Er war immer dort, wo es passierte

Kennedy, Dylan, Hendrix, Bowie, Clinton, er hatte sie alle. D. A. Pennebaker, der grosse amerikanische Dokumentarfilmer, ist mit 94 Jahren gestorben.

Donn Alan Pennebaker hat den Dokumentarfilm mobilisiert. Sein Einfluss bleibt bis heute spürbar.

Donn Alan Pennebaker hat den Dokumentarfilm mobilisiert. Sein Einfluss bleibt bis heute spürbar.

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Seinem Filmstil sagt man «Cinéma vérité», kein bescheidenes Etikett, denn welcher Dokumentarfilmer erhebt nicht den Anspruch, die Wirklichkeit zu zeigen? Wie er sie abbilden wollte, hat Donn Alan Pennebaker mit seinem Porträt von Bob Dylan zum ersten Mal allen gezeigt. Er drehte es 1965 während Dylans akustischer England-Tournee, 1967 erschien der Film und begeisterte Kritik und Publikum. Dylan selbst war schockiert, als er sich in den Grossaufnahmen von Pennebakers Film sah, aber er erkannte sofort, dass die Kamera ihm zwar nahe kam, er aber ein Rätsel bleiben würde. Zum Anschauen nah und doch unerreichbar weit weg – das war Bob Dylan gerade recht.

Pennebaker hatte die technischen Bedingungen für seinen filmischen Stil selbst geschaffen. Der Regisseur, der sich an der Yale-Universität zum Ingenieur ausbilden liess und in dieser Funktion in der amerikanischen Navy diente, entwickelte eine 16-Millimeter-Handkamera, an die er ein Nagra-Tonbandgerät hängte. Die Kombination ermöglichte ihm die gleichzeitige Aufnahme von Bild und Ton, ohne dass er durch schweres Gerät behindert wurde. Donn Alan Pennebaker hat den Dokumentarfilm mobilisiert. Sein Einfluss bleibt bis heute spürbar.

Möglichst nahe dran

Die Nähe zum Objekt blieb sein filmisches Prinzip, wobei ihm der Auftritt eines Stars nicht immer so wichtig war wie anderes, das er zeigen konnte. In «Don’t Look Back» zum Beispiel werden die Konzertausschnitte mitten im Song unterbrochen. Dafür ist man dabei, wenn Dylans finsterer Manager Albert Grossman mit einem Musikagenten verhandelt. Man sieht Dylan in seinem Hotelzimmer, umgeben von seinen Bewunderern, aber ausser sich vor Wut, weil jemand eine Flasche aus dem Fenster geworfen hat. Man erlebt Dylans Charisma, wenn er «It’s All Over Now, Baby Blue» vorträgt, während ein schüchterner und sichtbar überwältigter Donovan zuhört. Man sieht Dylan an der Schreibmaschine nachdenken und schreiben. Man sieht Joan Baez an seiner Seite, hoffnungslos verliebt in ihn, während Dylan sie weitgehend ignoriert. Sie hatte ihn zu Beginn seiner Karriere auf die Bühne geholt, er denkt nicht daran, ihr dasselbe zu ermöglichen.


Die berühmte Eröffnungszene von "Don't Look Back", 1965.

Pennebaker besass das neugierige Talent, immer aufzutauchen, wo sich etwas Neues ergab. Er dokumentierte das Monterey-Festival von 1967, das erste mehrtägige Open-Air-Festival der Rockgeschichte. Alleine der einstündige Auftritt von Jimi Hendrix, der zum ersten Mal in seiner Heimat ein grosses Konzert gab, sorgte für eine Sensation. «Monterey Pop» machte jeden Künstler und jede Künstlerin bekannt, die dort auftraten.

Und wieder war es der neugierige Amerikaner, der 1972 mit seiner Kamera im Londoner Hammersmith Odeon parat stand, und wieder ereignete sich etwas Einzigartiges: David Bowie gab dort sein letztes Konzert in der Rolle des Ziggy Stardust. Nicht einmal die eigene Band war informiert gewesen.

Clintons Kampagne

Pennebaker machte weitere Filme über Musiker wie Alice Cooper, John Lennon oder Depeche Mode. Auch drehte er den grossartigen Konzertfilm «Down From the Mountain» über die musikalischen Traditionen der amerikanischen Musik. Aber ihn interessierte vieles andere, die Politik zum Beispiel. Auch dort zeigte sich seine Intuition für die richtigen Personen in der entscheidenden Situation.

So filmte der agile Regisseur die letzten Tage vor John F. Kennedys Nomination durch die demokratische Partei («Primary», 1960). Vor allem gelang ihm mit «The War Room» eine besonders aufschlussreiche Dokumentation. Pennebaker und seine Frau Chris Hegedus porträtierten 1992 den Wahlkampf von Bill Clinton. Dem Kandidaten kamen sie nicht so nahe wie gewünscht. Dennoch dokumentiert der Film die Krisen der Kampagne, die Folgen von Clintons Affäre mit Gennifer Flowers, aber auch die ruchlose Brillanz, mit der die Berater James Carville und George Stephanopoulos ihren Kandidaten vorantrieben, wozu auch Gegenattacken, Vertuschungen und Drohungen gegen Journalisten gehörten. Der Politthriller «Ides of March» von George Clooney und das Buch «Primary Colors» von Joe Klein sind von Pennebakers Film beeinflusst.


«The War Room» (1993).

2012 bekam der Regisseur den hochverdienten Oscar für sein Gesamtwerk. Er verlor nie den Glauben an die Definitionsmacht seines Genres. «Eine Idee ist möglicherweise die stärkste Waffe von allen», zitiert ihn der «Guardian», «und der Dokumentarfilm bietet die grossartige Möglichkeit, eine Idee auszudrücken.»

Am 1. August ist Donn Alan Pennebaker in 94-Jährig im Dorf Sag Harbor auf Long Island gestorben. Er hinterlässt acht Kinder aus drei Ehen.

Erstellt: 05.08.2019, 13:30 Uhr

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