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«Er hat mich vergewaltigt» reicht nicht

In nur zwei von fünf Anklagepunkten wurde Harvey Weinstein schuldig gesprochen. Das klingt nicht nach einem Erfolg für die Staatsanwaltschaft. Gewaltig ist dieses Urteil dennoch.

MeinungJohanna Bruckner, New York
Filmproduzent Harvey Weinstein werden nach dem Schuldspruch im Gerichtssaal Handschellen angelegt (Gerichtszeichnung). Foto: Reuters
Filmproduzent Harvey Weinstein werden nach dem Schuldspruch im Gerichtssaal Handschellen angelegt (Gerichtszeichnung). Foto: Reuters

Drei Mal «nicht schuldig» bei fünf Angeklagepunkten – das klingt nicht nach einem Erfolg für die Staatsanwaltschaft. Zumal die Jury die Schuld von Harvey Weinstein in den beiden schwerwiegendsten Anklagepunkten nicht als erwiesen ansah. «Predatory sexual assault» lautet dieser nur schwer ins Deutsche übersetzbare Straftatbestand – es geht dabei um ein «raubtierhaftes» Verhaltensmuster des Täters. Bei einem Mann, dem mehr als 80 Frauen schweres Fehlverhalten vorwerfen, erschien das passend. Der Staat New York sieht für «predatory sexual assault» die Höchststrafe vor, lebenslänglich.

Doch das, wofür es am Ende nicht gereicht hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie gewaltig dieses Urteil dennoch ist. Harvey Weinstein ist nun auch juristisch schuldig, verurteilt wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung – und das ist durchaus nicht selbstverständlich. Denn auch wenn die Beweislast von aussen erdrückend wirkte, im Gerichtssaal 99 des New York State Supreme Courts stand Aussage gegen Aussage. Und besonders der Fall eines Opfers bot der Verteidigung viel Raum für Attacken – denn Jessica Mann führte mit Weinstein eine Art Beziehung und hielt den Kontakt zu dem Filmmogul, auch nachdem dieser sie vergewaltigt hatte.

Direkt zu Beginn dieses Verfahrens hörte die Jury eine forensische Psychiaterin, die aussagte, dass ein solches Verhalten für Opfer sexueller Gewalt durchaus nicht ungewöhnlich sei, sondern der Versuch, die Kontrolle über das Verhältnis wiederzuerlangen. Doch die sieben Männer und fünf Frauen in den weinroten Jurysesseln hörten auch Weinsteins Anwältin Donna Rotunno. Die auf die Verteidigung von Sexualstraftaten spezialisierte Juristin bezeichnete Jessica Mann als Lügnerin und Manipulatorin, die die Zuneigung des sehr viel älteren Weinstein ausgenutzt habe. In ihrem Schlussplädoyer sprach Rotunno von einem Universum, in dem Frauen nicht bereit seien, die Konsequenzen für ihr eigenes Handeln zu übernehmen.

Als sei #MeToo nie passiert

Immer wieder wirkte es im Prozess so, als sei #MeToo nie passiert. Als hinke das US-Justizsystem der gesellschaftlichen Entwicklung weit hinterher. Ja, im Gerichtssaal wurde Frauen zugehört, aber sie mussten auch in schwer erträglicher Genauigkeit beschreiben, was ihnen angetan worden war. «Er hat mich vergewaltigt» reicht in einem Strafprozess nicht. Die Verteidigung hörte den Zeuginnen zu, um die Schwachstellen in ihren Erzählungen herauszufinden. «Sie sind ziemlich oft verwirrt, nicht wahr, Miss Mann?», sagte Donna Rotunno im Kreuzverhör.

Man kann das abtun als zynische Frage einer Frau, die ein zynisches Geschäftsmodell verfolgt. Aber es wird möglich durch ein Rechtssystem, das darauf baut, dass im argumentativen Kampf zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung schon die Wahrheit siegen wird. Doch bei sexueller Gewalt, das legen die Zahlen nahe, siegt in der überwältigenden Mehrheit der Fälle wohl einfach der Stärkere, derjenige mit Macht, Geld und guten Anwälten: Laut Zahlen des Justizministeriums kommt es bei weniger als ein Prozent der gemeldeten Übergriffe am Ende zu einer Verurteilung des oder der Täter.

Harvey Weinstein ist schuldig, das allein ist ein Erfolg. Für die Staatsanwaltschaft, für #MeToo und für die amerikanische Gesellschaft. Denn das Urteil macht ganz deutlich, dass es bei sexueller Gewalt nur einen Verantwortlichen gibt: denjenigen, der sie ausübt.

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