaad hat seinen Grossvater zwar noch gekannt, aber nicht mehr als aktiven Zeichner. Wenn er jetzt die Blätter in die Hand nimmt, ist nicht allein Enkelstolz zu spüren. Der gelernte Grafiker, Karikaturist und Comiczeichner hat professionelle Hochachtung vor dem Werk: «Mein Grossvater hatte einen genialen Strich und ein ausserordentliches Talent für Charakterköpfe.»

Hans Schaad wurde 1890 in Steinmaur als Sohn des Dorfschulmeisters geboren. Schon der soll für seine Schüler eindrückliche Wandtafelbilder gemalt haben. Das Gestalten lag Hans im Blut. Nach der Sekundarschule wollte er Dekorationsmaler werden, die Berufsaussichten schienen aber trübe zu sein, und Hans wechselte ans Gymnasium. Nachher liessen ihn die sehr verständnisvollen Eltern die Kunstgewerbeschule besuchen, damals noch im Landesmuseum am Platzspitz untergebracht. In den Ferien kratzte er Sgraffiti in die Fassaden von Engadiner Häusern. Dann kam zuerst das Zeichenlehrerdiplom und danach der Erste Weltkrieg.

Kein Auskommen als Zeichenlehrer

Der Füsilier rückte ein und bewachte im Jura die Grenze. Als der Krieg und die Spanische Grippe (an der zwei Geschwister starben) überstanden waren, musste Hans Schaad feststellen, dass als Zeichenlehrer kein Auskommen zu finden war. «Da mir das Figürliche einigermassen lag, dachte ich an Illustrationen für Zeitschriften oder Bücher», schrieb Schaad in seinen Erinnerungen. Er sandte ein paar Proben, «leicht karikiert», an die «Schweizer Illustrierte». Das sieben Jahre zuvor gegründete Wochenblatt stellte als erste Zeitschrift in der Schweiz grosse Fotoreportagen und Illustrationen in den Mittelpunkt. Zu Schaads Erstaunen biss die Redaktion an und verlangte weitere Zeichnungen. Schliesslich stand bis in die 50er-Jahre hinein regelmässig die Autorenzeile «von unserem Spezialzeichner Hans Schaad» im Blatt.

Wenn Felix Schaad heute im Fundus des Grossvaters blättert, bleibt er am längsten bei den ganzseitigen Illustrationen aus der «Schweizer Illustrierten» hängen. Es sind Szenen aus dem Schweizer Alltag. In sechs, sieben Bildern ist ein Volksfest beschrieben, ein Sonntag im Wahllokal oder ein Armeemanöver – wie überhaupt dem Aktivdienstler das Militär am meisten saftigen Stoff lieferte. Felix Schaad staunt, wie kraftvoll und präzis sein Grossvater seine Typen darstellt: den feist schwitzenden Festredner, den sein Pfeifchen schmauchenden Bauern bei der Stimmabgabe, die umfangreiche Marktfrau, wenn sie skeptisch Militär beobachtet. Jakob Stebler, der bei der «Schweizer Illustrierten» zu Schaads Szenerien Verse verfasste, bewunderte den Zeichner für die Hartnäckigkeit, mit der er bei «scheusslichster Kälte» in einem Eishockeystadion mit blossen Händen seine Skizzen machte oder an einer Pressekonferenz klandestin unter dem Pult zeichnete – im Dienst der Aktualität.

«Mein Grossvater war ein genauer Beobachter und blieb nahe bei einer naturalistischen Darstellung seiner Figuren», sagt Felix Schaad. Die Illustrationen haben Witz, aber die Dargestellten wirken lebensecht, die Details sind zahlreich und stimmig. «Er hat nie den Schritt zum Comic gemacht», sagt Schaad. Es gibt bei seinem Grossvater keine Knollennasen und nur selten eine Sprechblase. Um zu zeigen, was er meint, zieht der Karikaturist einen Werbecomic des Grossvaters aus einem Mäppchen. Daneben legt er genau dieselbe Szene in einer comichafteren Umsetzung für den deutschen Markt. Der Unterschied wird schlagartig deutlich.

Die Arbeit bei der «Schweizer Illustrierten» zusammen mit Aufträgen für Illustrationen, Werbe­inserate und übergrosse Fassadenmalereien erlaubte eine behagliche bürgerliche Existenz. Hans Schaad heiratete, hatte drei Kinder und baute sich in Eglisau ein Haus. Die Mappen und Schachteln im Haus der Mutter von Felix Schaad zeugen vom Fleiss des Grossvaters. Allerdings klafft im Nachlass eine grosse Lücke: Bei der «Schweizer Illustrierten» ging man wenig sorgsam mit den Originalen um, viele gingen verloren. Dabei zeigt sich in ihnen noch mehr als in der gedruckten Fassung die Detailtreue des Zeichners.

Donald Duck war verpönt

Hans Schaad starb 1976, als Felix 15 Jahre alt war. Beruflich sieht sich Felix näher beim Grossvater als bei seinem Vater Hans P. Schaad, obwohl auch dieser Grafiker und Kinderbuchautor war. «Wir hatten zu Hause zwar ein ganzes Büchergestell voll mit den Bänden von Sempé, Tomi Ungerer, Loriot und all den grossen Karikaturisten», sagt Schaad. «Aber Comics – ‹Donald Duck›, ‹Fix und Foxi›, ‹Superman› – waren bei uns merkwürdigerweise schwer verpönt.» Das machte deren Reiz aber nur umso grösser.

Nach einer Grafikerlehre arbeitete Felix Schaad für Werbeagenturen. Gleichzeitig entwickelte er mit dem Texter Claude Jaermann den Comicstreifen um Eva Grdic, eine resolute Supermarkt-Kassierin, und ihren Intimfeind, den Abwart Kurt Zwicky. Schaad wechselte 1999 als Hauskarikaturist zum «Tages-Anzeiger», wo er, wie der Grossvater, unter Zeitdruck für ein grosses Publikum Aktualität in Karikaturen umsetzt.

Und, vererbt sich das Zeichner- und Karikaturisten-Gen weiter? Tatsächlich: Felix Schaads Tochter Zéa studiert Animation an der Hochschule Luzern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2016, 19:58 Uhr

Felix Schaad live

Vernissage seines neuen Buches

Die besten Karikaturen von Felix Schaad aus den letzten sieben Jahren sind in seinem neuen Buch «SchaadStoffe» versammelt. An der Buchvernissage diskutiert er über seine Arbeit und das Geheimnis guter Karikaturen.
Montag, 31. Oktober, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich.

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