«Thunberg ist auf einem ganz anderen Level»

Die Klimajugend sei überhaupt nicht selbstlos – und genau das könnte uns alle retten, sagt Solidaritätsforscher Eckart Voland.

In Sorge mobilisiert: Aktivistin Greta Thunberg an der Klimademo in Quebec am 27. September 2019.

In Sorge mobilisiert: Aktivistin Greta Thunberg an der Klimademo in Quebec am 27. September 2019. Bild: Keystone

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Die Klimakrise ist eine Solidaritätskrise. Niemand fühlt sich richtig verantwortlich, keiner will sich wirklich einschränken. Sind Sie optimistisch, dass sich das noch ändert?
Zumindest steckt in der Natur des Menschen das Potenzial dazu. Eine globale Solidarität und damit eine Bewältigung der Klimakrise ist möglich. Unsere Psychologie befähigt uns, Allianzen über die Familie und den Freundeskreis hinaus einzugehen. Sie garantiert allerdings nicht den Erfolg. Die Bewältigung dieser Krise ist kein Selbstläufer.

Wann handelt der Mensch solidarisch?
Wir müssen zwei Formen der Solidarität unterscheiden. Die eine ist die Hinwendung zum Nachbarn: Mildtätigkeit, Barmherzigkeit, Altruismus. Den Bedürftigen etwas abgeben. Die andere ist der gemeinsame Kampf für ein geteiltes Ziel. Und um diese Art von Solidarität geht es in der Klimakrise, und diese Solidarität ist unsere Chance. Sie beruht auf einem Eigeninteresse, und das ist ein starker Motor, um die Gesellschaft voranzubringen.

Abgesehen vom gemeinsamen Ziel: Welche Bedingungen müssen noch gegeben sein, damit eine stabile Solidarität zustande kommt?
Dazu wissen wir einiges aus der Forschung zu Gemeingütern: Einbeziehung aller Beteiligten in Entscheidungsprozesse, Verteilungsgerechtigkeit bei den entstehenden Kosten, vor allem aber Überwachung der Massnahmen und Sanktion der Regelbrecher erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass gemeinsame Projekte tatsächlich erfolgreich verlaufen.

«Der wahre Egoist kooperiert.»Eckart Voland

Handelt die Klimajugend selbstlos?
Nein. Die Jungen sind überhaupt nicht selbstlos, wenn sie gegen den Klimawandel aufstehen. Sie schliessen sich zusammen, um für ihre eigene Zukunft zu kämpfen. Es ist kein Widerspruch, dass im Westen bei Kindern und Jugendlichen heute öfters narzisstische Persönlichkeitsbilder festgestellt werden als früher – und dass dieselbe Generation gegen die Klimakrise auf die Strasse geht. Die Jungen können narzisstisch und solidarisch zugleich sein, denn beides speist sich aus Eigeninteresse.

Aber geht es in der Klimakrise denn nicht auch darum, sich für Menschen in fernen Regionen einzusetzen, die früher und stärker vom Wandel betroffen sind als wir?
Da muss man realistisch sein: Als Motivation für einschneidende politische Entscheidungen reicht das nicht aus. Der von der Dürre bedrohte Bauer im Sudan und sein Schicksal sind nun mal ganz weit draussen für uns. Unsere Empathie reicht nicht bis zu ihm hin. Wäre es anders, lebten wir schon längst im Paradies.

Zugleich müsste die Welt zusammenrücken, um die Krise bewältigen zu können.
Eine eigennützig motivierte Solidarität kann Grenzen überwinden. Bei der Klimakrise haben wir allerdings noch ein weiteres Problem: Der Mensch ist nur beschränkt fähig, in die fernere Zukunft zu denken. Zumal dann, wenn man wie viele in der Dritten Welt ums tägliche Überleben kämpft. Oder wenn man selber bereits im fortgeschrittenen Alter ist.

So wie die meisten Spitzenpolitiker.
Genau. Das ist kein Vorwurf, sondern eine anthropologische Feststellung. Hier wirkt erwiesenermassen die Psychologie. Sie erschwert es alten Menschen, sich für das Übermorgen zu engagieren. Deshalb wirkt eine Greta Thunberg so überzeugend: Weil sie authentisch ist, die Krise tief und schmerzhaft empfindet. Das macht einen weit grösseren Eindruck als die lauen Absichtserklärungen der Politiker. Thunberg ist auf einem ganz anderen Level.

Wir leben im Neoliberalismus, der ja eher nicht zu solidarischem Handeln motiviert.
Wir werden auf das Motto «Jeder ist seines Glückes Schmied» getrimmt, das ist so. Es heisst aber auch: Der wahre Egoist kooperiert. Es gibt eben eine Solidarität, die dem Menschen biologisch eingeschrieben ist. Auch in unserer ach so egoistischen neoliberalen Gesellschaft werden tagtäglich volle Portemonnaies im Fundbüro abgegeben. Und es gibt nach wie vor solidarische Menschen bei uns, die sich selbstlos um Bedürftige kümmern. Diese Art von Gemeinschaftsgefühl ist tief in uns drin. Kein Wirtschaftssystem der Welt kann das komplett zerstören.

Inwiefern ist Solidarität auch eine Frage der Erziehung?
Man kann Moral nicht explizit lehren. Studien zeigen allerdings, dass Kinder später solidarischer handeln als andere, wenn bei ihnen zu Hause viel über die Probleme anderer oder übers Helfen geredet wurden. Dann entwickelt sich eine Sensibilität für die Bedürfnisse und Nöte der Mitmenschen.

Sind die anderen Affen, die Sie als Biologe ebenfalls erforschten, solidarischer als wir?
Nein. Es gibt kein sozialeres Wirbeltier. Und es gibt auch kein Tier, das derart lernfähig ist, sich selbst derart reflektiert und an seinen Herausforderungen wächst wie der Mensch. Diese Fähigkeiten lassen weiterhin einen – wenn auch zurückhaltenden – Optimismus hinsichtlich der Klimakrise zu.

Erstellt: 04.10.2019, 09:53 Uhr

Eckart Voland (*1949) ist Professor der Biowissenschaften. Der Deutsche hat in den Bereichen Biologie, Anthropologie und Soziologie zu Solidarität geforscht und dozierte bis 2015 an der Uni Giessen. Sein jüngstes Buch heisst «Evolution des Gewissens. Strategien zwischen Egoismus und Gehorsam».

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