Fondueplausch

Güzin Kar über den Plausch als militärische Übung.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Mitten auf einer halbverschneiten Kuhweide, auf einem verwitterten Schild, stand das Wort, angesichts oder angehörs dessen ich regelmässig erschaudere: Fondueplausch. Darunter war von Hand ein Pfeil gemalt, der direkt auf eine gelangweilte, einsame Kuh zeigte, die zufällig in der Schusslinie stand. Fondueplausch. Was für ein Wort.

Generationen nach uns werden sich wundern, wie es sich derart unkontrolliert ausbreiten konnte. Besonders gern tummelt es sich auf handbeschriebenen Menütafeln, an deren oberem Rand der Schriftzug einer Biermarke prangt: «Jeden Freitag Fondueplausch. Gruppen bis 20 Personen», oder es steht auf liebevoll gestalteten Programmblättern von Vereinstreffen, als Schlusspunkt nach dem letzten Traktandum: «Danach Fondueplausch im gemütlichen Säli». Das Säli ist die Heimat des Plausches. Auf die beschwerlichen Varia folgt der befreiende Plausch mit oder ohne lüpfiger Musik, aber auf jeden Fall mit geselligem Beisammensein. Wieso ich Zugang zu Interna von Vereinen habe, obwohl ich keinem angehöre? Ich bilde mir ein, dass solche Blätter manchmal lose in Gaststätten herumliegen, als Ankündiger des Anlasses gedacht, aber innert zweier Stunden zu traurigen Zeugen eines stattgefundenen Plausches geworden.

Natürlich begegnet uns der Plausch auch auf Websites von Touristenorten: «Täglich Fondueplausch! Nach einer abenteuerlichen Bergfahrt geniessen Sie ein feines Hausfondue und lernen danach den Röteli, eine Bündner Spezialität, kennen.» Das ist kein Vorschlag, das ist eine Anweisung. Denn wer bereits im Voraus weiss, dass der Anlass ein Plausch, also eine freudige Sache, werden wird, wartet nicht auf die Rückmeldung der Gäste, er gibt vor. Jetzt wird geplauscht. Plausch ist kein Lebens-, sondern ein Überlebensmotto. Wir Plauschen, also sind wir noch.

Mit dem Fondue selber hat meine Abneigung im Übrigen nichts zu tun, denn ich liebe Fondue. Es ist der Käse gewordene Befehl, der mir Unbehagen bereitet. Vielleicht verstehe ich auch einfach die Gastronomensprache nicht, die in Deutschland Wörter wie Sättigungsbeilage hervorbringt. In der Schweiz heissen die sättigenden Beilagen Härdöpfeli oder Nüdeli. Aber der Plausch kennt keinen verharmlosenden Diminutiv, er ist nicht einfach ein mit guter Laune verniedlichtes Lebensmittelchen, Plausch ist weder Vergnügen noch Lust. Plausch ist ein Vorhaben, ein Plan, etwas, das verordnet und erfüllt werden kann. Wie eine Physiotherapie oder ein Medikament. Oder eine militärische Übung. Ein Fondueplausch ist der Befehl gewordene soziale Zwang. Jetzt plausch dich zusammen! Die Plauscheure wissen, wie man richtig zusammensitzt. Sie kennen die beste Tages- oder vielmehr Abendzeit für ein Fondue, die beste Sitzordnung und die beste Käsemischung. Ein simples Moitié-Moitié beleidigt den Plauschwillen. Da muss mindestens eine Besonderheit hinein. Der lokale Käser wurde beauftragt, ein originales Rezept von anno plauschzumal auszugraben und wiederzubeleben, auf dass die Plauschwilligen die feindliche Welt ausserhalb des Sälis, jene Welt mit all ihren Sorgen, ihren Schulden, dem Liebeskummer und all den anderen unabwendbaren Varia, im Käse ersäufen können. Das ist Plausch.

Als ich eine Stunde später wieder an der Kuhweide vorbeiging, hatte sich die Kuh wenige Meter zur Seite bewegt, sodass der Pfeil an ihr vorbei in die Weite zeigte. Touristen mussten denken, dass Fondueplausch das Dorf am anderen Hügel sein musste, auf das er nun zeigte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 15:33 Uhr

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