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Frauen, liebt euch!

Güzin Kar findet, dass die meisten Körper unfreiwillig komisch sind.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone
Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

Als Frau, die beschwingt in den Frühling aufbrechen will, konnte man sich bis anhin zwischen «Bikinifigur in drei Tagen!» und «Problemzonen elegant kaschieren» entscheiden. Nun hat sich eine dritte Möglichkeit aufgetan: «Frauen, liebt euch so, wie ihr seid!» Und dieser Befehl macht mir erst richtig Angst. Das Gebot der weiblichen Selbstliebe schüchtert mich dermassen ein, dass ich mich frage, ob ich überhaupt dazu befähigt bin, eine Frau zu sein. Ich gehörte noch nie zu jenen, die sich vor den Ganzkörperspiegel stellen, um sich voller Liebe zu betrachten. Allein die Vorstellung macht mich schaudern, unter anderem deswegen, weil ich einer Arbeit nachgehe, die solch zeitaufreibende Eigenbetrachtungen nicht zulässt.

Aber nicht nur aus diesem Grunde werde ich nie eine sein, die jede neue Falte zelebriert und willkommenheisst, als wäre sie eine lang erwartete Freundin, sondern einfach auch deshalb, weil ich Falten und Dellen nicht mag, zumindest nicht an mir, und gäbe es ein probates Mittel, sie zum Verschwinden zu bringen und mich nicht wie eine Geisterbahn erscheinen zu lassen, ich nähme es. Vermutlich habe ich eine frühkindliche Störung in der Selbstwahrnehmung und ein unausbalanciertes Vater-, Mutter-, Tanten- und Onkelverhältnis. Falls Sie sich in der Materie auskennen, analysieren Sie mich. Nur zu, unterstellen Sie mir auch ruhig alle Traumata, die Sie kennen. Es wird nichts daran ändern, dass auch Sie kläglich sterben werden.

Marschbefehle zur Selbstliebe

Der neue Zwang zur weiblichen Selbstliebe und zu unerschütterlichem Selbstbewusstein hat etwas Leni-Riefenstahl-Mässiges, etwa so, als hätte diese auf einmal von den jugendlich-strammen Paradekörpern, die sie so schön in Szene setzte, Abstand genommen und begonnen, ihren eigenen Körper zu feiern, ohne das Pathos und die Widerspruchslosigkeit aufzugeben. Es ist diese Eindeutigkeit und Unzweifelhaftigkeit dieser Form der Selbstliebe, die sie mir unheimlich macht und wie das weibliche Pendant der inzwischen verstaubt und doch eher maskulin besetzten Vaterlandsliebe der aufrechten Bürger und Soldaten vorkommen lässt. Früher liebte der Mann sein Land, die Frau ihre Familie. Die Frau von heute liebt ihre Zellulite. Für diejenigen, die dies nicht auf Anhieb schaffen, gibt es ein Arsenal an Kursen und Workshops, wo man sich drillen lassen kann. «Akzeptiert euch!» «Jede Frau ist schön!» «Ich bleibe, wie ich bin!» Geistige Bootcamps, in denen dem Weibsvolk Selbstbewusstsein antrainiert werden soll. Marschbefehle zur Selbstliebe.

Nun sehe ich immer noch nicht ein, weshalb sich Frauen so lieben sollen, wie sie sind, da ich nicht verstanden habe, was an einem Körper so liebenswert sein soll. Dabei meine ich gar nicht so sehr den einzelnen, sondern den Körper an sich. Es entspricht weder meinem Temperament, das nun einmal zur Melancholie neigt, noch meiner Überzeugung, dass der menschliche Leib an sich schön und liebenswert sei. Die meisten Körper sind unfreiwillig komisch, und dies nicht etwa, weil sie nicht der Norm entsprächen, sondern weil das Prinzip Körper wie eine unauflösliche mathematische Gleichung wirkt. Deshalb will ich ab und zu gleichwohl mit meinem Geist und meinem Körper hadern dürfen, auch, weil diese sanfte Unzufriedenheit mit sich selbst einen davor bewahrt, allzu selbstgefällig oder gar unbeweglich zu werden. Zudem muss niemand irgendwen uneingeschränkt lieben. Nicht einmal sich selbst.

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