Plastiksäckli zählen, aber über das Militär schweigen?

Die Klima-Debatte hat sich in eine Ideologie privater Verantwortung verwandelt. Sie muss politischer werden.

Das US-Militär, der grösste einzelne Energieverbraucher der Welt, verbrennt 48 Millionen Liter Öl pro Tag. Foto: Reuters

Das US-Militär, der grösste einzelne Energieverbraucher der Welt, verbrennt 48 Millionen Liter Öl pro Tag. Foto: Reuters

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Wenn es um das Klima geht, zielen die Argumente oft ins Grosse: Von der «Menschheit» ist dann die Rede, von einem «Wir», das alle Lebenden umfassen soll und alle Menschen, die noch leben werden. Mindestens genauso oft aber zielen die Argumente ins Kleine, dorthin, wo es den «Einzelnen» geben soll, den verantwortungsvollen Bürger, der in den eng bemessenen Räumen seiner privaten Existenz den Lauf der Dinge zum Besseren wendet: dadurch etwa, dass er Flugreisen vermeidet, dass er auf Fleisch verzichtet und organische Abfälle auf den Komposthaufen trägt.

Nun ist es zwar so, dass auch private Entscheidungen politisch sein können, und es spricht nichts dagegen, aber vieles dafür, mit dem Zug zu fahren, anstatt zu fliegen. In beiden Fällen, im Grossen wie im Kleinen, verfehlt die Argumentation indessen ihren Gegenstand. Sie verwandelt etwas so Ernstes, Grosses und Gefährliches, wie es der Klimawandel nun einmal ist, in eine Angelegenheit der Ideologie und damit in lauter halbe Fiktionen.

Offensichtlich ist diese Verwandlung bei der Argumentation im Grossen. Denn es gibt zwar so etwas wie «die Menschheit». Es gibt sie im Hinblick auf ihr Dasein als biologische Spezies, auf ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung und auf etwas so Abstraktes wie Zeitgenossenschaft. Doch hat «die Menschheit» gewiss noch nie etwas gedacht, geschweige denn etwas beschlossen. Sie wird es auch in Zukunft nicht tun. Sie ist gänzlich unfähig, ihr «Verhalten» zu ändern, denn sie ist kein Subjekt.

Fantasie des Energiesparens

Wer immer «die Menschheit» anruft, um einen klimapolitischen Gesinnungswandel aller Menschen zu fordern, weiss um seine Ohnmacht. Er tritt ihr mit einer ins Imaginäre gerichteten Entscheidungswut entgegen, die garantiert keine Folgen zeitigt, abgesehen davon, dass die Forderung den Fordernden ins Recht setzt und ihm die Genugtuung des Besserwissens verschafft. Der Appell an «die Menschheit» ist deswegen eine bevorzugte Übung für Politiker, die vor den Folgen eines Klimawandels warnen, während sie ihn vorantreiben.

Schwieriger ist es, die Argumentation im Kleinen als Ideologie kenntlich zu machen. Daher ein Beispiel: Für jeden Passagier, der von Mitteleuropa nach Mallorca fliegt, werden, grob gerechnet, etwa hundert Liter Kerosin verbrannt. Die Menge erscheint als sehr gross, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie erscheint allerdings als winzig klein, wenn man sie am globalen Ölverbrauch misst: Das amerikanische Militär, der grösste einzelne Energieverbraucher der Welt, verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was ungefähr so viel ist, wie ganz Schweden in derselben Zeit vernutzt.

Das Politische erscheint in der Debatte um eine Verminderung des Klimawandels ins Private verschoben.

Bei allen Vorschlägen, die gegenwärtig zur Verminderung des Kohlendioxidausstosses kursieren, ist allerdings nie vom Militär die Rede. Das Politische erscheint in der Debatte um eine Verminderung des Klimawandels ins Private verschoben, und während jenes offenbar als nicht verhandelbar erscheint, sind der Fantasie des Energiesparens im Leben des Einzelnen offenbar keine Grenzen gesetzt.

Inwiefern die Verwandlung des Politischen ins Private eine tendenziell ideologische Veranstaltung ist, lässt sich an der Willkür bemerken, mit der gewisse Tätigkeiten als klimapolitisch verwerflich erscheinen, während andere, nicht minder «umweltschädliche» Verhaltensweisen unangefochten bleiben. In einigen Jahren, berechneten vor Kurzem zwei Physiker der McMaster University in Montreal, werde der Anteil, den die digitale Kommunikation an der Entstehung von Treibhausgasen habe, grösser sein als der Beitrag des gesamten Flugverkehrs. Die ökologische Bilanz von Einwegtüten aus Papier, rechnete unterdessen der Naturschutzbund Nabu aus, sei nicht besser als die Bilanz entsprechender Tüten aus Plastik. Mit der Baumwolltasche sehe es noch schlechter aus.

Es hat nicht viel Sinn, sich in dieses Wüten des vermeintlich wissenschaftlich gesicherten Dafürhaltens zu mischen, in dem jeder Besitzer einer Meinung vielleicht ebenso recht hat, wie er unrecht haben mag. Tatsache hingegen ist, dass das Argumentieren im Kleinen auf die Suche nach Schuldigen hinausläuft – und das ist etwas grundsätzlich anderes als eine Suche nach Gründen.

Diktat des Notstands

Die Überzeugung, dass der ökologische Notstand unmittelbar bevorstehe, falls er denn nicht schon längst eingetreten sei, sorgt für eine verschärfte Aufmerksamkeit des ökologisch verantwortungsbewussten Bürgers im Alltag. Sie setzt die Verwandlung von Umweltpolitik in eine private Verhaltenslehre voraus, wendet sich aber bevorzugt dem Nachbarn zu und nimmt neuerdings Anstoss: daran, dass der Nachbar ein Auto fährt, das grösser ist, als einem ökologisch verantwortungsbewussten Menschen zusteht (falls ihm eines zusteht), daran, dass er sorglos mit Plastiktüten umgeht, daran, dass er raucht, grillt oder überhaupt zu viel Dreck macht.

Wohlverstanden: es gibt gute Gründe, private wie politische, den Dreck so weit wie möglich zu vermeiden. Dem Diktat des Notstands möchte man sich gleichwohl nicht unterwerfen, zumal der Anspruch, dem Nachbarn oder den eigenen Eltern sei ökologische Vernunft beizubringen, schnell radikal wird. Um so mehr, als die Ergebnisse selbst der verantwortungsvollsten Klimapolitik (wenn es sie denn gäbe) noch lange auf sich warten lassen werden. Vielleicht ist die Annahme richtig, dass die ökologisch katastrophalen Verhältnisse längst eingetreten sind, auch wenn die Wissenschaft dies nicht beweisen kann. Aber selbst wenn das so sein sollte, sorgt die Rhetorik des Notstands für potenziell despotische Verhältnisse, eben weil jene Verhaltensregeln willkürlich und schlecht begründet sind.

Wahr ist jedenfalls, dass viele Menschen, die ihr ökologisches Gewissen damit zu beruhigen suchen, dass sie den Klimawandel primär als moralische Forderung an die private Lebensführung deuten, die schlimmeren künftigen Katastrophen vermutlich nicht mehr erleben werden. Wahr ist ferner, dass die Wahrscheinlichkeit, sie zu erleben, in dem Masse steigt, je jünger ein Mensch ist. Wahr ist aber auch, dass die Verwandlung eines globalen politischen Problems in eine Ideologie der persönlichen Verantwortung die beste Garantie dafür ist, dass alles so weitergeht wie bisher: moralisch, aber begriffslos. Die Debatte wird politischer werden müssen.

Erstellt: 28.10.2019, 18:14 Uhr

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