Hat jemand «Senderos» gesagt?

Manche finden, Fussballtalk sei nur dummes Geschwätz. Falsch.

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Nehmen wir das Problem «Innenverteidigung». Man könnte sich in Statistiken vertiefen, das Besteck der Psychoanalyse hervorholen, über Zwischenmenschlichkeit philosophieren. Ist Schär gesetzt? Soll Akanji neben Elvedi spielen? Nati-Fans beschäftigt das unsichere Gebilde der Schweizer Abwehr wie Geologen eine seismische Risikozone.

Dummes Geschwätz, hätte Umberto Eco gesagt. Der Schriftsteller («Im Namen der Rose») schrieb vor 50 Jahren den Essay «Das Sportgerede». Kluge Köpfe, denen Sportevents auf die Nerven gehen, beziehen sich bis heute darauf. Das Sportgerede, damit auch das Reden über Fussball, zeichne sich durch «totale Ignoranz» aus. Jeder labert, keiner widerspricht. Eco zitiert Heidegger: «Das Gerede ist die Möglichkeit, alles zu verstehen ohne vorgängige Zueignung der Sache.» Der Italiener hält das Sportgerede inhaltlich für komplett bedeutungslos, vergleicht es mit dem Krächzen eines Radios ohne Senderempfang.

Ein falsches Wort...

Eco irrt. Und mit ihm alle, die dieser Tage klagen, an der WM feiere das Dummschwätzertum Urstände. Oder jene, die sich mithilfe eines Panini-Albums oder Small-Talk-Breviers einklinken wollen – sorry, klappt leider nicht. Verständnis entsteht erst nach Jahren des Schauens toller Matches, mieser Matches, vieler Spieler, ähnlicher Spielsituationen. Ein Vergleichsraster bildet sich aus. Selbstverständlich kann man das erste Stück von Schostakowitsch oder das erste Drama von Tschechow, das man erlebt, grossartig finden. Wie grossartig es tatsächlich war, merkt man erst in der Wiederholung. So auch im Fussball.

Wer nichts vom Fussball versteht und dennoch davon spricht, verhält sich unhöflich – auch während einer WM. Denn der gute Fussball-Talk ist heikel wie ein Dialog bei Dostojewski: Ein falsches Wort, und alles ist dahin. Ein «Was ist mit Senderos?», und schon starrt der eine Freund ins Leere, und der andere fragt, ob jemand noch ein Bier brauche, er gehe jetzt nämlich rasch zur Bar. Selbstverständlich ists ebenfalls unhöflich, als Kenner mangels Alternativen einen Laien zu behelligen. Eco mochte den Fussballfan nicht, «weil er kapiert nicht, dass man selbst keiner ist, und beharrt darauf, mit einem so zu reden, als ob man einer wäre.»

Anderseits unterschätzt Eco die verbindende Wirkung des gelungenen Fussballgesprächs. Es gibt wenige Alltagssituationen, die sich emotional tiefer einprägen als ein heftig beredetes Fussballmatch von besonderer Dynamik oder Prestige. In 90 Minuten werden Freundschaften zementiert, neue entstehen.

Keine Energie mehr für Politik?

Eigentlich ist es ja weniger die Fachsimpelei an sich, die Umberto Eco stört, sondern die Abwesenheit von Politik dabei. Wenn Fussballfans über Trainer-Entscheidungen reden, als ginge es um Beschlüsse von Politikern, als wäre die Auswechslung eines Stürmers eine Steuersenkung für Reiche, dann ist das für Eco nicht eine Parodie der politischen Diskussion, sondern schlimmer noch: deren Ersatz. Der Fan verausgabe sich derart im Sportgerede, kritisiert Eco, dass er danach keine Energie mehr übrig habe, um sich als Bürger der wirklich wichtigen Dinge anzunehmen.

Die WM in Russland scheint Ecos Bedenken zu belegen. Ist dieses Turnier nicht ein klassischer Brot-und-Spiele-Event, der beschönigen soll und ablenken? So einfach ist es nicht. Russische Politik wird für viele Fussballfans nun erstmals zum Thema. Nicht während des Spiels, aber davor oder danach, in der ausufernden Berichterstattung. Es liegt an den Journalisten vor Ort, sich nicht einlullen zu lassen – nicht von der Propaganda, aber auch nicht vom eigenen Sportgerede.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 15:42 Uhr

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