Wer kein Hippie ist, grilliert mit Gas

Viele Menschen behaupten, wahre Grillqualität sei nur über der Holzkohle zu erreichen. Ein Irrtum - wie die Fakten beweisen.

Zu viel Fett ist selten gut, auf dem Gasgrill jedoch besser: Würste auf der Platte. (Archivbild)

Zu viel Fett ist selten gut, auf dem Gasgrill jedoch besser: Würste auf der Platte. (Archivbild) Bild: Keystone

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Immer noch gehöre ich zu einer Minderheit, wenn ich mich als Gasgrill-Fan oute. Die meisten würden einem Holzkohlegrill den Vorzug geben. Aber wie diese Leute doch irren! Etwa so, wie früher Menschen irrten, die glaubten die Erde wäre flach, bis Magellan sie umrundete. Irgendwann muss jeder aufrecht der Wahrheit ins Gesicht schauen. Besonders dann, wenn die Fakten so erdrückend unwiderlegbar sind wie jene, welche die Vorzüge eines Gasgrills belegen.

Da wäre zunächst einmal die Hygiene: Gas = sauber, Kohle = dreckig. Kohle auf dem Boden, weil bei der Entsorgung fast immer was daneben geht. Kohle an den Händen, weil beim Einfüllen fast immer was daneben geht. Und in seltenen Momenten: Kohle im Gesicht. Gerne erinnere ich mich an jenen Grillabend, als ein Bekannter sich breitbeinig vor seinem Kohlegrill postierte. Einen Windstoss später hustete er Asche - wie in jener Filmzene, in der Jeff Bridges alias Big Lebowski sich die Überreste seines verstorbenen Freundes ins Gesicht schüttete, weil er im Gegenwind stand.

Geschmack: Glühende Verfechter von Holzkohlegrills sprechen gerne und oft von diesem «gewissen Etwas», das Fleisch nur bei der Zubereitungsart über der offenen Glut erhalte. Die wahren Kenner wissen, dass das Grillgut auf einem Holzkohlegrill kein Aroma bekommt, das es auf einem Gasgrill nicht auch bekommen würde. Dieses gewisse Etwas rührt einfach daher, dass der Saft des Fleisches bei etwa 180 Grad verdampft und sich danach auf dem Grillgut festsetzt. Gleichzeitig schliessen sich die Muskelzellen und ein Teil des Saftes bleibt im Inneren des Fleisches enthalten. Egal ob auf Gas oder Kohle. Auch eher ärgerlich ist die Mär des einzigartigen «Holzgeschmacks», der sich im auf Holzkohle grillierten Fleisch manifestieren soll. Dafür gibt es nämlich keine Beweise und auch in Blindtests wurde dieser Geschmack, wie er auch immer schmecken soll, noch nie erkannt.

Unterschiede in der Zubereitung mit Gas- oder Holzkohlegrill sind nur zu erkennen, wenn bei letzterem wieder einmal die Flammen durchgehen. Will heissen, wenn Fleischfett durch den Gitterrost tropft, eine Stichflamme provoziert und das vormals noch saftige Entrecôte nunmehr mit einer krebserregenden Kohleschicht garniert. Diverse andere Gründe wie besseres Zeitmanagement, kontrollierte Hitzerverteilung oder sauberere Abluft sprechen auch für den Gasgrill. Dennoch stehen Holzkohleanhänger bedingungslos hinter ihren Dreckschleudern und erzählen irgendetwas von Romantik.

Ein Freund sagte einmal in einem Anflug geistiger Umnachtung, dass er sich beim Gasgrillieren vorkomme, als würde er neben einer Zapfsäule picknicken. Darauf entgegnete ich, dass der Kohlegrill mich irgendwie unangenehm an ein Nudistencamp erinnere. Klingt beides abstrus – deshalb bleiben wir besser bei den Fakten.

Erstellt: 07.05.2011, 10:07 Uhr

Umfrage

Was ist Ihre bevorzugte Zubereitungsart für Fleisch?

Auf dem Gasgrill

 
34.2%

Auf dem Holzkohlegrill

 
40.4%

Über dem offenen Feuer

 
14.1%

In der Pfanne auf dem Herd

 
6.5%

Keine, ich bin Vegetarier

 
4.8%

4723 Stimmen


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  • Donnerstag, 5. Mai: «Grillieren ist doof»

  • Freitag, 6. Mai: Die Replik des Grillfans

  • Samstag, 7. Mai: «Der wahre Grilleur grilliert mit Gas»

  • Montag, 9. Mai: Die besten Leserkommentare

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