Die Ultrarechte machte Pepe zum Hasssymbol

Der Zeichner Matt Furie sah seinen kiffenden Frosch Pepe als Symbol der Freude. Rechte Kreise verdrehten ihn aber in eine Figur des Hasses. Furie sah nur einen Ausweg.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange hoffte Matt Furie, er könne seinen Frosch retten. Der Comiczeichner gab sich 2016 kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen in einem Interview noch optimistisch: Sobald die Wahlen vorüber seien, ja, dann würden die Trump-Anhänger und Ultrarechten sicherlich von Pepe ablassen. Trump wurde gewählt, der Wahlkampf war vorüber, doch Pepe, der Frosch erhielt sein ursprüngliches Leben nie mehr zurück. Das ist die Geschichte einer netten Comicfigur, die als Hasssymbol missbraucht wurde.

Pepe, der anthropomorphe Frosch, kommt 2005 zur Welt; im Zeichenprogramm Microsoft Paint auf Matt Furies Computer. Die Öffentlichkeit sieht Pepe wenig später zum ersten Mal in Furies Onlinecomic «Playtime»: ein Froschkopf mit breitem Grinsen, einem menschenähnlichen Körper, in Shorts und Trägershirt.

Ein Jahr später erhält der Frosch drei Freunde und zieht in eine Wohngemeinschaft. «Boy’s Club» heisst das dazugehörige Comic, welches zunächst in einem kleinen Verlag erscheint. Darin bestreiten Pepe, der hundeähnliche Andy, der Bär Brett und das haarige Etwas Landwolf kurze, meist ereignislose Abenteuer. Die vier skurrilen WG-Bewohner verbringen ihre Zeit mit Kiffen und Pizzaessen, spielen sich gegenseitig Streiche. «Pepe ist der Typ Uni-Abgänger Mitte zwanzig», beschreibt Furie seinen Frosch einmal, «er döst gern, raucht viel Gras und spielt Videospiele.»

Pepe pinkelt stehend

Eine profane Episode übers Urinieren macht die Figur Pepe schliesslich berühmt. Andy platzt ins Badezimmer, wo Pepe gerade im Stehen pinkelt. Dabei hat der Frosch seine Shorts ganz nach unten zu den Knöcheln gezogen. Auf diese Eigenheit wird er dann von Landwolf angesprochen. Pepes einfache Antwort: «Feels good, man», es fühlt sich einfach gut an.

Pepes Gesicht mit der «Feels good»-Sprechblase wird zum Internethit und beschert der Comicfigur eine zweite Karriere. Ab 2008 wird das Bildforum «4Chan» geradezu überflutet von Pepe-Memes. Fans kreieren den traurigen Pepe, den süffisanten Pepe, Batman-Pepe, und so weiter. An obskuren Rändern des Internets handeln User gar mit seltenen Memes des Frosches.

Der Schöpfer Matt Furie freut sich zunächst über all das. Schüler feiern das Ende von Prüfungen mit Pepe («I just finished my exam!... feels good, man»). Mütter schreiben dem Zeichner Dankesbriefe, weil ihre Kinder so begeistert sind von diesem netten, verpeilten Frosch. Sängerin Katy Perry baut Pepe in einen Tweet über ihren Jetlag ein. Furies Frosch ist zum Inbegriff für die Kreativität der Remix-Kultur im Internet geworden. Und zum Symbol der Freude, des Zusammenhalts.

Doch dann geht alles schief. Immer öfter taucht Pepe auf «4Chan» nicht mehr als harmloser Kiffer-Frosch auf, sondern als Überbringer von rechtem Gedankengut. Plötzlich gibt es Pepe als Hitler, der aus einer Hakenkreuztasse trinkt; Pepe als antisemitische Karikatur, die grinsend die brennenden Türme des World Trade Center in New York betrachtet. Amerikas Ultrarechte und Rassisten haben Pepe zu eigen gemacht, haben den gutmütigen Frosch in eine Figur des Hasses verdreht.

Auch «Save Pepe» kann den Frosch nicht retten

Während des US-Wahlkampfs wird dieser Pepe aus den Tiefen des Internets an die Öffentlichkeit gespült. Nun verwenden Trump-Anhänger Pepe auf Twitter und Facebook; Donald Trump selbst twittert eine Pepe-Version seiner selbst. Wenig später wird Pepe in der US-Presse zum «rassistischen Meme» erklärt, Hillary Clinton verurteilt die Comicfigur öffentlich, linke und liberale Kreise meiden den Frosch. Pepe ist toxisch geworden. Im September 2016 nimmt die US-Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League Pepe gar in ihre Liste der Hasssymbole auf.

Lange versucht Matt Furie noch, seinen Frosch zu retten. Er startet die Onlinekampagne «Save Pepe». Im «Time Magazine» schreibt er einen Essay, der den Frosch nochmals als Symbol der Freundschaft stärken soll. «Pepe is love», lauten die Schlussworte des Artikels. Doch Furie ist die Kontrolle über Pepe für immer entglitten.

Pepe, der Frosch stirbt Anfang Mai 2017. Matt Furie hatte keine andere Wahl mehr, als seine Comicfigur zu töten. In der letzten, einseitigen Episode von «Boy’s Club» liegt Pepe im offenen Sarg. Andy, Brett und Landwolf trauern. Landwolf giesst dem Toten Schnaps über den Kopf und nimmt dann selbst einen grossen Schluck: «Auf dich, kleiner Freund.» Ein letzter Streich unter Kumpels, ein würdiger Abschied.

Erstellt: 22.05.2017, 14:23 Uhr

Artikel zum Thema

Wie der Bier-Gigant in den Polit-Hammer lief

Video Eigentlich war dieser Superbowl-Spot eine nette American-Dream-Story. Aber irgendwie kommt er jetzt zur Unzeit – zumindest für die eine Seite. Mehr...

Der Turbo-Erklärer

Video Die Video-Essays des Amerikaners Evan Puschak sind schwindelerregend dicht und witzig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...