Güzin Bärfuss

Güzin Kar wurde falsch angesprochen, antwortet an dieser Stelle aber trotzdem gern.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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«Sehr geehrter Herr Bärfuss», stand in der E-Mail an mich, «gerne würde ich Ihre Meinung befragen zu einer Rede, die Thomas Hürlimann am Nationalfeiertag halten wollte.» Ganz offensichtlich hatte die Journalistin mehrere Leute angeschrieben und es in der Eile versäumt, die Anrede anzupassen. Der Gegenstand ihrer Befragung war mir bekannt. Thomas Hürlimann, auch ein Kulturschaffender, sollte eine Rede zur Bundesfeier halten, wurde aber krank, worauf eine Zeitung in die Bresche sprang und half, das, was er in seiner Rede kundtun wollte, doch noch zu verbreiten.

«Früher waren in Worten wie Miteidgenossen, Studenten oder Arbeiter beide Geschlechter eingeschlossen», meint Hürlimann zum Beispiel. Ich nehme an, es ist jenes früher gemeint, als die Frauen noch kein Stimm- und Wahlrecht besassen. Weiter im Text ging es um weibliche Wortendungen, zu viel Toleranz und darüber, dass man heutzutage nicht mehr alles sagen bzw. schreiben dürfe. Die Rede las sich so, wie sich alle Reden von Leuten lesen, die an dunkle Mächte glauben, deren Schergen an der Tür klingeln, sobald man die weibliche Wortendung vergisst. Ich habe auch schon 1.-August-Reden gehalten und kenne das Bedürfnis, vom Rednerpult aus die ganze Schweiz befreien zu wollen, ohne zu wissen, wovon genau. Aber irgendetwas ist ja zum Glück immer.

Ich fand die Rede inhaltlich und sprachlich langweilig, regte mich aber nicht weiter darüber auf. Unklar war mir, ob sie bereits all die Dinge enthielt, die Hürlimann nicht sagen darf, also ob es die gelungene Umsetzung des Wandtafel-Paradoxons war, bei dem ein Schüler 100-mal «Ich darf nie wieder Arschloch sagen» an die Wandtafel schreibt, oder ob Herr Hürlimann eigentlich ganz andere Dinge sagen und schreiben wollte, sich aber nicht traute. Und wenn ja, was? Vielleicht: «Ich finde Trump sexy», «Frauen sollten sich um ihre Schönheit und nicht um Politik kümmern», «Schwule stinken» oder einfach «Mohrenkopf!». Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass man solche Dinge schreiben kann, da ich sie täglich lese. Also muss es um ganz andere Dinge gehen.

Wie aber konnte die Journalistin, die nun meine oder Herrn Bärfuss’ Meinung zu diesem Thema erfragen wollte, sicher sein, dass ich aka Bärfuss wirklich sagen würde, was wir sagen wollten? Was, wenn auch wir nichts sagen dürfen? Aber vielleicht hat mich die Journalistin gar nicht versehentlich verbärfusst, sondern in ihren Zeilen steckt eine subversive Aufforderung: «Liebe Frau Kar, wir können das Problem des Nichtmehrsagendürfens elegant lösen, indem Sie sich hinter dem Pseudonym Lukas Bärfuss verstecken, Bärfuss wiederum verschanzt sich hinter Pedro Lenz, und der hinter Hazel Brugger.» Das könnte aufgehen. Was aber, wenn jene ominöse 1.-August-Rede gar nie von Hürlimann geschrieben wurde? Ich meine, ist es nicht seltsam, dass er in dem Moment krank wird, da er sie vortragen soll? Ich glaube, die Rede stammt von einem Asylbewerber, der neben den diversen Integrationskursen auch einen Kurs «Simples, aber korrektes Deutsch dank Textbausteinen» belegt hat.

Erstellt: 24.08.2018, 16:27 Uhr

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