Ein Volk, eine Wurst

Nicht überall sind die Wörter des Jahres 2016 gleich deprimierend.

Ein Medienbericht über die australische «democracy sausage». Quelle: Youtube


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2016 ist ein finsteres Jahr, und das prägt unser Sprechen darüber: Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat «postfaktisch» zum Wort des Jahres erkoren, bei den britischen Oxford Dictionaries gewinnt «Post-Truth» – 2016 ist das Jahr, in dem wir uns definitiv von den Tatsachen verabschiedet haben.

In der Schweiz ist derweil das Wort «Filterblase» ausgezeichnet worden, was auch nichts Schönes ist, weil es die Entfremdung von andersdenkenden Mitbürgern beschreibt. Und in den USA schliesslich sagen die Herausgeber des populären Wörterbuches Merriam-Webster, «Faschismus» (Fascism) sei bis jetzt der am meisten nachgeschlagene Begriff des Jahres. Offenbar suchen die Amerikaner in der Geschichte nach Antworten auf die aktuellen politischen Herausforderungen.

Heisse Demokratiewurst vom Grill

Da freut doch der Blick nach Australien, wo eben «democracy sausage» zum Doppelwort des Jahres ausgerufen wurde – die Demokratiewurst! Sie wird auf dem fünften Kontinent jeweils vor Wahllokalen auf dem Grill gebraten, um die geplagten Bürgerinnen und Bürger für das Erfüllen ihrer Stimmpflicht zu belohnen. Australien ist eine der ganz wenigen Demokratien weltweit, in der die Teilnahme an Wahlen obligatorisch ist und Abwesende gebüsst werden (Ersttäter mit 20 australischen Dollar). Das beschert dem Land regelmässig Wahlbeteiligungen, wie man sie bei uns nur im ebenfalls unter Wahlzwang stehenden Kanton Schaffhausen kennt. Bei den diesjährigen Parlamentswahlen haben im Juli 90,98 Prozent der wahlberechtigten Australier ihre Stimme abgegeben.

Gefahr der Wählerbewurstung

Da die Wahlen überdies nicht wie in den USA aus überholten landwirtschaftlichen Gründen an einem Dienstag, sondern am freien Samstag stattfinden, wird die Stimmabgabe in Australien zu einem echten Familienanlass. Da darf die Wurst, im australischen Englisch: «snag», nicht fehlen. Barbecue ist eine Nationaltugend. Und weil die Wahllokale wie bei uns oft in Schulen oder Gemeindezentren sind, nutzen die örtlichen gemeinnützigen Gruppen die Gelegenheit und stellen einen Fundraising-Grill auf, betreiben Wurstverkauf für ihre Sache – die Benefizbraterei ist auch als «Sausage Sizzle» bekannt.

Die Grilltradition zum Wahltag besteht schon seit einigen Jahren, doch offenbar liess der langwierige Wahlkampf von 2016 besonders viele Bürger auf die erlösende Wurst hoffen, sodass sich ein veritabler Kult entwickelte und nun «democracy sausage» prämiert wird. Serviert wird die Wurst übrigens in einer gefalteten Scheibe Weissbrot und garniert mit üppig Ketchup oder Tomatensauce, manchmal auch mit Zwiebeln. Vegetarische und vegane Optionen sind selbstverständlich im Kommen, ebenso nach einzelnen Politikern benannte süsse Backwaren. Manche Anbieter verteilen die Wahlwurst sogar gratis, aber wenn Politiker dies tun, droht ihnen ein Strafverfahren wegen Stimmenkaufs und Wählerbewurstung. Das ist alles schon vorgekommen.

Volksnah, griffig, sättigend

Wie aber muss die Auszeichnung der Demokratiewurst, verfügt von den Lexikografen der Australian National University in Canberra, gedeutet werden? Eher drohend: Bewährt euch, Politiker, sonst werdet ihr verwurstet? Eher feist und weltabgewandt: Mag meine Regierung Bootsflüchtlinge in Lager internieren, Hauptsache, ich bekomme meine Wurst? Oder eher fatalistisch: Gesetze sind wie Würste, niemand will sehen, wie sie gemacht werden? Wir wissen es nicht.

Doch wir finden: Demokratiewurst ist eine gute Wahl. Volksnah, griffig, sättigend. Ganz sicher besser als «Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung», was im leidgeprüften Österreich zum Wort (nicht Unwort!) des Jahres erklärt wurde. Die Demokratiewurst weckt Hoffnung, und sei es nur auf die nächsten Wahlen. Alles hat ein Ende, selbst das finstere Jahr 2016.

Erstellt: 14.12.2016, 18:45 Uhr

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