«Für Kinder, die nicht mehr wissen, wie ihre Heimat aussieht»

In Syrien liegen Kulturgüter in Trümmern. Was kann digitale Rekonstruktion von Kulturgütern leisten, was nicht?

Die digitale Rekonstruktion des Baalshamin-Tempels im syrischen Palmyra. © Iconem

Die digitale Rekonstruktion des Baalshamin-Tempels im syrischen Palmyra. © Iconem

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Die römische Stadt Palmyra in Syrien wurde vom sogenannten Islamischen Staat 2015 dem Erdboden gleichgemacht. Kann das kulturelle Erbe mittels digitaler Technologie erhalten werden?
Die digitale Technologie bringt etwas fertig, was früher undenkbar gewesen wäre: Wir können bereits heute einige der zerstörten Tempel von Palmyra wieder anschauen. Diese Rekonstruktionen werfen aber viele Fragen auf: Ist die digitale Technologie ein geeignetes Mittel zur Erhaltung des kulturellen Erbes? Welchen Stellenwert hat sie für Wissenschaft und Tourismus? Wie kann sie im Museum eingesetzt werden? Kann sie auch als Ersatz dienen für kulturhistorisch bedeutende Orte, denen der Massentourismus zusetzt?

Bringt die digitale Rekonstruktion Rettung in höchster Gefahr?
Sie kann ein reales Kunstwerk nicht ersetzen. Das ist eine Illusion. Die Rekonstruktion ist eine Annäherung. Sie kann ein wichtiges Mittel sein, um das kulturelle Erbe im kollektiven Gedächtnis zu erhalten.

Ist das Digitale mit dem Original verbunden, oder funktioniert es auch unabhängig davon?
Wenn ich an die Höhlen von Lascaux denke und an gewisse Museumsausstellungen, dann werden digitale Rekonstruktionen in enger Beziehung zum Original eingesetzt. Digitale Rekonstruktionen könnten aber auch ortsunabhängig funktionieren und dazu beitragen, dass die Leute nicht mehr um die halbe Welt fliegen müssen, um sich den Vatikan oder die Pyramiden von Gizeh anzuschauen. Auch der Kulturtourismus hat Grenzen.

Zu Palmyra und seiner digitalen Rekonstruktion forschen mehrere Teams. Inwiefern unterscheiden sichdie Vorgehensweisen?
Am Anfang steht sicher die wissenschaftliche Dokumentation, wie sie zum Beispiel das Lausanner Team um den Archäologen Patrick M. Michel macht. Sie haben den Baalshamin-Tempel von Palmyra digital rekonstruiert. Zuerst braucht man dazu vertrauenswürdige Daten, was nicht selbstverständlich ist. In Lausanne hat man diese Daten, weil man hier die Unterlagen des Schweizer Archäologen Paul Collard auswerten darf. Er war Mitte des 20. Jahrhunderts in Palmyra und hat damals im Auftrag der Unesco und des Schweizer Nationalfonds Kulturgüter vermessen, gezeichnet und fotografisch dokumentiert. Diese Daten werden nun digitalisiert und auf eine kluge Art mit einem Internet-Interface zugänglich gemacht.

Dominik Landwehr, Spezialist für digitale Kultur. Foto: PD

Die Pariser Firma Iconem hat die Daten aus Lausanne auf spektakuläre Weise visualisiert. Was haben sie genau gemacht?
Diese Firma ist spezialisiert auf digitale Rekonstruktionen von Kulturgütern. Sie stützt sich dabei auf alle greifbaren Daten. Sie arbeitet auch mit Drohnen, um schwer zugängliche Territorien zu erfassen. Das hat man etwa in Afghanistan gemacht. Ganz ähnlich geht auch das Team von Marc Grellert der TU-Darmstadt vor, das sich seit über 20 Jahren mit der digitalen Rekonstruktion von Synagogen befasst, die von den Nazis zerstört wurden. Man hat hier Fotografien, Pläne, zum Teil auch Augenzeugenberichte, auf deren Grundlage man ein dreidimensionales Modell erstellt. Iconem hat, wann immer es die Daten zuliessen, die Gebäude von Palmyra digital rekonstruiert und sich dabei auf die Trümmer gestützt, die in der Nähe herumlagen. Das ist eine riesige Arbeit, die Hunderte von Stunden erfordert.

Schliesslich wurde diese Rekonstruktion von Palmyrain Paris ausgestellt.
Die Daten bildeten die Grundlage für eine spielerische Animation, für die man eine 3-D-Brille braucht. Zu sehen war das Ganze in einer Ausstellung im Institute du Monde Arabe. Sie wird ab dem 30. August unter dem Titel «Von Mossul nach Palmyra. Eine virtuelle Reise durch das Weltkulturerbe» auch in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen sein.

Barry Threw aus San Francisco ist Moderator einer Plattform, die er #newpalmyra-Projekt nennt. Welche Absichten verfolgt er damit?
Dort können alle Akteure ihre Projekte zugänglich machen und ihre Daten austauschen. So können auch andere mit einem Datensatz arbeiten, den jemand ins Internet stellt. Man kann aus den digitalen Daten, die man von einem bestimmten Objekt hat, nicht nur eine Rekonstruktion machen, sondern auch etwas ganz Neues.

Interessant ist ja in diesem Zusammenhang die künstlerische Guerilla-Taktik, die Nora al-Badri und Jan Nikolai Nelles bei der Büste der Nofretete, die sich im Neuen Museum in Berlin befindet, einschlugen.
Die beiden Künstler haben die Daten der Büste im Internet zugänglich gemacht. Unklar ist, wie sie an diese herangekommen sind. Sie sagen, sie hätten die Büste selber gescannt. Das stimmt mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Und das Museum hatte wenig Freude an dieser Guerilla-Aktion. Mithilfe eines 3-D-Druckers können heute alle diese Büste ausdrucken. Die Künstler haben dann eine Kopie der Nofretete in der Wüste von Ägypten vergraben. Eigentlich möchte man ja dort dieses Stück schon lange zurückhaben. Die Berliner Künstler haben mit denselben Daten auch eine Animation hergestellt, in der Nofretete nun lächeln und über ihre Situation reden kann, dabei sind ihre Kommentare ziemlich giftig.

Das geht viel weiter als die möglichst realitätsnahe Rekonstruktion.
Die entscheidenden Stichworte hier heissen Appropriation oder Remix. Im Victoria & Albert Museum in London zum Beispiel ermöglichen digitale Modelle einen neuen Zugang zu den Objekten. Laut Brendan Cormier, der Kurator an diesem Museum ist, will man nicht, dass die Besucher vor Ehrfurcht vor den Objekten erstarren, stattdessen ermuntert man sie, selber Hand anzulegen und das digitale Modell zu verändern.

Der Baalshamin-Tempel in Palmyra vor der Zerstörung durch Islamisten. Foto: Getty Images

Ist das nicht vergleichbar mit dem Ansatz, den Barry Threw mit #newpalmyra verfolgt?
Ja, auf #newpalmyra sehen wir unterschiedlichste Modelle zu Palmyra. Unter den Akteuren auf dieser Plattform gibt es auch Aktivisten und Künstler aus Syrien selber, die über die ganze Welt zerstreut sind und mit Beiträgen auch ein Stück Trauerarbeit über den Verlust dieser antiken Gebäude machen. Es geht hier nicht um wissenschaftliche Genauigkeit. Eines meiner liebsten Beispiele ist ein Ausschneidebogen zu Palmyra, wie wir ihn in unserer Jugend zu Schloss Kyburg oder Sargans geschenkt bekommen haben. Das ist gemacht für Kinder, die aus jener Gegend kommen, aber gar nicht mehr wissen, wie es in ihrer Heimat aussieht.

Inwiefern relativiert die Digitalisierung unsere Beziehung zum Original, das ja in unseren Museen zum Fetisch geworden ist?
Das Original ist meines Erachtens eine intellektuelle Konstruktion. Es wurde nicht zuletzt in der von Walter Benjamin geführten Debatte um die Aura des Kunstwerks auf den Sockel gehoben. Kein Werk lebt ewig, auch wenn es aus Stein ist: Ein gutes Beispiel ist die Trajanssäule in Rom, die im ersten Jahrhundert nach Christus geschaffen wurde. Das Original ist durch Abgase und Regen verwittert. Zum Glück hat man schon Mitte des 19. Jahrhunderts einen Abguss hergestellt, der heute im Victoria & Albert Museum ausgestellt wird. Er ist viel besser als das Original, weil dieses langsam kaputtgeht.

Sehen Sie die digitale Kopie auch als Möglichkeit, wie man zum Beispiel afrikanische Kulturgüter restituieren kann?
Nach heutigen Standards ist die massenhafte Ausfuhr von Kulturgütern aus Afrika, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert vorgenommen wurde, ethisch nicht mehr vertretbar. Wir wissen allerdings auch, dass in vielen Fällen das Original nicht überlebt hätte, wenn es nicht in ein europäisches Museum gebracht worden wäre. Mit vielen dieser Objekte verbinden sich abenteuerliche Geschichten, in denen die Rolle der Museen als Kulturschützer und -behüter nicht zu unterschätzen ist. Eine sorgfältige Aufarbeitung und eine lückenlose, öffentlich einsehbare Dokumentation scheinen mir heute aber wichtiger, als pauschale und ideologiegetriebene Vorwürfe in den Raum zu stellen.

Kann die Kopie das Original im Prozess der Dekolonisierung ersetzen?
Nein. Auch wenn die digitale Kopie einem ein Objekt überall auf der Welt vergegenwärtigen kann, so hat die Restitution von Originalen im Prozess der Dekolonialisierung natürlich eine zentrale kulturelle und politische Bedeutung.

Das Buch dazu: Migros-Kulturprozent/Dominik Landwehr (Hg.): «Edition Digital Culture 6: Virtual Reality». Christoph-Merian-Verlag 2019, 300 Seiten, 20 Franken



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Erstellt: 27.07.2019, 16:46 Uhr

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