«Wenn man sagt, Europa sei christlich, dann gibts nur den Clash»

Wir leben eingesperrt in einer Blase. Der französische Philosoph François Jullien sagt, wie wir aus ihr ausbrechen können.

Ist das Schweizer Kultur? Verschleierte Frauen, bekannt als «Les Pleureuses», gedenken der Passion und Kreuzigung von Jesus nach der Karfreitagsmesse in Romont, Kanton Freiburg. Foto: Peter Klaunzer/Keystone

Ist das Schweizer Kultur? Verschleierte Frauen, bekannt als «Les Pleureuses», gedenken der Passion und Kreuzigung von Jesus nach der Karfreitagsmesse in Romont, Kanton Freiburg. Foto: Peter Klaunzer/Keystone

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Identität ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit: Unter den Rechten gibt es die Identitären; Linke arbeiten an dem, was Identitätspolitik genannt wird. Sie aber haben ein Buch geschrieben mit dem Titel «Es gibt keine kulturelle Identität».
Mein Vorschlag richtet sich nicht gegen die Identität an und für sich. Es gibt einen legitimen Gebrauch dieses Konzepts, das sich im Denken der griechischen Antike entwickelt hat: Ein Sein, das gleich bleiben kann, das ist die Ontologie der Griechen. Ich akzeptiere es auch, dass es für unsere Gesellschaft eine Notwendigkeit gibt, meine Identität zu fixieren, indem man für mich eine Identitätskarte ausstellt. Das stört mich nicht. Es gibt mit unseren Körpern ja auch eine biologische Substanz, die diese Vorstellung einer individuellen Identität stützt, weil die körperliche Essenz von der Geburt bis zum Tod gleich zu sein scheint. Anders die Kultur: Sie kennt keinen Anfang und kein Ende, sie hat keine Geburt und keinen Tod.

Warum sollten Kulturen nicht geboren werden und sterben können?
Weil Kulturen Prozesse sind. Wann sollte etwa die französische Kultur geboren worden sein, wann wurde Frankreich zu Frankreich? Das lässt sich nicht datieren. Für mich sind Kulturen Ressourcen, Quellen, die sich erneuern, die etwas Fruchtbares sind und die sich ausbeuten lassen, ohne dass sie sich erschöpfen. Ich war mal in Strassburg, um über die Frage zu sprechen, welche kulturelle Identität Europa hat. Ich glaube, dass dies eine falsche Frage ist, die in eine Sackgasse führt.

«An einer Kultur ist interessant, was sich einer Definition entzieht, ihr Überbordendes.»François Jullien

Warum?
Weil das, was man definieren kann, tot ist. An einer Kultur ist gerade interessant, was sich einer Definition entzieht, ihr Überbordendes. Kultur ist denn auch nichts, was man besitzen kann. Aber auch nicht gut finde ich, dass Europa die Frage des Christentums vermeidet, weil man Angst hat, an diese Frage zu rühren. Das ist denn auch der Grund, warum ich über das Christentum als kulturelle Ressource ein Buch schrieb, das gerade eben auf Deutsch erschienen ist.

Das Christentum nicht als Glaube, sondern als kulturelle Ressource?
Genau, das Christentum hat die Geschichte Europas geprägt. Deshalb muss Europa heute darüber nachdenken, was es aus dem Christentum gemacht hat. In Frankreich hat man vor zehn Jahren die EU-Verfassung abgelehnt. Man fand keine Präambel, keine Definition der europäischen Identität. Die einen haben gesagt, die Identität sei christlich, andere sagten, Europa sei laizistisch, also säkular – und alle haben recht.

Wirklich?
Ja, denn das eigentlich Wichtige ist die offene Spannung – zwischen dem Christentum auf der einen Seite und dem Laizismus der Aufklärung und der Vernunft auf der anderen. Diese singuläre Konfiguration hat sich in der Geschichte ergeben. Und was anderes als eine Konfiguration ist Kultur? Deshalb habe ich mich in meinem Essay gegen die Fixierung auf eine kulturelle Identität für ein Denken des «Ecart» starkgemacht, was man auf Deutsch sehr schwer übersetzen kann – wie übrigens auch auf Italienisch oder auf Englisch. Aber ich glaube halt an das Französische als eine Ressource.

Wer ist François Jullien? Gegen die «Dampfwalze der globalen Uniformisierung»: François Jullien, französischer Sinologe und Philosoph.

François Jullien hat sich einem Nachdenken über «das andere» verschrieben. Dabei geht es dem 68-jährigen Philosophen und Sinologen nicht nur um ein besseres Verständnis. Vielmehr biete das Nachdenken über «das andere» die Möglichkeit, der «Dampfwalze der globalen Uniformisierung» zu entgehen, die vom Kapitalismus angetrieben werde, wie Jullien in seinem Essay «Es gibt keine kulturelle Identität» schreibt. Zentral ist für ihn die Sprache, die unser Denken bestimmt, insbesondere das Chinesische, das den «radikalsten Fall einer möglichen Andersartigkeit» darstelle. Daher geht Jullien in seinen Büchern wiederholt den Umweg über China, um so sein Lesepublikum aus den Beschränkungen der «europäischen Vernunft» hinauszuführen.

In seinen dreissig Büchern, die grösstenteils auf Deutsch übersetzt sind, etwa in seinem euro-chinesischen Lexikon «Vom Sein zum Leben», stellt Jullien Begriffe aus der Philosophie des vormodernen Chinas dem europäischen Denken gegenüber, um hervorzustreichen, dass in China statt einer Orientierung auf das Jenseits eine Fokussierung auf das Diesseits dominiere, das Leben nicht Zielen und Zwecken unterworfen sei, «die auf einen Endzweck ausgerichtet sind» – stattdessen die Prozesshaftigkeit und Immanenz menschlicher Existenz aufgewertet werde. Jullien lehrt und forscht als Professor an der Université Paris Diderot.

«Ecart» liesse sich vielleicht mit Abstand oder Abweichung übersetzen.
Ja, das sind mögliche Übersetzungen, wobei «Abstand» mir zu statisch ist für das, worum es mir geht. Ich spreche oft mit Architekten, die sagen auch, dass das «Dazwischen» wichtig ist, also das, was ich «Ecart» nenne. Die Architekten haben nicht nur über das Haus nachgedacht, das sie bauen, sondern auch über das, was zwischen den Häusern ist, was die Stadt in eine produktive Spannung bringt. Europa wird auch von spannungsvollen «Ecarts», also Abständen, bestimmt: zwischen einer religiösen Tradition und einer – sagen wir – Dissidenz. Also gewissen Ideen, die zur Aufklärung, zu einem Rationalismus und den Wissenschaften führte. Dieser «Ecart» erwies sich als fruchtbar, und er ist es, der die Geschichte Europas bestimmte – ohne dass Europa auf einen Begriff gebracht oder reduziert werden kann.

«Ecart» ist aber nicht mit Unterschied oder Differenz zu übersetzen.
Nein, ich unterscheide gerade zwischen «Ecart» und der Differenz: Wenn man Kultur über Unterschiede definiert, also so vorgeht, wie es der US-Politwissenschaftler Samuel P. Huntington in seinem berühmten Buch über den «Kampf der Kulturen» getan hat, dann essentialisiert man sie, man fixiert sie auf eine Identität, isoliert sie. Und wenn man sagt, die europäische Kultur sei rein christlich, dann schafft man es nicht, sie in einer Spannung mit anderen zu denken – und es gibt keine Herausforderung, die zu einer positiven Entwicklung führen könnte, sondern nur den Clash. «Ecart» ist immer auch als eine Öffnung zu verstehen, als etwas Herausforderndes, etwas Produktives.

«Das ‹Globisch› bringt Europa um, da mit ihm ein kultureller Dialog zu einem Alibi wird»François Jullien

Viele Menschen scheinen gerade vor diesen Herausforderungen oder einem spannungsvollen Verhältnis zu anderen Kulturen Angst zu haben.
Aber diese Spannung ist produktiv! Ich glaube, dass Europa in dieser Hinsicht einen Mangel an Motivation hat. Heute ist Europa auf dem Rückzug, es verliert an Kraft gegenüber den grossen Imperien wie den USA oder China. Wenn diese Grossmächte in zwanzig Jahren Probleme haben – und Europa nicht zerbricht –, dann hat es eine neue, historische Aufgabe – mit einem Denken des Diversen, der Alterität, also des anderen. In China gibt es das nicht. Dort gibt es nur ein Denken des Kollektivs, des Sozialen, aber nicht ein Denken des anderen. Daher ist die Alterität eine europäische Ressource, die man erforschen, die man ausnutzen muss. Unabhängig vom Glauben.

Wie kann man sich eine solche Arbeit konkret vorstellen?
Etwa beim Übersetzen von einer Sprache in die andere: Wenn wir übersetzen, werden Sprachen in Bezug zueinandergesetzt, es wird mit ihnen gearbeitet. Wenn man übersetzt, erkundet man die Ressource der eigenen Sprache. Sie wird aktiviert im Verhältnis zu anderen.

Aber ist es möglich, darauf eine positive Zukunft zu bauen, wenn das Englische stark auf dem Vormarsch ist? Sie schreiben ja auch vom «Globisch».
Ja, das «Globisch» bringt Europa um, da mit ihm ein kultureller Dialog zu einem Alibi wird; es wird nicht mehr gearbeitet, nichts mehr elaboriert. Die Kommunikation wird uniform, statt die Sprachen als kulturelle Ressourcen zu reflektieren und zu nutzen.

Für viele ist aktuell der Klimawandel die dringendste Herausforderung. Sie stellen in Ihrem Buch die Frage, warum wir uns über die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und die abnehmende Biodiversität Sorgen machen, aber nicht um das Versiegen von kulturellen Ressourcen. Wie die Jungen für das interessieren, was Sie sagen?
Was das Klima anbelangt, haben die Jugendlichen selbstverständlich recht. Sie mobilisieren sich aus einem Idealismus heraus: um die Welt zu verbessern. Aber sie können sich nicht direkt politisch einbringen. Obwohl die Klimafrage selbstverständlich eine politische Dimension hat. Die Jugendlichen sind ja auch enttäuscht, weil das Einzige, was die Politik zurzeit anbietet, eine Unterscheidung zwischen links und rechts ist. Die ureigensten Ressourcen des Politischen, also wie die Gesellschaft und das Gemeinsame gedacht werden, nutzt man gar nicht.

Aber müssen wir nicht gerade alles unternehmen, um dem Erstarken der extremen Rechten die Stirn bieten zu können?
Die Rechten und die Identitären töten Europa. Aber auch wir sündigen in der politischen Analyse, weil heute alles zu einem Slogan gerinnen muss. Ich glaube daher nicht, dass wir als Gegenentwurf eine offenere oder geschlossenere Identität anbieten – stattdessen die Konzepte verändern sollten. Europa war lange durch negative Gründe bestimmt: Nach dem Krieg galt es, ein Friedensprojekt zu begründen. Nachdem dies gelungen ist, braucht Europa eine neue positive, starke Motivation. Der Vorteil eines Denkens des «Ecart» ist es ja gerade, von einer Spannung zwischen den Kulturen auszugehen, um eine Arbeit zu beginnen, um das eine dem anderen gegenüberzustellen, es zu spiegeln. Das ist es, wie ein Dialog der Kulturen beginnen könnte, weil man dabei das Erwartbare, das Gewohnte verlässt – und etwas Neues entstehen kann.

François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Aus dem Französischen von Erwin Landrichter. Suhrkamp. 96 Seiten, ca. 15 Franken.

François Jullien: Ressourcen des Christentums. Zugänglich auch ohne Glaubensbekenntnis. Aus dem Französischen von Erwin Landrichter. Gütersloher Verlagshaus. 128 Seiten, ca. 21 Franken.

Erstellt: 11.02.2020, 14:37 Uhr

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