Ein Dorf lebt auf

Der Wakkerpreis 2018 geht ausnahmsweise nicht an eine Gemeinde, sondern an die Veranstalter des Kulturfestivals Origen. Diese geben dem kleinen Bündner Dorf Riom eine neue Perspektive.

Aus dem Bündner Bauerndorf Riom wird ein Theaterdorf: Eine Probe in der «Clavadeira», einer zum Theater umgebauten Scheune.

Aus dem Bündner Bauerndorf Riom wird ein Theaterdorf: Eine Probe in der «Clavadeira», einer zum Theater umgebauten Scheune. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Noch bevor der Schweizer Heimatschutz auf Riom bei Savognin und das Festival Origen aufmerksam geworden ist, war auch die Hochschule St. Gallen schon da. Sie hat eine wirtschaftswissenschaftliche Studie durchgeführt, in der es, grob gesagt, um folgende Frage ging: Wie kann dieses Festival funktionieren, wenn hier doch alles fehlt, was es für ein funktionierendes Festival eigentlich brauchen würde?

Giovanni Netzer, der Origen 2005 gegründet hat und seither leitet, würde als Antwort wohl geben: genau deshalb. Denn das, was fehlt, lässt Raum für Ideen – wenn man welche hat und dazu das Talent, andere dafür zu begeistern. Wo es kein Theater gibt, lassen sich alternative Spielstätten entdecken. Und wenn die Touristen in Riom vor allem auf ihrer Durchfahrt ins Engadin gesichtet werden, bietet man ihnen halt etwas, das einen Stopp lohnt oder sogar eine Extrareise. Also nicht nur Kammermusik in der Kirche wie überall sonst, auch keine Opernaufführungen in glamourösen Hotels, die es in Riom ebenfalls nicht gibt. Sondern Musiktheaterprojekte, die sich jeder Schubladisierung entziehen; grosse, biblische Themen. Schliesslich hat Netzer in München nicht nur Theaterwissenschaften, sondern auch Theologie studiert. Und vor allem: ein Programm, das den Ort, die Natur, die Menschen der Region einbezieht.

Man könnte nun vom hölzernen Theaterturm erzählen, der seit dem vergangenen Sommer auf dem Julierpass steht und dem Festival internationale Schlagzeilen besorgt hat. Oder von jenem schwarzen Theaterbunker, den Netzer 2013 auf den Marmorera-Staudamm stellen liess: Der Wind fegte durch den Bau, während die Tänzer auf der Bühne eine überaus eigenwillige Version der Arche-Noah-Geschichte darstellten. Und der Blick ging durch die Luken hinaus auf den Stausee, in dem einst das Dorf Marmorera versunken war – einen passenderen Ort hätte man sich schwerlich vorstellen können für ein Stück über die Sintflut.

Aber das wirklich Besondere, das, was der hinter dem Festival stehenden Nova Fundaziun Origen nun den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes einträgt: Das findet sich unten im Tal, in Riom, und ist nur auf den ersten Blick unspektakulär.

Theater in der Scheune

Schlendert man durch Riom, sieht man wie in vielen Bündner Dörfern schöne historische Häuser und ein paar moderne, bewohnte und leer stehende. Dass die Abwanderung hier ein grosses Thema ist, wird rasch klar. Das alte Schulhaus am Dorfplatz, das lange als Gemeindekanzlei gedient hat, ist geschlossen, seit Riom in der Grossgemeinde Surses aufgegangen ist. Und auch das neue Schulhaus ist nicht mehr in Betrieb, die Kinder fahren nach Savognin zum Unterricht.

Aber die stillgelegte Scheune: Die hat sich in ein stimmungsvolles Wintertheater verwandelt. Das stattliche Haus daneben dient als Festivalsitz. Und in der Burg hat man einen Konzertsaal eingerichtet, in dem mühelos die gesamte Bevölkerung von Riom Platz hätte. Nach wirtschaftswissenschaftlichen Kriterien müsste man sagen: Irrsinn. Aber der Saal füllt sich regelmässig.

Auch im übrigen Dorf stösst man fast bei jedem Schritt auf Spuren des Festivals. Der Volg-Laden etwa ist nicht zuletzt deshalb offen, weil neben den 160 Einwohnern von Riom auch die 22 fest angestellten Festivalmitarbeiter und die bis zu 50 Künstler hier einkaufen, die während der Probeund Aufführungswochen hier leben. Die beiden Restaurants leben ebenfalls wesentlich vom Festival. Und dann sind da die Handwerksbetriebe und Baufirmen, an die Origen allein 2017 Aufträge für 3 Millionen Franken vergeben hat.

Und es soll weitergehen: Giovanni Netzer hat die gestrige Medienorientierung zum Wakkerpreis gleich genutzt, um sein neuestes Projekt vorzustellen. 7,6 Millionen Franken soll es kosten, der Kanton hat eine Million zugesagt, wenn Origen den Rest auftreiben kann. Und es zeigt unter dem Titel «Malancuneia» (Heimweh) einmal mehr, wie umfassend Origen sich mittlerweile engagiert. Vier leer stehende Häuser sollen sanft renoviert und neu genutzt werden: Ein prächtiges Patrizierhaus am Dorfplatz soll Wohnraum bieten für Gäste und Künstler. Das alte Schulhaus gleich daneben ist als Besucherzentrum vorgesehen. In einer nicht mehr gebrauchten Scheune will man Werkstätten für Kostüme und Kulissen einrichten. Und im neuen Schulhaus sollen künftig Meisterkurse abgehalten werden.

Künstler aus 40 Nationen

Leute, die solche Kurse geben können, gibt es ja genügend hier. Es sind Tänzerinnen, Schauspieler, Choreografen aus aller Welt, rund 40 Nationen waren schon vertreten in den Origen-Programmen. Superstars sind keine darunter, die überlässt man den Festivals in Verbier oder Luzern; in Riom sind Künstler gefragt, die sich gerne auf Experimente einlassen – und nicht auf Luxusgarderoben bestehen.

Viele von ihnen sind in den letzten Jahren Stammgäste geworden. Auch im Publikum finden sich zahlreiche Habitués, die teilweise von weit her anreisen. Und sie alle sorgen dafür, dass das einstige Bauerndorf Riom sich allmählich zum Theaterdorf entwickelt, zu einem Ort, in dem es nicht nur Aufführungen gibt, sondern auch Arbeitsplätze, Pläne, Wachstumsmöglichkeiten.

Origen habe Riom eine neue Perspektive gegeben, rühmt denn auch Adrian Schmid, der Geschäftsleiter des Schweizer Heimatschutzes; das Festival nutze das Bergdorf im Oberhalbstein nicht nur als Kulisse, sondern aktiviere die Ressourcen vor Ort. Dass auch die Kulisse ihren Wakkerpreis-würdigen Reiz hat: Das darf man allerdings durchaus auch feststellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 09:28 Uhr

Wakkerpreis

Für die Pflege des Ortsbilds

Seit 1972 vergibt der Schweizer Heimatschutz jährlich den Wakkerpreis an Gemeinden, die sich bei der Pflege und Entwicklung ihres Ortsbildes hervorgetan haben. Gewürdigt wird nicht nur der verantwortungsvolle Umgang mit historischer Bausubstanz, sondern auch die gestalterische Qualität von Neubauten oder eine umweltbewusste Ortsplanung. Dotiert ist der Preis mit 20'000 Franken; wichtiger als das Preisgeld ist die symbolische Bedeutung. Im Kulturerbejahr 2018 wird nun mit der Nova Fundaziun Origen für einmal keine Gemeinde, sondern eine Organisation ausgezeichnet.

«Wir können nun längerfristig planen»

Giovanni Netzer hat Origen 2005 gegründet. Die Pläne und Ideen gehen dem 50-Jährigen nicht aus.

Was bedeutet der Wakkerpreis für Origen?
Für uns ist er vor allem eine ganz grosse Ermutigung, weiterzumachen.

Sie wollen also nicht mehr aufhören? Damit hatten Sie gedroht, falls die Rahmenbedingungen nicht sicherer würden.
Seither ist vieles passiert in Graubünden. Es gibt ein neues Kulturförderungsgesetz, wir konnten Leistungsvereinbarungen mit dem Kanton abschliessen. Und wir wurden als systemrelevante Institution eingestuft, was uns ja schon ein bisschen zum Schmunzeln gebracht hat, aber enorm wertvoll ist. Wir können nun längerfristig planen.

Derzeit planen Sie nicht nur Kunst, sondern auch Renovationen.
Da sind diese vier Häuser, die leer stehen und depressiv machen. Und bei uns ist Bedarf da. Statt dass wir neu bauen, schauen wir, was das Dorf bietet.

Das Projekt heisst «Malancuneia», also «Heimweh». Warum?
Heimweh ist eine ökonomisch sehr wirksame Erfindung. Vor 150 Jahren haben Rückkehrer den Tourismus in Graubünden angekurbelt. Es waren ja nicht die Bauern, die das Palace Hotel in St. Moritz bauten; das waren Leute, die ihre Erfahrungen in der Welt gemacht hatten und diese in die Berge zurückbrachten. Und Riom wurde nach dem grossen Dorfbrand 1864 unter anderem dank Lurintg Carisch wieder aufgebaut, der als junger Mann nach Paris ausgewandert und dort reich geworden war.

Auch Sie sind ein Rückkehrer. Hatten Sie mit Origen schon immer mehr im Sinn als nur ein Festival?
Wer in München studiert, denkt bei einem Festival erst einmal an Veranstaltungen, und zunächst ging es auch bei Origen vor allem darum. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass sich das Festival nur entwickeln kann, wenn sich der Ort entwickelt. In Riom fehlen all die Infrastrukturen, die in einer Stadt selbstverständlich vorhanden sind – Wohnungen für die Künstler etwa oder Restaurants. Und man kann sie nur schaffen, wenn man die Bevölkerung involviert.

Und die Bevölkerung findet das gut?
Wir hatten einmal eine Veranstaltung mit dem Architekten Gion A. Caminada. Er hat die Leute gefragt, ob sie einverstanden seien mit dem Festival, ob sie nicht lieber ihre Ruhe hätten. «Wenn wir noch mehr Ruhe haben wollten, könnten wir ja gleich auf den Friedhof zügeln», hat eine alte Frau geantwortet.

Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass ein Dorf mit 160 Einwohnern 40, 50 Künstler aus aller Welt freundlich aufnimmt.
Die Leute hier sind offen. Viele erinnern sich sehr genau daran, was wir wann gespielt haben. Die Dame im Volg weiss, dass sie im Sommer mehr Gemüse bestellen muss, wegen der Tänzer. Und es gibt Leute, die sich aufgrund der Biografien im Programmheft überlegen, in welcher Sprache sie die Künstler ansprechen sollen. Im kommenden Sommer haben wir russische und finnische Tänzer hier – da bin ich gespannt, wie die Kommunikation läuft.

Was ist das Ziel des Ganzen?
Dass das alles irgendwann selbstverständlich wird. Dass die Kultur für die Region jene Triebkraft erhält, die die Landwirtschaft einst hatte. Dann haben das Festival und Riom langfristig gute Überlebenschancen.

Geboren 1967 in Savognin, hat Netzer in München Theologie und Theaterwissenschaft studiert. Seine Theaterarbeit wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Reinhart-Ring.

(Bild: Keystone Gian Ehrenzeller)

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