Eine Ente geht viral

Das Eawag veröffentlicht ein Video einer aufgeschlitzten Badeente und das Internet dreht durch.

Das Video der Eawag zur wissenschaftlichen Studie über das Innenleben von Badeenten. Quelle: Youtube


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Drei wissenschaftliche Mitarbeitende waren nötig, um die Medienanfragen aus aller Welt zu beantworten. Alleine wäre der Kommunikationsverantwortliche der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) Andri Bryner wohl nie fertig geworden. Dass die Geschichte mit der keimversetzten Badeente so einschlagen würde, hätte Bryner nicht gedacht.

Am 27. März dieses Jahres veröffentlichten Forschende der Eawag, der ETH Zürich und der Illinois-University eine Studie über die «dunkle Seite» von Plastikspielsachen für die Badewanne. Einer der Untersuchungsgegenstände der Studie: eine Badeente. Was die Forschenden im Inneren des Quietscheentleins entdeckten, ging um die Welt. Im Bauch des Spielzeugs fanden sie krankheitserregende Bakterien.

Das Bild der aufgeschnittenen Badeente mit braunem Keimfilm im Inneren zierte Zeitungen und Onlineportale rund um den Globus: «New York Times», «Forbes», «The Guardian», BBC, ZDF, um nur einige aufzuzählen, die darüber berichteten. Allein auf dem Facebook-Link des «Time Magazine» wurde das Video zur Studie 9,8 Millionen Mal angesehen und über 100’000 Mal geteilt.

«Mehr Echo kann man sich gar nicht wünschen»

Bereits bevor die Presseoffensive mit gut aufbereitetem Bild- und Videomaterial in Sachen Badeente erfolgte, meinte Andri Bryner zu spüren, dass das was Grösseres werden könnte. Er habe sich deshalb bereits im Vorfeld mit den beteiligten Forschenden zusammengesetzt. «Ich habe sie vorgewarnt, dass sie am Tag nach der Publikation wohl nicht ihrer normalen Arbeit nachgehen werden können, sondern Medienanfragen beantworten würden.» Doch was folgte, übertraf die Erwartungen bei weitem.

Bereits 9,8 Millionen Mal angesehen: Das Eawag-Video auf der Facebook-Seite des «Time Magazine». Bild: Facebook

Gratis Werbung in Millionenhöhe

Während Tagen waren er und das Forschungsteam damit beschäftigt, Journalisten aus aller Welt Interviews zu geben, von der BBC bis hin zu Lokalradios aus Neuseeland. Auf sagenhaften 250 TV-Stationen wurde über die Ente berichtet. «Umgerechnet ergäbe das einen Werbegegenwert von mindestens 1,5 Millionen Franken, und das ist ohne Printmedien gerechnet», sagt Bryner. «Das ist unglaublich.»

Doch wieso hat die Geschichte so gut funktioniert? Das habe unterschiedliche Gründe, meint Bryner. Die Ente sei für Medienschaffende einfach und schnell umsetzbar gewesen. Jeder kenne die Ente. Das biete viele Einstiegspunkte ins Thema, von Loriot bis Sesamstrasse. Gesundheitsthemen ziehen zudem gut, da sie die Leute persönlich betroffen machen. Über den Anruf besorgter Eltern, die meinten die Pickel ihres Kindes könnten auch von einer verunreinigten Badeente stammen, kann Bryner schmunzeln.

Im Falle der Plastikente hätten offenbar bereits viele bemerkt, dass was Dunkles durch die Plastikbauchwand schimmert oder braunes Wasser aus dem Inneren spritzt. Geforscht hätte dazu aber noch niemand. «Wir haben mit unserer Forschung also eine Lücke geschlossen.»

Was von der Ente bleibt

Die Frage ist, was diese Aufmerksamkeitswelle der Eawag bringt. «Wir verkaufen keine Produkte. Wir können also den Erfolg auch nicht an gesteigerten Verkaufszahlen messen.» Doch Bryner ist überzeugt, dass der Name der Eawag den Leuten durch den Medienhype positiv im Gedächtnis bleibt, als Institution die gute Arbeit in der Trinkwasserforschung leistet, ohne zu sehr den Zeigefinger zu heben. Auch für die weitere Laufbahn der beteiligten Forschenden kann solch ein Medienecho später ein Türöffner sein.

«Obwohl bei vielen Artikeln ein Augenzwinkern mitschwingt und gerne das Foto der aufgeschnittenen Ente gezeigt wurde, haben die Journalistinnen und Journalisten viel seriöse Arbeit zum Thema geleistet. Es ging nicht nur um Spass und Gefahr», lobt Bryner.

Gratwanderung der Forschenden

Die Hauptbotschaft sei klar rübergekommen: Schaut euch Kunststoffmaterialien im Kontakt mit Trinkwasser genau an, schliesslich trinkt ihr das Wasser oder spritzt es euch ins Gesicht. Gerade eben habe eine kanadische Radiostation eine Sendung über bakteriellen Mikrofilm im Haushalt ausgestrahlt und die Ente als Aufhänger beigezogen. «Genau so was möchten wir anregen.»

Doch Forschungsergebnisse massentauglich aufzubereiten, sei eine Gratwanderung zwischen Seriosität und Unterhaltung. Viele Wissenschaftler meinten, ihre Resultate bis auf die letzte Kommastelle kommunizieren zu müssen. «Korrektheit ist ihr Kapital und dieses wollen sie nicht verspielen», weiss Bryner. Er selbst aber ist überzeugt: Gute Wissenschaftskommunikation kann beides, informieren und unterhalten.

Ein nächster Coup sei nicht direkt in Planung. Die Eawag ist als eidgenössische Institution dem Steuerzahler verpflichtet. Opportunismus sei da fehl am Platz, stellt Bryner klar: «Wir forschen und publizieren nicht, was medial gut läuft, sondern was wir als nützlich und wichtig erachten.»

Erstellt: 06.04.2018, 16:21 Uhr

Die Studie zur Ente

Die Originalpublikation

Die Studie erschien unter dem Titel «Ugly ducklings — the dark side of plastic materials in contact with potable water» im Open-Access-Journal «njp Biofilms and Microbiomes». Den Link zur Originalpublikation finden Sie hier.

Die Meldung der Eawag zur Studie können Sie hier nachlesen.

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