Fakten rigoroser prüfen

Wollen die Medien glaubwürdig bleiben, müssen sie aus dem neuen «Fall ‹Spiegel›» lernen.

Offenbar trieb ihn die Panik vor dem Scheitern an: «Spiegel»-Journalist Claas Relotius. Bild: Keystone

Offenbar trieb ihn die Panik vor dem Scheitern an: «Spiegel»-Journalist Claas Relotius. Bild: Keystone

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Es gab immer wieder Kollegen, die an die Grenze gingen und darüber hinaus. Die Neigung von Jurys bei der Vergabe von Journalistenpreisen die spektakulärste Geschichte zu prämieren, mag dazu beigetragen haben. Im neuen Fall des «Spiegel»-Journalisten Claas Relotius kamen offenbar eine mit lauteren journalistischen Mitteln unerreichbar hohe eigene Ambition auf die spektakuläre Geschichte und eine Panik vor dem Scheitern dazu.

Spektakulärer ist in diesem Falle, dass der überehrgeizige Reporter damit die «Spiegel»-Redaktion so lange täuschen konnte – jene Redaktion mit dem bekanntermassen bestdotierten Faktenchecking im deutschsprachigen Raum. Die Botschaft daraus lautet: Wenn es den «Spiegel» erwischt, dann kann es jedes andere Medium auch erwischen. Auch in diesem Fall scheinen andere Medien mitbetroffen, bei denen dieser Kollege seine Beiträge veröffentlichte, in der Schweiz unter anderen die «NZZ am Sonntag» und die «Weltwoche». Sie werden ihre von diesem Journalisten veröffentlichten Beiträge nun ebenso minutiös prüfen müssen, wie dies der «Spiegel» tut.

Wichtiger als die Botschaft ist die Lehre für die Zukunft: Das Faktenchecking wird im Journalismus wichtiger werden und in allen Redaktionen ausgebaut werden müssen. Nicht in erster Linie deswegen, weil andernfalls die Vorurteile medienfeindlicher Politiker bestätigt werden (diese Vorurteile sind ihrerseits faktenfrei und werden sich halten, solange Politiker ein Interesse haben, den Medien die Glaubwürdigkeit zu entziehen). Aber Fehlerfreiheit, korrekte Fakten und das Streben nach Wahrhaftigkeit sind die Basis des journalistischen Handwerks. Sie unterscheiden Journalismus von der Kommunikation im Treppenhaus, in den sozialen Medien, am Stammtisch und oft auch von Politikerreden. Es ist dieser Unterschied, der dem Journalismus seine Bedeutung in der Demokratie und öffentlichen Debatte gibt und dem Lesepublikum die Gewissheit fundierter Information (was sie sich auch in Zukunft etwas kosten lassen wird).

Sensitive Alarmlämpchen sind immer dann angebracht, wenn die Recherche weit entfernt vom Leserkreis in einem anderen Sprachraum erfolgt.

Die Lehren aus dem neuesten Fall journalistischer Selbstschädigung sind für alle Beteiligten auf den Redaktionen einfach auf den Punkt zu bringen: Für den Journalisten werden Redlichkeit und Transparenz noch stärker ins Zentrum seiner Berufsvoraussetzungen rücken. Für den Kollegen auf der Redaktion wird die Rolle als Gegenleser wichtiger. Erscheint ihm ein Faktum als unglaubwürdig, so soll er nachfragen und sich bei andauerndem Zweifel sich selber bei der Quelle vergewissern dürfen. Bezeichnenderweise blinkte das Alarmlicht bei der Reportage beidseits der Grenze zwischen Mexiko und den USA zuerst beim Kollegen Juan Moreno, Co-Autor dieser Reportage auf der Südseite.

Sensitive Alarmlämpchen sind immer dann angebracht, wenn die Recherche weit entfernt vom Leserkreis in einem anderen Sprachraum erfolgt (im Nahbereich kontrolliert die Leserschaft die Fakten meist unbarmherzig mit), Fakten als besonders spektakulär erscheinen, perfekt massgeschneidert, um Aufmerksamkeit zu schaffen, und die Quellen diffus bleiben. Auch ein niederschwelliger Gebrauch anonymer Quellen sollte misstrauisch machen; die so transportierten Fakten (und schlimmer noch: Meinungen) sind auch von der bestdotierten Faktenchecking-Abteilung nicht zu überprüfen.

Korrektorate werden ihre Tätigkeit über die Korrektur von Verständlichkeit, Orthografie und Sprache hinaus auf die Überprüfung wichtiger Fakten ausweiten müssen. Bei Zeitschriften und Magazinen ist dieser Prozess schon im Gang, im Newsjournalismus wird er dann zur Normalität werden, wenn lernfähige Korrekturprogramme auch unter hohem Zeitdruck den Raum dafür geschaffen haben.

Die Leserschaft wird nichts vermissen, wenn einige Reportagen danach weniger spektakulär, stattdessen aber hundertprozentig vertrauenswürdig werden.

Blattmacher, Chefredaktionen und Jurys von Journalistenpreisen sind redaktionsintern und branchenweit mit dafür verantwortlich, dass Journalisten aus falschen Ambitionen oder falsch verstandener Bedienung der Aufmerksamkeitsökonomie über die Grenzen ihrer Redlichkeit hinaus getrieben werden.

Die Leserschaft wird nichts vermissen, wenn einige Reportagen danach weniger spektakulär, stattdessen aber hundertprozentig vertrauenswürdig werden. Die Wirklichkeit wird spektakulär genug bleiben. Und vielleicht werden Journalistenpreise künftig vermehrt für die höchste Ambition in unserem Beruf vergeben: solides Handwerk.

Res Strehle ist Leiter des Qualitätsmonitorings von Tamedia und Präsident der Schweizer Journalistenschule MAZ.

Erstellt: 20.12.2018, 20:56 Uhr

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