«Die Zeit der Beliebigkeit ist vorbei»

Die Soziologin Cornelia Koppetsch sagt, der Rechtspopulismus bekämpfe eine Globalisierung, die viele Grenzen aufgelöst habe. Die Kosmopoliten verteidigten derweil ihre Privilegien.

Spezialistin für Populismus: Die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch. Foto: Jan-Christoph Hartung

Spezialistin für Populismus: Die deutsche Soziologin Cornelia Koppetsch. Foto: Jan-Christoph Hartung

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Wir leben in einer «Gesellschaft des Zorns», sagen Sie. Wogegen richtet sich der Zorn der Rechtspopulisten?
Globalisierung gab es zwar schon früher, aber mit dem Mauerfall 1989 ging in Europa die Epoche der alten Industriemoderne endgültig in die der globalen Moderne über. Das hat die Gesellschaften vollkommen verändert. Rechtsparteien, die gegen die Globalisierung revoltieren, kamen überall in Europa auf und bilden seither die zentrale Konfliktlinie.

Was macht die Rechten zornig?
Vor allem drei Dinge: Die Erfahrung, persönlich deklassiert zu werden, Systemkrisen wie die Finanz- oder Flüchtlingskrise, schliesslich die Erfahrung, sich von der herrschenden Kultur zu entfremden, das Gefühl, nicht mehr «mitgemeint» zu sein, nicht mehr drin vorzukommen.

Welche Kultur meinen Sie?
Die kosmopolitische Kultur des Establishments in Politik, Medien, Wirtschaft, Kunst. Sie unterscheidet sich stark von der Kultur der früheren Mittelschicht, der sich als stilbildendes Grossmilieu noch die meisten Menschen zugehörig fühlen konnten. Heute ist die Gesellschaft gespalten. Und die Kosmopoliten merken oftmals nicht, dass sie den Ton angeben und andere damit an den Rand drängen.

«Heute ist die Gesellschaft gespalten. Und die Kosmopoliten merken oft nicht, dass sie den Ton angeben.»Cornelia Koppetsch

Das löst Zorn aus?
Ja. Wenn Gruppen, die sich zurückgesetzt fühlen, zur Überzeugung gelangen, dass ihre Deklassierung die Folge eines ungerechten Systems ist, lehnen sie sich gegen dieses auf.

Sie sprechen von zwei weiteren Affekten, die eine Rolle spielen: Angst und Ressentiment.
Die rechten Ängste vor Verlust von Heimat oder «Abendland» werden oft als irrational dargestellt, ja als «Hirngespinste». Das sehe ich anders. Sie sind ein Ausdruck dafür, dass sich diese Menschen in ihrer Existenz oder Identität tatsächlich gefährdet fühlen. Ängste allein genügen freilich nicht, um den Aufstieg der Rechtspopulisten zu erklären. Angst macht starr, aber mobilisiert nicht.

«Ängste allein genügen nicht, um den Aufstieg der Rechtspopulisten zu erklären.»Cornelia Koppetsch

Dazu dient das Ressentiment?
Ja. Im Neoliberalismus werden Niederlagen gerne mit individuellem Scheitern erklärt, typischerweise lösen sie Scham oder Neid aus. Wenn die quälenden Gefühle aber andauern, neigen die Menschen irgendwann dazu, sich nicht mehr selber die Schuld zu geben, sondern anderen: Sie entwickeln Ressentiments auf die Gewinner oder das System. Wer sich betrogen fühlt, setzt voraus, dass es da jemanden gibt, der einen betrügt. Dieses Gefühl lässt sich politisch besser mobilisieren und auf Ziele richten.

Was sind typische Ressentiments von AfD-Wählern?
In Ostdeutschland zum Beispiel das Gefühl, dass die Migranten den eigenen Leuten vorgezogen werden. «Sorgt doch erst mal dafür, dass es uns gut geht!» Im Westen höre ich von Männern manchmal den Vorwurf, dass Frauen bevorzugt würden, etwa im Streit um das Sorgerecht für Kinder.

Dabei geniessen selbst die ärmeren Ostdeutschen heute einen viel höheren Wohlstand als in der DDR.
Ja, die Kränkung ist oft anderer Art: Mit der DDR ist ein ganzes Land, eine ganze Kultur und ein Teil der eigenen Biografie einfach verschwunden, ohne dass das im Westen irgendjemanden gekümmert hätte. Dafür erklären einem die Wessis, was die DDR war. Der Vorwurf der «Lügenpresse» entstand aus der Empfindung, sich fremd im eigenen Land zu fühlen. Diese Menschen sehen keine Möglichkeit mehr, ihre Deutung noch irgendwo unterzubringen.

«Der Vorwurf der ‹Lügenpresse› entstand aus der Empfindung, sich fremd im eigenen Land zu fühlen.»Cornelia Koppetsch

Sie nennen den Aufstand der Rechtspopulisten eine «Konterrevolution»: Welche Revolution soll denn rückgängig gemacht werden?

Die linksliberale Kulturrevolution, die es seit 1968 geschafft hat, ihre Lebensstile und Werte durchzusetzen: Multikulturalität, Gleichheit der Geschlechter, Minderheitenrechte. Rechtspopulisten erleben diese Liberalisierung zunehmend als grenzen- und haltlos – und als zerstörerisch für die eigene Identität. Dass man Migranten gut findet, das verstehen viele Milieus in Ostdeutschland oder in Osteuropa gar nicht. Für Kosmopoliten ist es eine Frage der Vielfalt, für ihre Gegner eine Bedrohung ihrer nationalen Identität.

Trägt die Konterrevolution Züge eines 1968 von rechts?
Eindeutig. Wie damals geht es heute um Auflehnung gegen eine herrschende Kultur, die man als heuchlerisch und bevormundend empfindet. Wie heute kam es damals am Rande des Aufstands zu Gewalt gegen Repräsentanten des Systems. Damals ging es um eine Kultur der Öffnung, heute geht es um Schliessung: um Begrenzung, Schutz, Bewahrung.

Sie sagen, der Rechtspopulismus sei eine Reaktion auf den «unbewältigten Epochenbruch» der Globalisierung. Womit brach diese?
Mit der Globalisierung begann sich das weltweite Kapital in einer Weise grenzenlos zu bewegen, die nationale Regierungen stark unter Druck setzte. Globale Konzerne konnten Ländern auf einmal Bedingungen setzen, etwa, was die Steuersätze anging. Zunehmend war es ein wild gewordenes Kapital, das die politischen Regeln schrieb. Gleichzeitig begannen supranationale Instanzen die Souveränität der Nationalstaaten in politischer Hinsicht einzuschränken, sei es in Form von Staatenbünden wie der EU, Organen wie Weltbank oder Uno oder Nichtregierungsorganisationen. Transnationale Konzerne und supranationale Regierungen bestimmen heute immer mehr, wie unser Leben aussieht – während die nationalen Volksparteien immer noch dasitzen und so tun, wie wenn sie die Strippen ziehen würden. Längst haben sich auch trans-nationale Klassen gebildet: Die Kosmopoliten können überall auf der Welt leben, die meisten anderen Klassen nicht – ein entscheidender Unterschied, was Abhängigkeit und Solidarität angeht.

Inwiefern ist der Bruch unbewältigt?
Wäre es anders, gäbe es nicht so viel Zorn. Dabei erklärt uns das Establishment ohne Unterlass, es gehe Deutschland besser denn je.

Spricht man mit Rechtspopulisten, fällt auf, dass sie meist nicht bloss anderer Meinung sind, sondern in einer anderen Welt leben. Wie kam es zu solch unversöhnlichen Parallelwelten?
Es ist ein Effekt der neuen Klassengesellschaft: Man bewegt sich zunehmend in den eigenen Kreisen. Und die sind geschlossen – trotz Internet, Medien, Öffentlichkeit. Die Klassen bestimmen den Habitus, also die Art, wie man die Welt anschaut, mehr als alles andere. Ich weiss es aus meinem eigenen Milieu: Ich kenne eigentlich niemanden aus einem anderen. Und frage mich dann natürlich, wie andere Menschen auf die Idee kommen, Muslime seien die Ursache unserer Probleme.

Wie sind Stadt und Land, Metropole und Peripherie zu derart zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien geworden?
In einem Kapitalismus, der auf Kultur, Wissen und Innovation basiert, bilden sich Zentren heraus, in denen diese Unternehmen sitzen: Saskia Sassen nennt sie «Global Cities». Um die Unternehmen herum bildet sich ein Kranz von Kreativarbeitern, Anwälten, Beratern, die eine kosmopolitische Blase bilden. Vielfalt ist ihnen angeblich sehr wichtig, Migranten kennen sie aber nur als Putzpersonal oder Paketboten. Die alten Industriegebiete in Deutschland, das Ruhrgebiet etwa oder Teile des Ostens, wurden deindustrialisiert. Die neuen Industrien in den Zentren sind urban und beruhen wesentlich auf immateriellen Wertschöpfungen. Die ländlichen Gebiete fühlen sich von dieser Entwicklung abgehängt – und sind es auch.

War der Graben zwischen Stadt und Land je grösser?
Das kann ich nicht sagen. Aber alle Demografen sagen voraus, dass der Sog in die Städte bis 2050 weiter zunimmt.

Eine Ihrer Spezialitäten ist es, «Lebenslügen» aufzuspiessen. Welche Lügen pflegt die herrschende, zufriedene Elite?
Kosmopoliten können sich für Vielfalt, Multikulturalismus und Gleichstellung begeistern – die Klassenfrage aber blenden sie komplett aus. Sie arbeiten sogar federführend daran, deren Gegensätze zu reproduzieren oder weiter zu verschärfen. Sei es bei Schulen, Wohnen, Essen: Überall ziehen die Kosmopoliten Grenzen um ihre Lebensweise und verteidigen ihre Privilegien – freilich ohne es zuzugeben.

«Kosmopoliten können sich für Vielfalt, Multikulturalismus und Gleichstellung begeistern – die Klassenfrage aber blenden sie komplett aus. »Cornelia Koppetsch

Was sind die Lebenslügen der zornigen Deklassierten?
Sie sehen sich stets als Opfer von Verschwörungen und als Betrogene. Das engt den Blickwinkel auch ein. Vieles, was einem als Leid widerfährt, hat nun mal nicht so einen unmittelbaren Urheber wie Angela Merkel. In Ressentiments kann man sich suhlen – ohne jemals nachzudenken, was man selber an den Verhältnissen ändern könnte.

Die Konterrevolution strebt Ihrer Ansicht nach drei Rückbewegungen an: Re-Nationalisierung, Re-Vergemeinschaftung, Re-Souveränisierung. Warum suchen die Rechten beim Nationalstaat Zuflucht?
Ja, wo denn sonst? Die Nation gilt den Rechten immer noch als unhintergehbare kulturelle, sprachliche und politische Schicksals- und Solidargemeinschaft.

Sie sagen, die Rechten strebten neue Vergemeinschaftungen an – ein Plan, den man ökonomisch eher bei Sozialisten vermutet. Woran machen Sie das fest?
An Kollektivformeln wie «Wir sind das Volk», an der verbreiteten Sehnsucht nach Kollektividentitäten wie «Heimat» oder «christliches Abendland». Diese Identitäten sollen nicht nur eine normative Grundlage für Gemeinschaftsgefühle bilden, sondern auch für Grenzen und Ordnungen, die in der grenzenlosen Kultur der Kosmopoliten verloren gehen. Für den Vielflieger ist die Kultur ja eher erwerb- und austauschbare Folklore – und nicht das Ordnungsprinzip einer Gesellschaft.

Dazu passt, dass viele Rechtspopulisten im Osten das Volk unter dem Losungswort «nationaler Sozialismus» auch als soziale Solidargemeinschaft wieder stärken wollen – auf Kosten von Ausländern und Einwanderern. Zur Re-Souveränisierung: Wie glauben die Rechten denn, ihr Schicksal wieder in die eigene Hand zu bekommen?
Das ist mir auch nicht so klar. Das forcierte Ausgrenzen von Migranten stärkt jedenfalls Überlegenheitsgefühle, ebenso der Anti-Feminismus. Zu spüren, dass man Teil einer grösseren Bewegung ist, kann Leute euphorisieren.

Seit einem halben Jahr sorgt eine neue jugendliche Zornbewegung für Furore, die sich gegen die Klimaerwärmung auflehnt und die ökologische «Systemfrage» stellt. In welchem Verhältnis stehen grüner und rechter Zorn?
Im Vergleich zur Protestwut der Rechten kommen einem die «Fridays for Future»-Demos wie betreutes Demonstrieren vor: Ihre Forderungen passen jedenfalls perfekt ins kosmopolitische Weltbild. Medien und Politik klatschen Beifall. Gleichwohl stehen harte Konflikte bevor, das hat die Wutrede des Youtubers Rezo bereits gezeigt. Beide, der grüne wie der rechte Zorn, belegen meine These, dass die Bevölkerung sich neu politisiert. Ein politischeres Zeitalter bricht an. Die Zeit der postmodernen Beliebigkeit, wo alles mit allem kombinierbar schien, ist vorbei. Wir haben wieder Pole, harte Konfliktlinien.

«Im Vergleich zur Protestwut der Rechten kommen einem die ‹Fridays for Future›-Demos wie betreutes Demonstrieren vor»Cornelia Koppetsch

In Deutschland profitieren die AfD und die Grünen stark von der Polarisierung. Die alten Mitteparteien schrumpfen. Warum gibt es keinen erfolgreichen Linkspopulismus?
Es gibt ihn in Deutschland nicht, in Frankreich und im Süden Europas schon. Vielleicht haben wir in Deutschland, abgesehen von der Ex-DDR, in der unteren Mittelschicht einfach nicht so viele ökonomische Verlierer wie in Frankreich. Die Linkspartei wiederum steht zum Kosmopolitismus viel weniger konträr als die AfD. Sahra Wagenknecht hat einen Vorstoss in diese Richtung unternommen und ist gescheitert. Die Pole scheinen festgelegt.

Ist der Rechtspopulismus nicht vielerorts bereits an seine Grenzen gestossen? Könnte er wieder verschwinden?
Das glaube ich nicht. In den Ländern, die den Neoliberalismus am stärksten als Schock erlitten haben, könnte er eher noch wachsen. In Deutschland vielleicht nicht, immerhin ist es der Globalisierungsgewinner par excellence. Hier haben viel mehr Menschen profitiert als etwa in den USA, entsprechend kleiner sind die Verliererparteien. Sollte Deutschland aber in eine ökonomische Krise geraten, sieht es vielleicht ganz anders aus.

Könnten Rechtspopulisten in Deutschland je mehrheitsfähig werden – wie in den USA oder in Ungarn?
Das glaube ich nicht. Vorher geht die Welt unter!

Erstellt: 01.07.2019, 18:56 Uhr

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