Spider-Man spinnt wohl

Auf dem vermeintlich sicheren Youtube-Kinderkanal machen immer mehr originalgetreue, aber brutale Fälschungen Kindern Angst.

Bild: Screenshot Youtube

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Es sind für junge Zuschauer verstörende Bilder: Spider-Man uriniert in eine Badewanne, in der Elsa aus dem Disney-Film «Frozen» sitzt. Peppa Pig wird von Zombies und Monstern angegriffen. Mickey Mouse liegt nach einem Autounfall in einer Blutlache. Auf Youtube hat sich eine Szene etabliert, die sinnlose, brutale und teils gewaltverherrlichende Videos mit Helden aus Comic- und Animationsfilmen produziert – und damit ein sehr breites Publikum erreicht. «Toys and Funny Kids Surprise Egg» etwa, der Clips mit Knetfiguren von Hulk, Spider-Man und Elsa zeigt, gehört mit über fünf Milliarden Views zu den 100 meistgeklickten Videokanälen der Welt.

Das Perfide: Mit Titeln wie «Frozen Elsa and Spider-Man Prank» haben es die Macher gezielt auf Kinder abgesehen, die nach ihren Lieblingsserien oder -figuren suchen. Die Kanäle haben harmlose Namen wie Happy Kids TV, Kids Animation oder Beeble Kids TV. Die gefälschten Videos locken mit bunten Vorschaubildern und sind durch ihre originalgetreue Gestaltung zunächst nicht als Fake erkennbar. Allen Clips ist gemein, dass sie erst im Verlauf eine brutale Wendung nehmen. Dem Youtube-Algorithmus, der nicht kinder- und jugendfreie Clips eigentlich aussortiert, entgehen die Inhalte so. Nach Berichten von BBC und «New York Times» erhielt das Problem bisher vor allem in den USA grössere Aufmerksamkeit, ist aber nicht regional begrenzt, da die meisten Clips ohne Sprache, dafür mit fröhlicher Hintergrundmusik und Geräuschen funktionieren.

Klickzahlen generieren Werbeumsätze

Noch ist unklar, wer hinter den Videos steckt. «Das Phänomen ist neu, eine Erklärung haben wir noch nicht», sagt Youtube-Pressesprecher Robert Lehmann auf Anfrage. «Wir können nur spekulieren.» Handelt es sich wirklich um eine Szene, die Kinder absichtlich verängstigen und traumatisieren will, wie der Autor James Bridle in einem Beitrag auf der Bloggerplattform Medium.com behauptet? Oder ist es doch ein makabrer Scherz für Erwachsene, bei dem Kinder nur eine Art Beifang sind?

Video: Verstörende Youtube-Kinderclips Eltern reagieren auf die verängstigende Inhalte auf Youtube. Video: Youtube/BBCTrending

Das Problem ist mit Blick auf den zunehmenden Erfolg von Kids-Content auf Youtube besonders drängend. Der Kinderkanal ist seit fünf Jahren der am stärksten wachsende Bereich der Plattform. Auf einem Kanal, der wirkt, als sei er der offizielle Channel von Peppa Pig, ist zu sehen, wie das Ferkel beim Zahnarzt liegt und mit Horrorinstrumenten malträtiert wird. Die meisten Fans von Peppa Pig sind zwischen drei und fünf Jahre alt.

An dem Phänomen lässt sich gut ablesen, wie SEO- und Thumbnail-Optimierung funktionieren, die dafür sorgen, dass Clips in den Suchergebnissen von Youtube oder bei Google ganz oben erscheinen. Der Youtube Channel h3h3 vermutet in einem Beitrag, dass Betreiber von Fakekanälen die Disney-Protagonisten nutzen, um möglichst viele Klicks zu generieren. Sie versehen dafür ihre Titel mit Schlagwörtern wie «Spider-Man», «Kinder» und «lustig». Erscheinen die Clips auf der Ergebnisseite ganz oben, generieren sie Abrufe und damit Werbeumsätze. Für diese Theorie spricht, dass Videos mit den Begriffen Spider-Man und Elsa besonders oft geklickt werden. Dass Spider-Man Elsa hypnotisiert und dazu bringt, aus einer Toilette zu trinken, ist zunächst nicht zu erkennen. Ausgerechnet der verstörende Klo-Humor und die Gewalt könnten Kinder dazu bringen, immer mehr Videos zu schauen.

Die Datenmengen sind zu gross

In den sozialen Medien häufen sich Berichte von Eltern, deren Kinder solche Clips gesehen haben. Es wird nach Verantwortlichen gesucht und diskutiert, wie man dem entgehen kann. Youtube hat inzwischen auf die Kritik reagiert und seine Richtlinien angepasst. Nutzern wird empfohlen, entsprechende Videos zu markieren. Diese werden dann mit einer Altersbegrenzung versehen und automatisch aus dem Kids Channel aussortiert. Komplett entfernt werden sie aber nicht. «Wir verstehen uns als eine freie Plattform: Solange nicht zu Gewalt aufgerufen wird, dürfen die Videos draufbleiben, egal, welchen möglicherweise fragwürdigen Vorlieben sie entsprechen», so der Pressesprecher.

Die Datenmengen wachsen täglich und sind längst zu gross, als dass alle Inhalte markiert oder gemeldet werden könnten. Abhilfe schaffen Kinderschutz-Softwares wie Nat Nanny, welche die gesamte Website scannen, einschliesslich der Kommentare, in denen womöglich auf Gewalt hingewiesen wird. Alternativ dazu können Eltern eine Playlist mit vorher überprüften Quellen erstellen. Eine andere Lösung ist vorerst nicht in Sicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2017, 23:21 Uhr

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