«Ich fühle mich von diesen Schweinen nicht bedroht»

Gemeinsam mit anderen prominenten Französinnen verurteilt die Publizistin Catherine Millet die «Me Too»-Debatte.

«Die Debatte führt zur öffentlichen Verurteilung von Männern, die sich irgendwann mal zu energisch oder unternehmungslustig einer Frau gegenüber verhalten haben»: Catherine Millet.

«Die Debatte führt zur öffentlichen Verurteilung von Männern, die sich irgendwann mal zu energisch oder unternehmungslustig einer Frau gegenüber verhalten haben»: Catherine Millet. Bild: Alamy

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Am Dienstag veröffentlichte Le Monde einen offenen Brief, der von hundert mehr oder weniger prominenten Frauen, unter ihnen Catherine Deneuve und Ingrid Caven, unterzeichnet wurde. Verfasst haben ihn fünf Autorinnen, die im Rahmen der «Me Too»-Debatte vor überzogenen Reaktionen und dem «Klima einer totalitären Gesellschaft» warnen. Die Autorinnen, zu denen Catherine Millet und Catherine Robbe-Grillet gehören, schreiben, im Netz finde «eine Denunziationskampagne» gegen Männer statt, und verteidigen «die Freiheit, jemanden zu belästigen, die für die sexuelle Freiheit unerlässlich ist». Grund genug, bei der 69-jährigen Catherine Millet anzurufen.

Als ich Ihren Text gelesen habe, musste ich mehrere Formulierungen zweimal lesen, so irritiert war ich.
Warum? Ich bekomme sehr viel Zuspruch. Na ja, im Netz werden wir scharf angegriffen, aber das ist normal, wenn man Flagge zeigt.

Sie schreiben, die «Freiheit, jemand anderen zu belästigen», gehöre nun mal zur sexuellen Freiheit.
Ich bin überzeugt, dass sich der Staat möglichst wenig in die Beziehungen zwischen Männern und Frauen einzumischen hat. Die sexuelle Freiheit, die wir heute geniessen, beinhaltet auch Gesten und Signale, die unangenehm sein können. Mittlerweile führt die Debatte zur öffentlichen Verurteilung von Männern, die sich irgendwann mal zu energisch oder unternehmungslustig einer Frau gegenüber verhalten haben.

Bagatellisieren Sie das Thema der sexuellen Belästigung nicht, wenn Sie von energischer Unternehmungslust sprechen? Die Politikerin Caroline De Haas wirft Ihnen vor, Sie würden «vorsätzlich ein Verhältnis der Verführung, das auf Respekt und Lust basiert, mit Gewalt vermischen».
Wie haben ganz klar gesagt, dass es notwendig war, ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt gegen Frauen zu schaffen. Aber das Ganze ist übers Ziel hinausgeschossen.

«Diese Frauen schweigen über Jahre und wählen dann das öffentliche Tribunal. Die angeklagten Männer können sich nicht dagegen wehren.»

Sie argumentieren, die momentane Debatte würde reaktionären Kräften in die Karten spielen. Ist es nicht umgekehrt? Liefern Sie nicht allen reaktionären Machos argumentatives Futter, die sagen, siehste, meine Anmache war doch nur charmantes Geplänkel?
Nein. Ich kenne kaum reaktionäre Männer. Aber viele der Frauen, die sich zu Wort melden, hängen einem veralteten Feminismus an. Es ist doch völlig übertrieben, heute noch von einer patriarchalischen Gesellschaft zu sprechen und vom Geschlechterkrieg zu raunen.

Hängen nicht Sie eher einem veralteten Rollenbild an, wenn Sie sagen, die plumpe Anmache gehöre nun mal dazu?
Es gibt Gesetze gegen Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe. Man kann sich also juristisch wehren. Diese Frauen aber schweigen erst über Jahre. Und wählen dann das öffentliche Tribunal. Die angeklagten Männer können sich nicht dagegen wehren. In «Le Monde» schrieb kürzlich der Unternehmer Eric Brion über die Hexenjagd, die im Internet gegen ihn losbrach, nachdem die Journalistin Patricia Muller ihn der sexuellen Belästigung beschuldigt hatte.

Patricia Muller hat, in Anlehnung an «Me Too», den Hashtag #BalanceTonPorc (Verpfeif' dein Schwein) ins Leben gerufen, unter dem viele Französinnen ähnliche Erfahrungen aufgeschrieben haben, wie wir sie im Kielwasser der Weinstein-Affäre aus Amerika kennen. Zeigt das lange Schweigen vieler Frauen nicht, wie schwer es immer noch ist, über Belästigung und Nötigung zu sprechen?
Was mich stört, ist dieses plötzliche Kesseltreiben im Netz. Nicht alle Männer, die sich mal danebenbenommen haben, sind Vergewaltiger oder Besessene.

Isabelle Adjani schrieb, in der Filmwelt würden bis heute «die drei G regieren: galanterie, grivoiserie, goujaterie». Also Galanterie, Anzüglichkeit, Flegelhaftigkeit. Indem sie die Grenzen zwischen diesen Anmachstadien strategisch verwischten, würden die Belästiger ihre Opfer einschüchtern und gefügig machen.
Einen galanten Mann finde ich angenehm. Und was den Rest betrifft, meine Güte, die perfekte Welt, in der sich alle tadellos verhalten, hat es noch nie gegeben.

«Missbrauch ist justitiabel. Aber mich stört der Opferdiskurs vieler Frauen.»

Aber geben Sie mit dieser Argumentation nicht allen Schweinen Carte blanche?
Das ist mir egal. Ich fühle mich von diesen Schweinen nicht bedroht. Juliette Binoche hat in einem Zeitungsbeitrag erklärt, dass sie sich in einer ähnlich heiklen Situation schlicht geweigert hat. Eine Frau hat die Wahl, sie kann Nein sagen.

Verkennen Sie da nicht die Machtverhältnisse?
In vielen Bereichen haben heute die Frauen die Hosen an. Im Kunstbetrieb gibt es genauso viele mächtige Frauen wie Männer, Kuratorinnen, Direktorinnen...

Machen Sie nicht all die Frauen, die sich jetzt outen, ein zweites Mal zu Opfern, wenn Sie ihnen sagen, es sei ihre eigene Schuld, wenn sie nicht Nein sagen?
Noch mal: Missbrauch ist justitiabel. Aber mich stört der Opferdiskurs vieler Frauen. Sie bezeichnen sich als Opfer, weil Männer sie wegen eines Minirocks als Schlampe bezeichnen oder ihnen in der U-Bahn an den Hintern fassen. Meines Erachtens sind das harmlose Vorkommnisse. Eine normale, selbstbewusste Frau, der so etwas passiert, kann dem Typen in der U-Bahn eine schmieren oder sich anders wehren.

Jetzt pathologisieren Sie diese Frauen auch noch, indem Sie ihnen die «normalen» Frauen gegenüberstellen.
Tue ich nicht. Aber diese Feministinnen, die die Frauen als Beute in den Fängen der männlichen Raubtiere bezeichnen, arbeiten mit überkommenen Zerrbildern. Elisabeth Badinter hat schon vor 15 Jahren in ihrem Buch «Fausse route» den Feministinnen vorgeworfen, die Frauen in der Rolle des Opfers einzusperren.

«Eine Stimme, die sich in der Masse versteckt, ist keine freie Stimme.»

Noch mal: Ist diese Debatte nicht fruchtbar, weil viele Frauen jetzt erst zu sagen wagen, was ihnen angetan wurde? Die frühere Salafistin Henday Ayari sagt, sie habe nur aufgrund der Weinstein-Affäre den Mut gefunden zu schreiben, dass Tariq Ramadan sie vergewaltigt habe.
Ich finde es schade, dass sie nicht früher gesagt hat, wer es war. Aber immerhin ist das ein präziser Fall, in dem eine Frau mit ihrem Namen für ihre Beschuldigungen einsteht. All die Frauen aber, die jetzt anonym im Netz rummunkeln – das ist mir suspekt. Freiheit heisst, im eigenen Namen zu sprechen. Eine Stimme, die sich in der Masse versteckt, ist keine freie Stimme. Indem wir mit unserem offenen Brief namentlich Einspruch erheben, sind wir diejenigen, die im Namen der Freiheit sprechen.

Die Staatssekretärin für Frauenrechte, Marlène Schiappa, hat für 2018 eine Reform des Sexualstrafrechts angekündigt, auch um eine bessere Unterscheidung zwischen einem einfachen Kompliment und sexueller Belästigung zu erreichen.
Es gibt Pariser Viertel, in denen es sehr schwer ist, alleine rumzulaufen, ohne beleidigt oder belästigt zu werden. Das muss man gesetzlich regeln. Aber deshalb muss man nicht jedes Hinterherpfeifen vor den Richter schleifen.

Die französische Debatte drehte sich auch um Roman Polanski, gegen den weitere Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden. Viele Frauen protestierten, als eine Retrospektive seiner Filme in der Pariser Cinémathèque française gezeigt wurde.
Wenn Puritanismus zu kultureller Zensur führt, wäre das furchtbar. Die Debatte um Polanski, um den Maler Balthus oder um andere Künstler sollte uns auf keinen Fall davon abhalten, ihre Werke anzusehen. Ich bin gegen jede Form von Zensur. Die Frauen, die vor der Cinémathèque française demonstrieren, führen uns in ein dunkles Zeitalter des Puritanismus. Gestern habe ich von einer Engländerin gehört, die sagt, man müsse Dornröschen verbieten, weil die dem Prinzen nicht erlaubt hat, sie im Schlaf zu küssen. Sind jetzt alle verrückt geworden, oder was?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 17:17 Uhr

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