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Gespräche im Zug

Güzin Kar hat ganz genau hingehört.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone
Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

«Jetzt muss ich doch fragen: Was sind Sie von Beruf?» «Biotechnologin.» «Ah, das ist interessant. Da hätt ich jetzt ein paar Fragen.» «Nur zu.» «Sie machen also Gentechnik?» «Nein, Biotechnologie. Zurzeit forsche ich mit Stammzellen.» «Ach so, Sie züchten diese Hautlappen.» «So kann man es nennen. Wir forschen an medizinischen Einsatzmöglichkeiten.» «Ich finde es verrückt, wie sich das alles entwickelt. Da kann man einen Schweinelappen auf einen Menschen tun, und das wächst dann zusammen.» «Ja, so in etwa.» «Ich frag mich immer, warum man das macht.» «Was macht?» «Diese DNA-Sachen. Warum züchtet man plötzlich wieder Mammuts?» «Gute Frage. So etwas mache ich nicht. Ich züchte keine Mammuts.» «Ich meine, es gibt doch Gründe, weshalb gewisse Tiere ausgestorben sind. Warum kann man das nicht einfach akzeptieren?» «Natürlich müssen wir uns bei der Arbeit Fragen der Ethik stellen.» «Mich dünkt das unethisch, wenn man jetzt einfach Mammuts züchtet, nur damit man anstelle von Bison ein Mammutsteak auf dem Teller hat.» «Nein, so sollte es nicht sein. Ich finde, dass Stammzellenforschung zu medizinischen Zwecken etwas anderes ist als für lustige Experimente.» «Ich will kein Mammut essen.» «Ich auch nicht.» «Man spielt ja Gott. Und dann brauchts ja doch immer zwei, ein Weibchen und ein Männchen, und am Ende stammt dann die ganze Mammutpopulation von diesen beiden ab. Das finde ich gschpässig.» «Ja, das wäre unheimlich.» «Aber ich finde nur schon Bison auf dem Teller komisch. Früher gabs das nicht, da hat man Ochs gegessen.» «Ich bin Vegetarierin.» «Mein Sohn auch. Er achtet sehr auf seine Gesundheit, aber er klettert. Und Paragliding macht er auch.» «Ui, da hätte ich Angst vor.» «Ich sag immer, es kann überall etwas passieren, auch beim Kochen. Mein Grossvater ist vom Stuhl gefallen und gestorben, als er sich die Pralinés aus dem oberen Küchenschrank holen wollte. Jetzt könnte man sagen, dass Pralinés für ihn recht ungesund waren.» «Da hätte er genauso gut klettern gehen können.» «Vielleicht kommt der Tag, wo Sie unseren Grossvater mit ein bisschen DNA wiederherstellen können.» «Das würde ich gern tun, wenn ich es könnte, aber so weit sind wir noch nicht. Vielleicht zum Glück, was nicht gegen Ihren Grossvater gerichtet ist, sondern gegen die unbegrenzten Möglichkeiten.» «Die Frage ist, ob es überhaupt derselbe Grossvater wäre oder nur eine Art Zwilling. Ich meine, ob er dann auch die ganzen Erinnerungen mitbringt oder ob man Opa erst einen Chip einsetzen muss, damit er wieder weiss, wie wir alle heissen.» «Manche erinnern sich auch so nicht an alles, was auch Vorteile hat.» «Meinem Opa hätten Sie einen von Ihren Schweinelappen einsetzen können. Der hätte nichts dagegen gehabt.» «Einen Schweinelappen auf Ihren Opa?» «Er hatte einen Hautausschlag von einer Salbe, die er aber nicht absetzen durfte. Darum hats den immer gejuckt.» «Ja, die ganzen Nebenwirkungen der Medikamente sind manchmal schlimmer als der Nutzen.» «Aber ein Schwein reagiert da ja anders drauf, das wälzt sich sowieso immer im Schlamm, das hat deshalb ein viel besseres Immunsystem.» Schweigen. Pause. Beide sehen aus dem Fenster. Dann: «Aber jetzt muss ich Sie doch fragen. Was machen Sie beruflich?» «Ich bin pensionierter Betreibungsbeamter.» «Ach, wirklich? Da hätte ich aber ein paar Fragen.»

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