«Ohne Unabhängigkeit erhalten wir realitätsferne Produkte»

Louise Morand hat Jahrgang 1997 und führt die Genfer No-Billag-Kampagne. Ist die Westschweiz plötzlich SRG-kritisch?

Dass wir «No Billag» bis zur Abstimmung unterstützen, ist nur konsequent: Louise Morand, Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Genf.

Dass wir «No Billag» bis zur Abstimmung unterstützen, ist nur konsequent: Louise Morand, Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Genf. Bild: zvg

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Die Romandie gilt als Bastion der SRG. Wirklich? Nach der SVP Waadt hat auch die Junge FDP Genf die Ja-Parole beschlossen. Louise Morand, Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Genf, erklärt, wieso sie sich als Westschweizerin für die No-Billag-Initiative einsetzt – und wieso ihre Gleichaltrigen ebenfalls so denken könnten.

Die Genfer Jungfreisinnigen haben sich für die No-Billag-Initiative ausgesprochen. Warum?
Für mich ist es eine generationsbezogene Entscheidung, da sich das Konsumverhalten und die Art, sich zu informieren, geändert haben. Heute schauen immer weniger Leute die «Tagesschau», sondern informieren sich über Facebook und die Zeitungen, die wir über das Smartphone und Tablet abrufen können.

Die Romandie ist eher als Unterstützerin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens bekannt. Sie sind die erste Jungpartei, nach der SVP Waadt die zweite westschweizerische Partei, die sich für die Initiative einsetzt. Gibt es einen Mentalitätswandel in der Romandie?
Es ist kein Geheimnis, dass die Romands grosse SRG-Fans sind. Ich selbst bin auch ein Fan der Qualität, die die SRG liefert. Die wöchentliche Informationssendung «Temps présent» oder «Histoire vivante» im Radio schaue beziehungsweise höre ich gerne. Was wir jedoch nicht akzeptieren, ist die Art und Weise der Finanzierung. Daraus zu schliessen, dass ein Mentalitätswandel im Gange ist, wäre übertrieben.

In Ihrer Pressemitteilung sagen Sie, dass es unzulässig ist, Personen, die keine audiovisuellen Medien nutzen, zur Zahlung zu zwingen. Sie beziehen sich auch auf Steuern, die ebenfalls obligatorisch sind. Ist es denn zulässig, Menschen ohne Auto, die nicht vom Autobahnnetz profitieren, Steuern aufzuzwingen?
Im Gegensatz zum Strassennetz ist es bei audiovisuellen Medien nicht mehr nötig, dass sie – wie früher, aufgrund des technischen Monopols – in staatlicher Hand sein müssen. Im Gegenteil: Sie sollten unabhängig sein, um der Nachfrage gerecht zu werden. Ansonsten erhalten wir realitätsferne Produkte.


Video: «Ich schaue sowieso lieber Netflix»

Diese Sendungen würden die befragten Passanten bei einer Abschaffung der SRG vermissen. (Video: Nicolas Fäs)


Steuern an sich sind doch solidarisch: Man zahlt Steuern, damit die Allgemeinheit davon profitieren kann. Sollte dieses Solidaritätsprinzip nicht auch für die Medien gelten, die ein wichtiger Faktor in einer Demokratie sind?
Steuern haben nicht die Funktion, solidarisch zu sein. Steuern müssen sicherstellen, dass der Staatsbetrieb unterhalten werden kann. Was die Medien anbelangt, denke ich, dass ein sehr gutes privates Angebot besteht. Wieso also sollte der Staat über die Finanzierung entscheiden? Zudem hat sich die Gebühr zu einem Beitrag gewandelt, sprich von einer Zahlung für die tatsächliche Benutzung der Leistungen zu einer Zahlung für die blosse Bereitstellung. Persönlich benutze ich zur Informationsbeschaffung Tageszeitungen wie «Le Temps» oder die «Tribune de Genève», die ihrerseits nicht staatlich unterstützt werden. Der Staat kann aktuell auswählen, wem wie viel Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ich finde schon diese Situation problematisch.

Würde ein Ja nicht zu einer Marktverzerrung führen? Könnten Radio- und Fernsehkanäle nicht zu Kommunikationsorganen von Parteien oder der Wirtschaft werden?
Bereits heute positioniert man sich politisch, wenn man sich eine Sendung anschaut oder eben nicht. Dass die SRG behauptet, ihre Sendungen seien neutral, ist eine Lüge. Dennoch existiert eine Nachfrage nach qualitativer Information, also sind die Leute auch bereit, dafür zu bezahlen. Wenn mir heutzutage die redaktionelle Linie einer Zeitung nicht gefällt, werde ich sie nicht kaufen, sondern mich eben anderweitig informieren.

So gerät mach doch in eine Filterblase?
In der Schweiz wird man konstant mit anderen Ideen und Meinungen konfrontiert. Sei es schon nur durch das System der direkten Demokratie, das uns viermal pro Jahr zu verschiedensten Themen an die Urne bittet. Durch die kleine, rote Broschüre werden uns also regelmässig andere Meinungen aufgezeigt. Sicherlich ist es interessant, sich mit den Meinungen anderer auseinanderzusetzen, statt sich zu verschliessen. Heute zahlen wir aber eine obligatorische Gebühr auf ein mediales Produkt, was uns somit die Freiheit nicht lässt, zu entscheiden, ob wir es überhaupt nutzen möchten.

Sind Sie enttäuscht von der Position von Operation Libero?
Ich kann es bei bestem Willen nicht nachvollziehen, wieso Operation Libero gerade zu «No Billag» Stellung bezieht. Bei den Abstimmungen zu USR III und der Altersvorsorge 2020 haben sie es auch nicht gemacht – obwohl gerade die Altersvorsorge zu den Themen gehört, welche den Schweizerinnen und Schweizern am meisten Sorge bereiten. Sie hätten sich enthalten sollen. Für mich ist Operation Libero eine politische Bewegung, die sich für die Öffnung einsetzt. Mit ihrer Position sprechen sie sich aber dagegen aus.


Video: Operation Libero gegen No-Billag-Initiative

Die Operation Libero und ihre Beweggründe für das Engagement für die SRG bekannt. (Video: Tamedia)


Falls die SVP die No-Billag-Initiative unterstützen würde, könnten Sie eine Zusammenarbeit erwägen?
Obwohl wir nicht dieselben Argumente benutzen, werden wir sicherlich am selben Strang ziehen. Die Idee, etwas nicht bezahlen zu wollen, wenn man es nicht benutzt, ist im Grunde schliesslich eine durchaus liberale Idee. Interessant ist ja, dass man uns zuträgt, die SVP verteidige von jeher die Position, die Souveränität der Schweiz dürfe nicht angetastet werden. Genau dieses Argument benutzen aber bereits die Gegner der Initiative.

Die Genfer FDP hat sich gestern Abend gegen die No-Billag-Initiative positioniert. Überrascht Sie das?
Dieses Votum war vorhersehbar. Es ist eine Generationenfrage. Aber ich konnte feststellen, dass in unserer Partei eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem derzeitigen System herrscht. Ein Gegenprojekt hätte offizielle Unterstützung finden können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2017, 17:29 Uhr

Zur Person

Louise Morand (*1997) ist Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Genf und im Vorstand der Jungfreisinnigen Schweiz. Sie wird die Genfer No-Billag-Kampagne führen. Sie studiert Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg.

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