Ein Klassenkampf für alle

Seun Kuti spricht über Stolz, Heimat und warum «Black Panther» eine Hollywood-Träumerei ist, die in Afrika selbst kein Mensch braucht.

Seun Kuti, der nigerianische Musiker und jüngste Sohn des legendären Afrobeat-Pionier Fela Kuti, während seines Auftritts am Paléo Festival in Nyon am 24. Juli 2008.

Seun Kuti, der nigerianische Musiker und jüngste Sohn des legendären Afrobeat-Pionier Fela Kuti, während seines Auftritts am Paléo Festival in Nyon am 24. Juli 2008. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Seit drei Generationen fordert die Familie Kuti die Machtstrukturen in Nigeria und überall in Afrika heraus. Funmilayo Ransome-Kuti kämpfte für Frauenrechte und gegen den Kolonialismus. Ihr Sohn Fela Kuti mischte Anfang der Siebzigerjahre Highlife, Funk und politische Texte zum neuen musikalischen Genre Afrobeat und wurde für seine Kritik an Nigerias Militärdiktatoren zusammengeschlagen und eingesperrt. Nach Felas Tod im Jahre 1997 setzten seine beiden Söhne Femi und Seun dessen musikalische Mission fort. Seun übernahm mit 14 Jahren Felas Band Egypt 80. Auf seinem neuen Album «Black Times» (Strut) zielt er auf die Rekolonisierung Afrikas durch Diktatoren und mit ihnen verbündete transnationale Konzerne.

Der Blockbuster «Black Panther» feiert mit einer schwarzen Besetzung Afrika als reichen Zukunftskontinent. Hat Ihnen dieser Film nach Donald Trumps «Shithole»-Vergleich nicht aus der Seele gesprochen?
Seun Kuti: Ich habe die begeisterten Reaktionen vieler afrikanischer und afroamerikanischer Kritiker mit Erstaunen registriert. Da geht es um ein imaginäres Königreich Wakanda, eine Art Himmel, um uns Schwarze ruhigzustellen. Aber kann uns Science-Fiction erlösen?

Hat nicht Ihr Vater Fela Kuti mit politischem Pop und dem Leben in seiner Kalakuta-Kommune eine Utopie für ein besseres Afrika entworfen?
Mein Vater war kein Afro-Utopist, sondern ein Afro-Realist. Er hat die Lebenswirklichkeit in Nigeria gesehen und besungen. Genauso wenig halte ich von einer fiktiven Repräsentation schwarzer Menschen. Dazu ist die Lage viel zu ernst. Afrika muss lernen, nach innen zu schauen.

Zumindest korrigieren Utopien wie «Black Panther» doch viele Negativ-Klischees und lassen Afrikaner wieder stolz und menschlich aussehen. Was ist daran falsch?
Entschuldigung, aber kein Afrikaner braucht einen Film von Walt Disney oder Hollywood, um Stolz für sein Mutterland zu empfinden. Wenn ich durch eine afrikanische Grossstadt spaziere und sehe, wie Analphabeten am Strassenrand Mofas, Computer und die neuesten iPhones reparieren – das macht mich stolz. Das ist der wahre Superhelden-Scheiss. Unser Vibranium heisst Erfindergeist.

«Kein Afrikaner braucht einen Film von Walt Disney oder Hollywood, um Stolz für sein Mutterland zu empfinden.»Seun Kuti

Sehen Sie denn keine Parallelen zwischen Wakanda mit dem Wundermetall Vibranium und Ihrer Heimat Nigeria mit all dem Reichtum an Bodenschätzen und kulturellen Fertigkeiten?
Wakanda ist ein schlechtes Vorbild: Ein Land, das seinen Reichtum geheim hält und nicht mit anderen schwarzen Nationen teilen will. Wo bleibt da der panafrikanische Gedanke, die internationale Solidarität? Alles wirkt wie eine Kopie des kapitalistischen Amerika. Und Killmonger, der einzige echte Revolutionär, wird als Bösewicht dargestellt. Das Spiel kennen wir doch: Die Weissen gestehen uns einen fiktiven Raum zu, wo wir bitte sehr schwarz sein dürfen. Sie feiern uns sogar – solange wir nicht den weissen Kapitalismus und dessen Ausbeutung unserer Bodenschätze infrage stellen.

Wie einst Ihr Vater kritisieren Sie auf Ihrem neuen Album «Black Time» die Korruption und Willkür der herrschenden Klasse. Hat sich seitdem nichts geändert?
Für die Menschen hat sich nicht viel geändert. Sie haben noch weniger Mitsprache als früher. Und sie arbeiten – entgegen dem westlichen Klischee vom faulen Afrikaner – äusserst hart für Pfennigbeträge. Am schlimmsten ist, dass die Medien allein in der Hand der Reichen sind: Sie manipulieren die Menschen, sodass etwa die Nigerianer den Ex-General Buhari, gegen den schon mein Vater kämpfte, zum Präsidenten gewählt haben.

Sie halten mit Songs dagegen, die an das Erbe von panafrikanischen Revolutionären wie Thomas Sankara, Kwame Nkrumah oder Patrice Lumumba erinnern. Liegt die Rettung in der Vergangenheit?
Es wachsen kaum neue Rebellen vom Schlag Fela Kutis oder Thomas Sankaras heran, weil die Herrschenden die Menschen indoktrinieren, dass deren Ideen gescheitert seien. Kinder lernen in den Schulen nichts über sie. Ihre Leistungen werden einfach totgeschwiegen. Viele der heutigen afrikanischen Diktatoren kommen aus dem von ehemaligen Kolonialmächten aufgebauten Militär. Kein Wunder, dass sie alle revolutionären Bewegungen niederschlagen.

Kann man bei so viel Sozialrealismus überhaupt optimistisch bleiben?
Sie hören nur die Hälfte meiner Musik. Da ist so viel Hoffnung, Stolz und Schönheit in unserer Realität. Wir haben so viel Kraft. Ich möchte jeden Tag Afrikaner sein. Allerdings müssen wir kämpfen, uns unsere Plätze an einem von Weissen besetzten Tisch zu sichern ...

... und akzeptieren, dass die eigenen Freiheitskämpfer wie etwa Robert Mugabe die Tyrannen von morgen sind?
Natürlich, Mugabe ist korrupt, er sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Aber stellen Sie mal seine Verbrechen in die richtige Relation. Die Amerikaner feiern den Christopher-Kolumbus-Tag, und König Leopold wird in Belgien noch immer verehrt, obwohl beide gewaltige Völkermorde zu verantworten haben.

«Im Gegensatz zu ‹Black Lives Matter› sage ich: Unsere Menschlichkeit ist unser Recht – wir brauchen niemanden, der sie uns bestätigt.»Seun Kuti

Schwimmen Sie mit Ihrer Musik nicht gegen den Strom? Wenn man sich nigerianische Popkultur anschaut, dann scheint sie 20 Jahre nach Fela Kuti von blankem Materialismus geprägt.
Ein grosser Teil der Bevölkerung ist tatsächlich gehirngewaschen. Das fängt mit den vielen Kirchen an, denen die Leute ihr Geld vermachen, damit sie in den Himmel kommen. Aus demselben Grund schwärmen die Menschen von «Wakanda». Oder sie schauen diese nigerianischen Popvideos, in denen der Hauptdarsteller immer dieselbe Geschichte erzählt: Ich habe es aus dem Slum in die Villa geschafft – schaut euch meine Goldketten und Lamborghinis an, ich kann jetzt sogar eure Freundinnen ins Bett bekommen. Im Umkehrschluss heisst das: Wenn du arm bist, bist du nichts wert.

In Amerika haben Grassroots-Bewegungen wie Black Lives Matter ein neues Bewusstsein in die Politik und den öffentlichen Diskurs gebracht. Ein Vorbild für Afrika?
Ich sympathisiere zwar mit der «Black Lives Matter»-Bewegung, aber ihre Botschaft missfällt mir: Liebe Weisse, bitte erkennt doch unsere schwarze Humanität an. Ich dagegen sage: Unsere Menschlichkeit ist unser Recht – wir brauchen niemanden, der sie uns bestätigt. Deshalb habe ich eine Bewegung namens «Nigeresistance Movement» gegründet, eine von vielen Initiativen in Lagos, um junge Menschen zu repolitisieren. Die Geschichte lehrt allerdings, uns vorzusehen. Der Westen und seine transnationalen Konzerne standen stets auf der Seite der korrupten Machthaber. Sie halfen dabei, panafrikanische Idealisten wie Lumumba, Touré oder Sankara blutig zu beseitigen.

Dennoch glauben Sie weiterhin an deren Ideale?
Ja, letztendlich geht es um einen Klassenkampf. Wir sollten uns nicht von den Mächtigen in Ethnien, Religionen, Migranten und Nicht-Migranten spalten lassen. Deswegen wird Afrobeat nie aus der Mode kommen: Er spricht zu Deutschen, Amerikanern wie zu Nigerianern gleichermassen – als Stimme der Armen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.03.2018, 11:49 Uhr

Seun Kuti

Oluseun «Seun» Anikulapo Kuti (35) ist Saxofonist, Sänger und vor allem Sohn der nigerianischen Afrobeat-Legende Fela Kuti. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Band und seine politische Botschaft. Bild: Facebook/Seun Anikulapo Kuti

Seun Kuti & Egypt.80 Live

Seun Kuti und Egypt.80 spielen «Black Times» und «Bad Man Lighter» vom neuen Album, das letzten Freitag erschienen ist. Der Auftritt wurde beim Radiosender KEXP in Seattle aufgenommen. Video: Youtube/KEXP

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