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Ganz geeint mit der Gegenwart

Redaktion Tamedia-Journalisten präsentieren täglich einen Sehnsuchtsort. Heute: Bei Brecht in Buckow.

Facettierte Fensterfront, Seezugang und Badesteg inklusive. Brechts Sommersitz in Buckow. (Bild: Laif)
Facettierte Fensterfront, Seezugang und Badesteg inklusive. Brechts Sommersitz in Buckow. (Bild: Laif)

Wir waren schon im hohen Norden gewesen: In Svendborg auf der Insel Fünen, wo es Bertolt Brecht auf der Flucht vor dem Hitler-Regime als Erstes hin verschlug. Und wo wir kurz nach der Jahrtausendwende klirrende Wintertage verbrachten, uns von einem riesigen Stück Kalbfleisch nährten und ganz begeistert waren, dass wir Brechts damaliges Wohnhaus mehrere Wochen lang ganz für uns hatten.

Gut, am Ende unseres Aufenthalts waren wir auf der Fünen-Insel abgeschnitten vom Festland, weil ein blöder Tanker gegen einen Brückenpfeiler geknallt war. Aber nach unseren Dänemark-Wochen waren wir überzeugt, dass Brecht einen vorzüglichen Immobiliengeschmack gehabt haben muss. Und so fuhren wir im Sommer darauf in die Märkische Schweiz, wo sich am Rand einer Seniorensiedlung Brechts Sommersitz seiner letzten Lebensjahre befindet.

Hannah Arendt meinte mal, mit den «Buckower Elegien», die Brecht hier nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 schrieb, sei «kein Staat» zu machen. Aber wir, die Fans von Brechts Immobiliengeschmack, wurden nicht enttäuscht: Hohe Räume, dunkles Mobiliar, das sich vom gekalkten Weiss absetzt, facettierte Fensterfront, Seezugang und Badesteg inklusive. Doch, doch, hier liesse es sich schöner wohnen. Auch wenn wir vielleicht nicht ganz den Einrichtungsgeschmack von Brechts Allzeitfrau Helene Weigel – bayerisches Grobmobiliar aus dem 19. Jahrhundert – teilten.

Damals sassen wir noch eine Weile vor dem schönen Haus und schrieben alberne Gedichte auf eine Postkarte, die wir an uns selbst schickten – und in denen wir Brechts Ton persiflierten. Und wir gingen schwimmen. Gemäss den Anweisungen, die wir in Brechts Gedichten fanden: Sich auf den Rücken kehren, die Augen schliessen und «ganz geeint» sein. Wie es der «liebe Gott tut», wenn er am Abend noch in seine Gewässer steigt. So steht es zumindest in Brechts Gedicht «Vom Schwimmen in Seen und Flüssen», das man in seiner «Hauspostille» nachlesen kann.

Wir verbrachten in Buckow also einen Nachmittag heiterer Sorglosigkeit. Ergänzt um eine kleine Autostopperei, die uns nach Neuhardenberg brachte, wo es eine schöne Schinkel-Kirche zu besichtigen gibt. Aber das war es nicht, was uns dorthin gelockt hatte. Wir wollten mit Christoph Schlingensief und Patti Smith auf einen Militärflugplatz aus DDR-Zeiten hinausfahren, wo in der anbrechenden Nacht von einem Hochsitz aus die Stimme Adornos auf uns herabröhrte, wo in einem Hangar die Mondlandung nachgestellt wurde und in alten Bunkern Drehbühnen mit Motiven aus Schlingensiefs Bayreuther «Parsifal»-Inszenierung beballert wurden. Mithilfe von Video-Beamern.

Christoph Schlingensief starb fünf Jahre nach unserem Tag in Buckow. Vieles ist anders geworden. Aber nein, ins sorgenlose Damals möchte ich nicht zurückkehren. Der Tag in Buckow ist eher der Beweis, dass Sehnsuchtsorte und all diese Theorien, wonach wir Menschlein von unserem Begehren gesteuerte Wesen seien und deshalb immer anderswo sein möchten, nicht ganz ernst zu nehmen sind. Am Ende zählen nur die Momente, in denen man «ganz geeint» mit der Gegenwart ist. Damals, heute, in Zukunft. Bitte noch oft und ganz lange. Aber das Haus in Buckow würde ich schon nehmen, wenn man es uns anbieten würde. Nur die Brecht-Touristen, die wir damals selbst waren, müssten dann halt wegbleiben.

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