Atombomben nach Moskau tragen

Schweizer Militärs überlegten sich einen offensiven Nuklearkrieg gegen die Sowjets. Diese und weitere Verrücktheiten beschreibt ein neues Buch zur hiesigen Atomenergie.

Das jüngste Schweizer Kernkraftwerk: Personenschutzkontrolle im AKW Leibstadt. (27. April 2000)

Das jüngste Schweizer Kernkraftwerk: Personenschutzkontrolle im AKW Leibstadt. (27. April 2000)

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Hören wir zuerst, was der grosse Apokalyptiker zur zivilen Nutzung der Atomkraft sagt. Friedrich Dürrenmatt, Beschreiber und Maler endzeitlicher Desaster, sagte nur wenige Monate nach der Tschernobyl-Katastrophe:

«Die Gefahren sind ja auch nicht zu leugnen. Nur glaube ich nicht, dass die Menschheit darum herumkommen wird, die Kernenergie zu gebrauchen. Angesichts der Bevölkerungsexplosion und der Energieverschwendung werden wir ohne Kernenergie den Bedarf nicht decken können.»

Ausgerechnet der Autor der «Physiker»! Dürrenmatt als Stichwortgeber der AKW-Befürworter – sie, die ja jüngst in der Klimadebatte wieder lauter geworden sind. Microsoft-Gründer Bill Gates etwa oder Harvard-Professor Steven Pinker, und hierzulande SVPler und Freisinnige. Für sie strahlt das Versprechen der sauberen, ewig fliessenden Atomenergie heute stärker denn je. «Pandora’s Promise» heisst ein Pro-Atom-Film, und genau darum geht es: Dass man mit der Kernteilung die alte Kohle ablösen und das Wohlstandslevel halten könne, was mit den flatterhaften Windrädern und Solarpanels nie gelänge.

Das verblüffende Dürrenmatt-Zitat, 1988 in «Bild der Wissenschaft» geäussert, findet sich in Michael Fischers Buch «Atomfieber». Der junge Historiker arbeitet am Centre Dürrenmatt in Neuenburg. Sein Blick für Kunstwerke, die die schlimmstmöglichen Wendungen der Schweizer Atompolitik erst denkbar gemacht haben, gehört zu den Stärken des Buchs.

Eine Kostbarkeit ist Fischers Notiz zu «Der Knopf», einem kaum bekannten, unveröffentlichten Drama Dürrenmatts: Einer setzt sich aus Versehen auf den Atomknopf und löst so das finale Bumm der Menschheit aus. Kennern der hiesigen Atomgeschichte, von denen die Anti-AKW-Bewegung einige hervorgebracht hat, bringt «Atomfieber» wenig. Spektakuläre neue Funde aus den Archiven der Atomwirtschaft oder des Militärs sucht man vergeblich. Als Überblickswerk, und als dieses ist es angelegt, funktioniert das Buch jedoch bestens.

Bis nach Moskau

Als am 6. August 1945 in Hiroshima «Little Boy» aufschlägt und explodiert, ist das zugleich der Urknall für die Schweizer Atompolitik. Sofort wollen Bundesrat und Militär die böseste aller Bomben und nur wenig später auch den ewigen Strom. Ein Mythos, mit dem Fischer überzeugend aufräumt, ist die Vorstellung vom nicht grössenwahnsinnigen Schweizer Militär. Eine einflussreiche Offiziersclique vertritt nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte Mobile-Defence-Strategie – kurioserweise das exakte Gegenteil der Reduit-Strategie. Mobile Defence, das bedeutet riesige Panzerverbände, die auf freiem Feld herumwalzen und die Russen in offenen Schlachten zurückschlagen. Mobile Defence bedeutet auch: die Anschaffung der Atombombe. Im Ernstfall will man dem Russen direkt einen vor den Latz knallen, sprich die Bombe bis Moskau fliegen und dort abladen. «Der Gegner würde dann genau wissen, dass er nicht erst bombardiert werde, wenn er den Rhein überschreite, sondern dass auch Bomben in seinem eigenen Land abgeworfen würden», so ein Oberstdivisionär anno 1957.

Dafür braucht man Topflugzeuge, eines wie die Mirage III C. Der Bundesrat ist bereit, für seine Aufrüstung und die Bombe enorme Summen auszugeben. Denn, Zitat Bundesrat: «Die bedeutsamste Erhöhung der Schlagkraft der Flugwaffe würde mit der Verwendung von Atomgeschossen erreicht.» Das wird richtig teuer, zu teuer. 1964 verweigerte das Parlament einen notwendigen Zusatzkredit. Das Mirage-Debakel ist der Anfang vom Ende der eidgenössischen Bombenpläne.

Die Linke denkt um

Fünf Jahre später platzt das Druckrohr im Versuchsreaktor von Lucens – und mit ihm der Traum vom AKW made in Switzerland. Es springen die Amerikaner ein, die seit ihrer «Atoms for Peace»-Kampagne billige AKW von der Stange feilbieten. Schwindelerregend rasch werden die Reaktoren Beznau I und II und Mühleberg hochgezogen. Später kommen Leibstadt und Gösgen dazu. Die Verhinderung von Kaiseraugst ist dann der grosse Triumph der hiesigen Anti-AKW-Bewegung. Ihr räumt Fischer viel Platz ein, bis hin zu einzelnen Liedern, die an Demos gesungen wurden.

Korrekterweise verschweigt der Autor auch die sogenannten Ökoterroristen nicht. Sie, die Autos von AKW-Chefs abfackelten und den Informationspavillon von Kaiseraugst in die Luft jagten. Die Gesinnungsmutation der moderaten Linken andererseits – von der klaren Befürworterin des Atomstroms als einer Quelle billiger Energie zur vehementen Gegnerin – gehört zu den erstaunlichsten Wandlungen, die die Schweizer Politlandschaft im 20. Jahrhundert erlebt hat.

Zweifelhafte Energiewende

Eine weitere Erkenntnis des Buchs, eine besonders ernüchternde zumal: wie lange in der Schweiz nun schon über erneuerbare Energien geredet wird (seit Jahrzehnten). Und wie verzweifelt wenig auf diesem Feld tatsächlich passiert ist. Fast vermisst man den ruppigen Tatendrang, mit dem Politik und Wirtschaft nach dem Krieg die Nuklearisierung der Schweiz vorangetrieben haben respektive vorantreiben wollten. Leuthards Energiewende wiederum, die ein gemütliches Ausfädeln versprach, erweist sich als heisser Tanz.

Die Schweizer AKW laufen weiter, verschleissen sich. Zugleich haben die Betreiber keine Anreize, mehr zu tun als das Allernötigste. Oder, wie Fischer in «Atomfieber» den Verwaltungsrat einer hiesigen Betreiberfirma zitiert: «Wenn es in einem Haus durchs Dach regnet, das sie in zwei Jahren abreissen wollen, dann können sie es mit einer Blache abdecken und haben Ruhe.»

Bleibt zu hoffen, dass es wenigstens eine gute Blache sein möge.

Michael Fischer: Atomfieber. Eine Geschichte der Atomenergie in der Schweiz. Verlag Hier und Jetzt, Baden 2019. Ca. 50 Franken, 398 Seiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2019, 13:34 Uhr

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