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Die Stadt von morgen kennt Hundedreck nur als Kunst

Autos aus Schafwolle und Blumenbeete mitten in der Grossstadt: An einer Konferenz in Berlin präsentieren Forscher Ideen, wie das Leben in Megacitys in Zukunft ökologisch gestaltet werden kann.

Die Städte verändern sich: Hundekot-Kunstwerk an einer Ausstellung in Hongkong.
Die Städte verändern sich: Hundekot-Kunstwerk an einer Ausstellung in Hongkong.
Xiao Qiang/Imaginechina, AFP

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten. Bis 2050 rechnet man mit mindestens 70 Prozent. Das Landei, das unter der Städterschale oft noch drinsteckt, stirbt langsam aus. Das muss eine schlechte Nachricht sein. Je stärker die Städte wachsen, je mehr soziale und ökologische Probleme folgen, denkt man. Die Konferenz TEDx Berlin überraschte unter dem Titel «City 2.O» auch mit dem Gegenteil: Manhattan sei die «grünste» Stadt der USA, Autos werden sich bald so weich wie ungeschorene Schafe anfühlen, und unter dem städtischen Skihügel verbrennt der Abfall. Lustig. Aber ist es auch wahr?

Viele Pointen sind dem Format geschuldet. Die TEDx-Tagungen gehen zurück auf die kalifornische Mutterkonferenz TED, die heute in New York und Vancouver beheimatet ist und zu den wichtigsten Treffen zählt, wenn es um die Digitalisierung geht. TED bedeutet «Technology, Entertainment, Design». Unterhaltung steht also schon im Titel, kein Vortrag dauert länger als 18 Minuten. Selbst die unabhängigen TEDx-Konferenzen verpflichten Trainer, um die Vorträge auf eine Linie zu zwingen. Das sieht man gerade vielen Nicht-Muttersprachlern gut an, wenn sie nach jedem englischen Satz eine Pause einschalten, um für die nächste Pointe Luft zu holen. Manche Witze wirken verwaltet.

Trotz dieser Gleichschaltung, die nach zwei Tagen ermüdet, vermag das Format auch Laien zu packen. Der deutsche Architekt Kai-Uwe Bergmann vom weltweit agierenden Büro Big erzählte tatsächlich von einer für Kopenhagen geplanten Müllverbrennungsanlage, auf der man sommers wie winters Ski fahren kann. Der US-amerikanische Stadtforscher Mitchell Joachim entspricht mit seinen Dreadlocks vollends dem Bild des verrückten Professors 2.0, aber seine Ideen für Autos aus Schafwolle denkt er sich nicht für Fantasymagazine aus, sondern für Eliteuniversitäten. Und David Owen, der viel für den «New Yorker» geschrieben hat, referiert stocknüchterne Statistik, um Manhattan zum Vorbild für eine ökologischere Stadt zu erklären. «Denn wenn Sie aufs Land ziehen», sagt Owen, «ziehen sie vor allem zu Ihrem Auto.»

Neue Bürgerlichkeit

Verrückt kommt man sich selbst als Rad- und Bahnfahrer vor, wenn man zum Beispiel von Mark Turrell daran erinnert wird, dass Luftverschmutzung jährlich mehr Menschen tötet als Aids und Malaria zusammen. Hat man das nicht schon fast vergessen? Das sind die Momente, in denen nichts futuristisch funkelt oder eine vermeintliche Gewissheit verschwindet. Solche Talks werben weniger für Lösungen, als dass sie gegen das Vergessen anreden. So auch die südafrikanische Line Hadsbjerg, die ihre Reportagen aus den Slums von Johannesburg vorstellt. Man möchte nur noch nach Hause, wären da nicht der Berliner «Tatort» samt anschliessendem «Günther Jauch» über Jugendgewalt, die einem das U-Bahn-Fahren schwerer machen wollen.

Das steigende Sicherheitsbedürfnis der bessergestellten Städter hat gerade in einer Stadt wie Berlin nicht den besten Ruf. Man wirft selbst dem moderaten Mittelstand zuweilen vor, seine Quartiere zunehmend wie jene Kleinstadt zu gestalten, aus der man einst weg wollte. Da tragen Mittelalte in der Freizeit die Kleider ihrer Jugend, am Wochenende werden die Blumenbeete frisch bestellt, und nach 22 Uhr soll bitte niemand laut werden, schon gar nicht vor einem Ausgehlokal. Am teuersten sind Neuvermietungen allerdings gerade in Gegenden wie Kreuzberg, in denen die Nachttouristen Berlin spielen. Man will beides: Die Ruhe und den coolen Stadtteil – auch ein paar Migranten sind erwünscht, sieht einfach besser aus.

Wie sehr man eine Stadt verändert, in die man zieht, zeigte dann auch Priya Prakash. Die indobritische Designerin arbeitete für einen Telefonhersteller, bevor sie Changify.org mitgegründet hat. Die Plattform ahmt ein soziales Netzwerk nach, aber auf lokaler Ebene: Man lädt Fotos von Dingen hoch, die stören im Quartier, und sucht Freunde und auch Geschäfte, die diese Idee unterstützen. Vielleicht findet man so noch andere Gleichgesinnte, die sich über zu viel Hundedreck in Südlondon aufregen. Die Zauberverben in der Rede über den neuen Bürgersinn heissen «to share» und «to collaborate», teilen und zusammenarbeiten also.

Im Bürgersinn steckt auch viel Neue Bürgerlichkeit. Doch Projekte wie die Onlineplattform Changify wachsen, die Themen haben Zeit, an Relevanz zuzulegen. Zudem steht Changify für eine Tendenz, welche die TEDx Berlin deutlich machte: Die grandiosen Ideen treten in den Hintergrund, vieles beginnt im Kleinen. Selbst beim Klima spricht man lieber vom Mikroklima. Fast beruhigend wirkte an den zwei Tagen in der retrofuturistischen Architektur der Messe Berlin, dass die Zukunft noch nicht überall gleich aussieht. Der Däne Jens-Martin Skribstedt warb für Velodesigns, die zu Unterscheidungskompetenz und Fetischcharakter wie bei den Autos führen sollen. Fabian Hemmert meinte dagegen, wir müssten zur Technologie wieder ein funktionales Verhältnis aufbauen und kein identifikatorisches.

Und die Kultur? Michael Schindhelm, einst Direktor des Theaters Basel, berichtete von einem neuen Stadtteil in Hongkong und davon, wie man die Kunst erst jetzt entdecke. Ohne Kunst kein Standortfaktor. Wie die Kultur aus dieser eher dekorativen Ecke herausfindet, sah man beim Comedian Reggie Watts: Unmerklich gelang es ihm, einige Marotten solcher Konferenzen zu parodieren. Man darf die Figur des Narren nicht unterschätzen.

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